Buch-Tipp Wolfgang Schreiber: „Claudio Abbado, der stille Revolutionär“

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„Claudio Abbado, der stille Revolutionär“ heißt das neue Buch von Wolfgang Schreiber. Der Musikjournalist würdigt in dieser Biografie den Dirigenten und lässt dabei viele Eindrücke einfließen, die er bei seiner journalistischen Tätigkeit gewinnen konnte. Eva Hofem hat das Buch gelesen.

Der junge Abbado und die Mailänder Scala

Der „Jahrhundertdirigent“ Claudio Abbado hörte als Kind Claude Debussys „Nocturnes“ im Opernhaus seiner Heimatstadt, der Mailänder Scala, und entschloss Dirigent zu werden. Mit viel Pathos erzählt Biograph Wolfgang Schreiber von den Einflüssen, die dieses Haus auf den jungen Claudio hatten.

„Er besuchte Konzerte oder durfte Orchesterproben beiwohnen. Er beobachtete dort den greisen, weltberühmten Arturo Toscanini und wurde Zeuge, wie der despotische Maestro die Musiker mit Wutausbrüchen traktierte. Er hat es nie vergessen. So willensstark und fordernd Abbado später den Orchestern, die er dirigierte, gegenüber auftrat, stets ging er respektvoll mit den Musikern um.“

Umfangreiche Literaturkenntnisse

Das Buch erzählt in 17 Kapiteln chronologisch vom Leben des „stillen Revolutionärs“. Begonnen bei der Kindheit in Mailand, dann der späte Durchbruch als Dirigent, die Assistenz bei Leonard Bernstein, seine Zeit als musikalischer Direktor in Wien, Berlin, London, bis zum ergreifenden Gedenkkonzert an der Mailänder Scala nach seinem Tod. Ein tiefgreifendes wiederkehrendes Thema ist Abbados Liebe zur Literatur. Schreiber zeichnet hier ein klares Bild des Musikers, der schon in jungen Jahren ein immenses Literaturwissen angehäuft hatte. Auch wenn die Buchtitel teilweise zur reinen Aufzählung verkommen: Sie sind ein wichtiger Grundstein, um Abbados späteres Detailwissen zu verstehen.

„Noch gründlicher als in der Jugendzeit drang Abbado später in die russische Literatur ein, auch in dem Wunsch, die historische Tiefendimension von Mussorgskis „Boris Godunow“ besser zu verstehen.“

Mit Interviews angereichert

Es sind vor allem journalistische Erzeugnisse, die als Grundlage dieser Biographie dienen und weniger die persönlichen Erzählungen Abbados. Als langjähriger Musikredakteur der Süddeutschen Zeitung hat Wolfgang Schreiber natürlich auch selbst Interviews geführt. Und das bleibt in der Biographie nicht unerwähnt. So schildert er innerhalb des umfassenden Kapitels über Abbados künstlerische Beziehung zu dem Komponisten Luigi Nono und dem Pianisten Maurizio Pollini einen seiner journalistischen Einsätze in den 70er Jahren:

„In deutschsprachigen Medien hingegen wurde Pollini auch der „Skandallust“ bezichtigt. Ein Musikpublizist, Autor dieses Buches, wollte es damals genauer wissen, er verabredete sich zu einem Gespräch mit Pollini und ließ sich über die Motive und Hintergründe seiner politischen Haltung aufklären, über die Strukturen der gegenwärtigen Musikkultur. Und stellte es ausführlich zur Diskussion.“

Unseriöser Beigeschmack

Nicht nur in diesem an sich wichtigen Kapitel über Politik und Musik sorgen einige Formulierungen des Autors leider für einen etwas unseriösen Beigeschmack. Dass hier ein erfahrener Musikpublizist schreibt, wäre kaum erwähnenswert gewesen. Und es wird nicht erst nach dem Zusatz im Klappentext klar, dass Wolfgang Schreiber den Dirigenten viele Jahre journalistisch im Visier hatte. Dabei sind es nicht nur Abbados Konzertprogramme oder das nicht-Beachten bestimmter Opern, die in dieser Biographie akribisch aus der Ferne interpretiert werden. Auch kleinere Gesten hat Wolfang Schreiber über Jahrzehnte an Abbado beobachtet und verwendet sie als Interpretationsgrundlage.

„So trug Abbado den Stab, das „Zepter“ der Orchesterleitung als Sinnbild vermeintlicher „Macht“ über Musiker und Musik, keineswegs offen in der Hand, wenn er das Podium betrat. Er hielt ihn versteckt. Erst am Dirigentenpult, kurz vor dem ersten Einsatz, zog Abbado den Taktstock wie nebenbei aus dem Ärmel, rasch und diskret.“

Erste umfangreiche Abbado-Biographie

Insgesamt gibt die Biographie einen guten Überblick und einen Eindruck über das Leben des großen Dirigenten. Dabei beruft Schreiber sich vor allem auf Dokumente, die freizugänglich existieren. Es ist die erste große umfangreiche Biographie von Claudio Abbado. Und allein deswegen lohnt sich ein genauerer Blick. Denn Abbados Leben verknüpft viele wichtige musikalischen Ereignisse, von denen die Musikwelt heute noch profitiert. Sei es die Gründung des Lucerne Festival Orchestra, der musikalische Neuaufbau der Mailänder Scala oder die Gründung des ersten Jugendorchester Europas, dem European Youth Orchestra, aus dem später das Mahler Chamber Orchestra hervorging. Diese Biographie zeigt: Claudio Abbado ist im musikalischen Europa auch nach seinem Tod immer noch tief verwurzelt.

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