SWR2 Buch der Woche vom 19.12.2016

Aus dem Englischen von Klaus-Jürgen Thornton

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AUTOR/IN
Pascal Fischer

Aus dem Englischen von Klaus-Jürgen Thornton

Geza Vermes, Professor für Jüdische Studien in Oxford und bekannt durch seine Forschungen zum historischen Jesus, beschreibt, wie aus dem jüdischen Prediger Jesus der christliche „Gott“ wurde.

Für die Kirchen und den einfachen Gläubigen ist dieses Buch eine ungeheure Provokation, wenngleich vieles durch die Leben-Jesu-Forschung bereits bekannt ist.
Die Lektüre lohnt in jedem Fall: Vermes argumentiert unaufgeregt, hochgelehrt, immer nah an den Quellen und stets gut verständlich.

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Umbrüche machen Jesus erst nachträglich zu Christus

Vielen ungelehrten Christen erscheint die Bibel noch immer aus einem Guss: Das Alte Testament kündigt den Messias an; das Neue Testament berichtet konsistent von seiner Ankunft und seinem Wirken, egal, wo man es aufschlägt.

Nichts könnte falscher sein, belegt Geza Vermes minutiös, indem er die Umbrüche nachzeichnet, die Jesus erst nachträglich zu Christus machten. Vermes' Quellen sind das Neue Testament, zum Teil Apokryphen, die Schriftrollen von Qumran sowie die herausragenden Theologen bis zum Konzil von Nizäa im Jahre 325.

Zahlreiche christliche Dogmen sind nicht jesuskompatibel

Liest man die Quellen ihrer Entstehungsgeschichte nach, so erweisen sich zahlreiche christliche Dogmen als nicht jesuskompatibel.

Als Gottessohn sah Jesus sich nicht; der Titel ist eher eine damals geläufige Bezeichnung von Propheten, Heilern, Exorzisten. Die Rede vom „Vater“ ist ebenfalls uralt. Jesus sah sich als Jude, nicht als Begründer einer neuen kosmopolitischen Weltreligion für allerlei Heiden; seine Bewegung galt ihm und den Zeitgenossen als Untergruppierung des Judentums. Auch Jesu Jünger gingen nach der Kreuzigung wie selbstverständlich noch in den Tempel.

Das Abendmahl – ein nettes Gemeinschaftsessen, das erst später zur Nachahmung von Jesu Henkersmahlzeit wurde. Das Reich Gottes: Bald bevorstehend, ehe es dann doch nicht kam, nicht mehr unmittelbar erwartet wurde und immer abstrakter beschrieben wurde. Die Taufe: ein Reinigungs- und Umkehrritual und erst später der Nachvollzug von Jesu Auferstehung. Die Idee der Kirche: fehlt völlig. Mit Paulus beginnen die meisten dieser großen Ritualumdeutungen.

Zugleich spricht die Bewegung hellenistische Heiden an und möchte sie mit philosophischen Argumenten überzeugen. So wird Jesus im Jahre 100 zum Logos, zum Fleisch gewordenen Wort:

Jesu Gottesebenbürtigkeit: ein jüdisch-hellenischer Ideenmix

Die Entwicklung wird an Fahrt aufnehmen und Jesus schlussendlich auf dem Konzil von Nizäa umdeuten: zum Gottessohn, ewig als Teil der Trinität dagewesen, anbetungswürdig wie Gott selbst. Nüchtern zeigt Vermes immer wieder, dass frühere Positionen damit quasi Häresie gewesen sein müssten. Noch Paulus betete nicht Christus an, nur Gott. Noch der Evangelist Johannes sah Jesus als zweitrangig hinter dem Herrn an.

Dass das christliche Glaubensbekenntnis 325 mit Christi Ebenbürtigkeit zu Gott aufwartet, verdankt sich nicht einer Rückkehr zu Jesus, sondern einem jüdisch-hellenischen Ideenmix, einer poetischen Allegorisierung, einer nachträglichen philosophischen Durchdringung, zuletzt aber dann einem argumentativem und politischem Geschacher auf dem Konzil.

Mit den zentralen Lehren hätte alles ganz anders kommen können. Und auch für kleinere Gewissheiten hält Vermes verschmitzt ein Erschütterungspotential bereit.

Kritik an Vermes' Werk erfolgte von höchstem Range

Überhaupt belegt das Bischofsamt an sich, dass angesichts des ausgebliebenen nahen Weltendes eine Kirchenverwaltung nötig wurde. Von Jesu Prophezeiung des sehr bald kommenden Gottesreichs hatte man sich bald mit fadenscheinigen Argumenten verabschiedet.

Das englische Original blieb nicht ohne Reaktionen von höchstem Range. Die renommierte Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong monierte, Vermes unterstelle Manipulation, wo christliche Theoretiker einfach nur das Wunder der Trinität fassen wollten – mit damals immer ausgefeilteren Argumenten. Eine akademische Kritik, die an der klar belegbaren Entwicklung des Jesus zum Christus jedoch nicht zu rütteln vermag. Die außerdem herunterspielt, wie die Kirche den Blick verstellt auf einen Menschen aus Fleisch und Blut, auf eine relativ antitheoretische Religion des Herzens.

Der englische Bischof Rowan Atkinson monierte: Vermes könne nicht zeigen, was die Faszination und das Neue an Jesus hinter all den Diskurswechseln ausmache. Das aber klingt wieder, als wolle Atkinson die Geschichte eben von hinten lesen. Er will Vermes' Argumentation schlicht nicht ernstnehmen.

Der Protestantismus ist damals wie heute Revolution

Weniger für Fachleute der „Leben-Jesu-Forschung“, aber für die institutionalisierte Religion und den einfachen Gläubigen ist dieses Buch eine ungeheure Provokation. Geza Vermes erinnert deshalb zum Ende hin besänftigend an die Renaissance, die sich der Bibel neu zuwandte und den Protestantismus hervorbrachte. Damals wie heute eine Revolution.

Das Christentum als verdrehte jüdische Sekte. Es ist eine einzigartige, wenngleich auch uralte narzisstische Kränkung. Christen sollten sie nicht eilfertig abtun als Werk eines narzisstisch gekränkten Juden, der verbockt die Sache mit dem Messias Jesus Christus leugnet. Sie fielen damit in allzu alte Muster des Frühchristentums zurück, mit seinem charakteristischen Antisemitismus.

Vielmehr noch: Wer die Jahrhunderte währende Evolution der menschlichen, allzumenschlichen Religionsverfertigung verfolgt, dem werden religiöse Wahrheiten insgesamt unwahrscheinlicher. Wie weit der Leser deshalb über Vermes hinausgeht und Agnostiker wird, muss er selbst entscheiden. Die Lektüre lohnt in jedem Fall: Unaufgeregt, hochgelehrt, nah an den Quellen, in einfacher Sprache und mit klarer Argumentation.

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Pascal Fischer