SWR2 Buch der Woche vom 09.01.2017

Emma Braslavsky: Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen

STAND
AUTOR/IN

Wenngleich Emma Braslavskys Roman in einer nicht allzu fernen Zukunft spielt, dann trifft er in seiner satirischen, mitunter lustvoll überdrehten Darstellung doch bereits die mentale Verfasstheit nicht weniger unserer heutigen Zeitgenossen. Natur- und Tierschutz, oder besser gleich: Weltrettung, individuelle Sinngebung und das alles möglichst vergoldet durch Ruhm oder immerhin eine anständige Bezahlung – so lautet das Credo von Braslavskys Figuren.
Weil der Roman aber im Gegensatz zu seinem Personal so angenehm unideologisch daherkommt, hallt dessen diskrete Botschaft umso ausdrücklicher nach: Dass ein Ausweg aus der selbstverschuldeten menschliche Misere nur dann möglich ist, wenn jeder von uns ein wenig von seinen Eitelkeiten absieht.

Ein Roman mit Blick in die Zukunft

Emma Braslavsky, geboren 1971 in Erfurt, hat mit „Aus dem Sinn“ im Jahr 2007 und „Das Blaue vom Himmel über dem Atlantik“ im darauffolgenden Jahr bisher zwei Romane veröffentlicht, in denen ostdeutsche Familiengeschichten erzählt werden. Auch wenn ein Teil der Kritik diese mit allerhand skurrilen Episoden durchsetzen Romane als überfrachtet und angestrengt konstruiert empfand, kann man Emma Braslavsky eines ganz sicher nicht absprechen: den Sinn für Originalität und erzählerischen Wagemut. Dass Braslavsky neben dem Schreiben als Kuratorin interdisziplinärer Kunstprojekte arbeitet, mag da wenig überraschen.

Nun ist, nach acht Jahren Pause, der dritte Roman von Emma Braslavsky erschienen. Erstmals im Suhrkamp Verlag. „Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen“ lautet sein Titel. Mit der DDR hat Braslavsky offenbar abgeschlossen, in ihrem neuen Roman richtet sich ihr Blick in die Zukunft. Wiebke Porombka hat „Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen“ gelesen und festgestellt, dass Emma Braslavsky einem in jedem Fall treu geblieben ist: ihrer Originalität.

Weltrettung fungiert als Antrieb für Braslavskys Charaktere                                                                                        

Die Sehnsucht nach dem Paradies ist die vielleicht beharrlichste Leidenschaft des Menschen. Sei es als Hoffnung auf die irdische, die himmlische oder erst einmal nur die ganz private Erlösung. Nach dem Ende der großen Erzählungen allerdings, der religiösen wie der politischen, braucht es Ersatzstrategien, um den Weg zum glücklichen Dasein antreten zu können. Zumal die Bewohner der modernen Welt feststellen mussten, dass sie ihren Planeten in der Vergangenheit eher hingerichtet haben, als ihn in ein Paradies zu verwandeln.

Glaubt man dem Szenario, das Emma Braslavsky in ihrem hochkomischen Roman „Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen“ entwirft, dann werden wir bald am abstrusen Kulminationspunkt der menschlichen Erlösungsbestrebungen angekommen sein. Oder stecken wir bereits mittendrin? Wenngleich Braslavskys Roman in einer nicht allzu fernen Zukunft spielt, dann trifft er in seiner satirischen, mitunter lustvoll überdrehten Darstellung doch bereits die mentale Verfasstheit nicht weniger unserer heutigen Zeitgenossen. Natur- und Tierschutz, oder besser gleich: Weltrettung, individuelle Sinngebung und das alles möglichst vergoldet durch Ruhm oder immerhin eine anständige Bezahlung – so lautet das Credo von Braslavskys Figuren.

Da ist etwa Dr. Jan-Erik Peralta, Philosophieprofessor und Kopf der Bewegung „Sei neu! Sei besser! Sei human!“. Auf diesen reichlich fadenscheinigen Verführer trifft Roana, gerade volljährig geworden und von ihrem Vater zur Selbstfindung nach Südamerika geschickt. Dr. Jan-Erik Peralta lädt die junge Frau zu sich ein und fordert sie auf zu raten, worin denn der große Plan seiner Bewegung bestehen könne.

Die Autorin zeigt ernste Themen auf ohne den Zeigefinger zu erheben

Nachdem der smarte Dr. Jan-Erik Peralta das Bahnbrechende seines Kastrationsplans ausführlich erläutert hat, missbraucht er Roana sexuell. Als Einwand gegen die Stichhaltigkeit seines Konzepts würde er das natürlich nicht gelten lassen. Als nächstes begegnet Roana einer Gruppe junger Männer in Gorilla-Kostümen. Ihr Ziel: Eine Bereinigung der Geschichtsschreibung. Lesen können soll man künftig nur noch Erbauliches – und das in allen analogen wie digitalen Texten.

Und schließlich gerät die junge Frau in die Fänge eines Ehepaares, das sich auf die Optimierung fremder DNA spezialisiert hat. Dispositionen für Krankheiten oder schlechte Eigenschaften werden einfach herausgeschnitten aus den Molekülreihen, und frei ist der Weg zum idealen Menschen. Was das Paar dafür benötigt, ist denkbar wenig: Nichts mehr als Haare, die regelmäßig bei Restaurantbesuchen aufgesammelt und im hauseigenen Labor archiviert werden, als Wiege einer neuen, besseren Menschheit.

Die Ideen dieser technisch hochgerüsteten, mit Diskursversatzstücken um sich schmeißenden Fantasten, die Braslavsky ausspinnt, sind allemal abseitig. Sie streifen aber auch immer wieder in durchaus ernsthafter Absicht gewesene oder bestehende Ideologien und deren Fragwürdigkeiten, ohne dass Braslavsky dafür einen moralindurchtränkten Zeigefinger heben müsste.

Der zweite Erzählstrang glänzt mit herrlich komischen Passagen

Der zweite Erzählstrang von Emma Braslavskys „Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen“ kreist um die Umweltaktivistin Jo und ihren Mann Jivan. Sie in den späten Dreißigern, Typ ehrgeizige Weltretterin, wobei der Ehrgeiz vornehmlich auf das eigene Fortkommen gerichtet ist. Jivan, mäßig erfolgreicher Architekt, stört sich daran wenig. Er brennt vor Leidenschaft für diese Frau, die dem Leser doch recht spröde erscheint.

Jivan ist fraglos der sympathischste Charakter dieses Romans: unübersehbar ein Mängelwesen, ein Schlawiner, durch seine Spielsucht hochverschuldet und dazu von einer gewissen Pragmatik. So isst er lieber schnell noch einen Döner, bevor er Jo zum streng veganen Geschäftsessen der Tierschutzorganisation „Animal Rights“ begleitet.

Symptomatisch und herrlich komisch sind jene Passagen, in denen Jivan an diesem Abend für seine zwar karrierebewusste, aber reichlich uninspirierte Frau Kampagnen-Ideen aus dem Hut zaubert, die sie bei ihrem neuen Arbeitgeber in ein gutes Licht rücken sollen.

Ein unideologischer Roman, der dennoch eine diskrete Botschaft vermittelt

So albern Jivans Ideen anmuten mögen, so viel Begeisterung ernten sie bei den Beteiligten. „Imperiale Idee“, lautet der Kommentar auf seinen Einhorn-Vorstoß.

Es ist ein Leichtes sich auszumalen, was mit einer solchen Gesellschaft passiert, als die Nachricht einer unbewohnten, auf keiner Karte verzeichneten Insel publik wird. All die selbsternannten Weltverbesser wissen unmittelbar: Nur dort wollen sie hin, nur dort können sie ihre Utopie vom glücklichen Leben verwirklichen. Und natürlich will jeder nicht nur der erste, sondern vor allem der einzige Nutznießer des unverhofft aufgetauchten Paradieses sein. Dass bei soviel Hybris der Untergang vorprogrammiert ist, verwundert kaum.

Aber es würde dem Prinzip von Emma Braslavskys hintersinnigem, spielerischem Roman widersprechen, wenn die finale Katastrophe vollends ausweglos wäre. Gerade weil dieser Roman trotz seines Themas und im Gegensatz zu seinem Personal so angenehm unideologisch daherkommt, hallt dessen unterschwellige, diskrete Botschaft umso ausdrücklicher nach: Dass ein Ausweg aus der selbstverschuldeten menschlichen Misere nur dann möglich ist, wenn jeder von uns ein wenig von seinen Eitelkeiten absieht. Von Emma Braslavsky lässt man sich das nur allzu gern erzählen, wenngleich freilich auch sie uns einen Freifahrtschein ins Paradies nicht ausstellen kann.

STAND
AUTOR/IN