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Wie kommt es, dass in Deutschland geborene und aufgewachsene junge Mädchen in den Dschihad ziehen? Güner Yasemin Balci, die selbst in Berlin-Neukölln aufgewachsen ist, hat in der Szene recherchiert und zeichnet ein ebenso anschauliches wie sachliches Porträt einer fiktiven Protagonistin. Mit ihrer Geschichte gewährt sie dem Leser einen unmittelbaren Zugang zu einem alarmierenden Phänomen und macht so die vielfältige Verführungskraft des IS erfahrbar.

Faszination für vehemente religiöse Überzeugungen

Die Journalistin Güner Yasemin Balci erzählt das Schicksal von Nimet Kaya aus Berlin-Neukölln. Die 16-Jährige tut, was alle Mädchen in ihrem Alter so tun: Sie geht mit ihrer besten Freundin Cayenne shoppen und feiern, flirtet mit Jungs, hat manchmal Zoff zu Hause und schwänzt die Schule. Die Eltern sind geschieden, Nimet wächst mit ihrer Schwester bei Mutter Sibel auf. Die arbeitet viel in einer Bäckerei, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Mit ihrer Rolle als alleinerziehende Mutter ist sie häufig überfordert und durchlebt regelmäßige Stimmungstiefs. Eines Tages lernt Nimet in der Schulcafeteria Nour kennen, die Cousine von Cayenne. Nimet ist verunsichert und fasziniert von Nours vehementen religiösen Überzeugungen.

Soziale Netze gegen gesellschaftliche Kälte

Mangelndem gesellschaftlichen Zusammenhalt setzen Konvertitin Nour und ihre Freundinnen ein soziales Netz entgegen: Man hilft Flüchtlingen und besucht Moslems im Krankenhaus. Als Nimet Nour ihre Handynummer gibt, ahnt sie noch nicht, dass sich ihr Leben dramatisch verändern wird. Aus heiterem Himmel wird sie über WhatsApp von einem gewissen Saed kontaktiert. Jene Person behauptet, eine zufällige Zahlenkombination gewählt zu haben. Er sei 22 Jahre alt und lebe in der Türkei, wo er sich um Flüchtlinge kümmere.

Zusammenhalt in der Glaubensgemeinschaft

Nimet will zunächst keinen Kontakt, doch die Neugier siegt. Denn Saed wirkt sanft, gütig, verantwortungsvoll und prinzipientreu. Es dauert nicht lange, da tut Nimet alles, um dem religiösen Saed zu gefallen. Sie leistet unter Nours Obhut gemeinnützige Arbeit. Es folgen Koranlesungen, das Anschauen religiöser Fernsehsendungen und YouTube-Kanäle, das regelmäßige Frequentieren von Moscheen und Betkreisen. Ihre brüchige Familie kann ihr nicht den Zusammenhalt bieten, den sie in der Glaubensgemeinschaft findet. So eignet sie sich bald die Wertevorstellung eines radikalen Islams an. All die Graustufen des großstädtischen Miteinanders verblassen angesichts absoluter Kategorien, die Halt zu bieten versprechen. Und ihre Mutter bringt sie immer mehr mit ihren Moralpredigten zur Weißglut.

Ein perfides Ködersystem...

Nour und Saed überschütten Nimet förmlich mit Aufmerksamkeit. So werden die beiden ihre engsten Vertrauten. Dass die beiden unter einer Decke stecken und sie manipulieren, soll sie erst viel zu spät realisieren. Zunächst erliegt sie einem perfiden Ködersystem, das durch Belohnungen - wie liebevolle Nachrichten von Saed - eine starke Abhängigkeit heraufbeschwört, und so eine Mischung aus jugendlichem Leichtsinn und Reiz des Unbekannten einerseits sowie Gewissheit und Stabilität durch die Glaubensmaximen andererseits befriedigt. Der Preis ist die Loslösung von den alten sozialen Bindungen. Nour treibt einen Keil zwischen Nimet und ihre Familie.

Hintergrundwissen und Einfühlungsvermögen bei der Autorin

Nimets Radikalisierung vollzieht sich zügig. Autorin Güner Yasemin Balci bildet den Prozess in Schlüsselmomenten plausibel ab. Durch ihre eigene türkischstämmige Neuköllner Herkunft, ihre einstige Tätigkeit als Jugendarbeiterin und ihre journalistische Laufbahn ist sie eine Kennerin des urbanen Jugendmilieus mit Migrationshintergrund. Sie zeichnet auch die Biografien von Nimets Eltern nach und entwirft so ein realistisches Porträt des türkischen und arabischen Neukölln. Mühelos gelingen Balci plastische Figuren. Die Dialoge bestechen durch eine authentische Sprache und verdeutlichen das Einfühlungsvermögen der Autorin.

Bereitwilliges Befolgen von Anweisungen

Mit Saed träumt Nimet von einer gemeinsamen Zukunft – auch wenn sie ihn noch nie zu Gesicht bekommen hat. Dieser gibt mittlerweile vollkommen den Takt an und Nimet folgt bereitwillig. So sendet er ihr etwa Anweisungen für die ausführlichen Waschungen und die anschließenden Gebete. Dann erzählt er, dass er nach Syrien gehe und der sogenannte Islamische Staat eine gute Sache sei.

Dramatische Rettungsversuche

Nicht viel später ist auch vom Dschihad zum ersten Mal die Rede. Die Rettungsversuche von Nimets Eltern werden immer dramatischer, bleiben aber vergeblich. Nimet geht von der Schule ab, überzeugt von der Nutzlosigkeit eines Abschlusses. Saed hat ihr stattdessen einen Schnellkurs für Krankenpflege vermittelt, denn er will, dass sie bald zu ihm kommt. Als eines Nachts ihr Handy klingelt, überschlagen sich die Ereignisse. Eine fremde Stimme behauptet, Saed sei verletzt im Krankenhaus und sie müsse unverzüglich nach Syrien reisen. Saed brauche sie vor Ort und habe ihr ein Flugticket nach Istanbul gekauft. Und so wird Nimet von Nour Hals über Kopf zum Flughafen gebracht.

Nutzung sozialer Netzwerke für das Anwerben

Über die Stationen Adana und Sanliurfa gelangt sie mit Hilfe von Mittelsmännern nach Rakka. Erst dort fällt ihr der Betrug wie Schuppen von den Augen… Laut einem aktuellen Bericht des Verfassungsschutzes nutzt der IS mittlerweile verstärkt soziale Netzwerke für professionelle Propaganda und aktives Anwerben – speziell auch von jungen Mädchen. WhatsApp und andere Chatgruppen dienen als Radikalisierungsplattformen und virtuelle Szene-Treffpunkte. Beratungsstellen und Netzwerke bestätigen einen Anstieg der Rekrutierungen.

Ein Schneeballsystem

Das Anwerben wird mit einem Schneeballsystem verglichen: Bereits Ausgewanderte sollen Jugendliche in Deutschland mit einer authentischen Mischung aus Abenteuer, Romantik und dem Kampf für die vermeintlich gute Sache ködern. Autorin Güner Yasemin Balci hat kraft ihrer Neuköllner Milieu-Expertise die Rekrutierung zahlreicher Jugendlicher in Deutschland aus Sicht eines Berliner Mädchens zu einer dokumentarischen Fiktion verarbeitet.

Die vielfältige Verführungskraft des IS

"Das Mädchen und der Gotteskrieger" erzählt eine individuelle Geschichte, die in Muster und Ablauf jedoch durchaus repräsentativ ist. Nimets Fall weist eine anfällige Familienstruktur auf, gekennzeichnet durch eine kriselnde Ordnung und abwesende Bezugspersonen. Durch ein ebenso anschauliches wie sachliches Psychogramm findet Balci einen unmittelbaren Zugang zu einem alarmierenden Phänomen und macht so die vielfältige Verführungskraft des IS erfahrbar.

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