Buch-Tipp Berührend unmittelbar: Die Memoiren der Sängerin Brigitte Fassbaender

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10:05 Uhr
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SWR2

Die Sängerin Brigitte Fassbaender hat während ihrer langen Karriere um die Wahrheit nie einen Bogen geschlagen, sich selbst nie verbogen. Auch das hat es ihr ermöglicht, viele Jahrzehnte auf der Bühne zu stehen. Jetzt schaut sie in Buchform auf ihr Leben zurück, nachdem sie im Juli ihren 80. Geburtstag feierte. Christoph Vratz hat ihre Erinnerungen gelesen.

„Mein Vater genoss sein erfolgreiches Sängerleben in vollen Zügen. Er gehörte zu den Auserwählten, die 1934 unter dem Dirigenten Fritz Busch und in der Regie von Carl Ebert das Mozart-Festival in Glyndebourne mit «Figaros Hochzeit» und «Così fan tutte» eröffneten.“

Brigitte Fassbaender beginnt ihre Memoiren mit ihrer Herkunft und an erster Stelle mit ihrem Vater, dem berühmten Sänger Willi Domgraf-Faßbaender. Ihre Mutter war die Schauspielerin Sabine Peters. Eine Künstlerfamilie also, die der jungen Brigitte den späteren Weg erleichterte – aber auch nicht immer.

„Als ich geboren wurde, lebten meine Eltern in Berlin, der Metropole dieses Reiches. Sie lebten in Wohlstand und Erfolg und arrangierten sich mit den Umständen. […] Ich bin als waschechte Berlinerin in Schöneberg zur Welt gekommen, […] zwei Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, am 3. Juli 1939.“

Von Beginn an beschönigt Fassbaender nichts. Die Partei-Mitgliedschaft ihres Vaters kann sie sich bis heute nicht erklären – von ihm selbst erhielt sie nur schamvolle Ausflüchte; und ein treuer Gatte war der Vater auch nie. Sie selbst haderte schon mit dem Zur-Welt-Kommen.

„Ich bin […] ein Kaiserschnittkind und soll mich sehr gegen mein Erscheinen auf dieser Erde gewehrt haben.“

Anschaulich und lebensnah erzählt Brigitte Fassbenader ihr Leben. Mit dem Singen ging es anfangs nur mühsam aufwärts.

„Zu Hause sang ich manchmal im kleinen Badezimmer vor mich hin. Dass meine Großmutter mich hörte, machte mir nichts aus. Sie verstand ja nichts davon. Aber nie hätte ich gewagt, mich vor anderen singend zu offenbaren. […] Das Chorsingen hatte ich verweigert und nicht mehr als eine Vier in der Benotung bekommen.“

Doch dann schickt sie ihrem Vater ein Tonband mit der Bemerkung: „Das bin ich“:

„Wenn du meinst, es könnte sich lohnen, dann würde ich gerne Sängerin werden! Das Singen macht mich sehr glücklich.“

Fassbaender schmeißt ein Jahr vor dem Abitur die Schule und studiert in Nürnberg: Ihr Vater bleibt ihr einziger Gesangslehrer. Immer schneller nimmt Fassbaenders Entwicklung Fahrt auf. Als sie im Dezember 1960 an der Staatsoper in München vorsingt, ist sie erst 21. Joseph Keilberth, damals Generalmusikdirektor des Hauses, versichert dem Vater brummend: „Wir passen auf, auf dies Talent.“ Für ein Gehalt von 700 DM wird Fassbaender Ensemblemitglied in München.

„Ich lebte von Nudeln und Tomatensoße, aß auch manchmal in der Opernkantine. […] Als die Partien im Laufe der Jahre dramatischer wurden, wuchs auch mein Appetit. Ich aß und trank für mein Leben gern.“

Fassbaender erzählt über 350 Seiten mit einer Direktheit, die den Leser in einen Bann schlägt. Sie berichtet von Bühnenerfolgen und von Diätversuchen, von Rückschlagen und Besuchen bei HNO-Ärzten. Sie spricht von Menschen, die sie geprägt haben – teils im Hintergrund, etwa als ihre Korrepetitoren; teils als ihre Bühnenpartner. Schon in ihrer ersten Saison gehört Fassbaender zur Premieren-Besetzung in Peter Tschaikowskys „Eugen Onegin“:

„Meine Partner als Onegin und Lenski waren Hermann Prey und Fritz Wunderlich: beide schon mit fast beiden Füßen in der Weltkarriere, fleißige, muntere Kollegen, die die Newcomerin neugierig und liebevoll unter ihre Fittiche nahmen.“

Bewunderung und Kritik – Brigitte Fassbaender legt alles offen auf den Tisch, Privates und Berufliches, dabei immer schonungslos zu sich selbst und voller Respekt für andere. Und natürlich erzählt sie von ihrer Liebe zum Lied:

„Das Singen von Liedern ist – wenn es gelingt – die größte künstlerische Befriedigung, die ein Interpret erfahren kann. Und die Vorbereitung auf ein Programm, auf einen Abend geschieht in großer Einsamkeit: Ein Liedersänger ist sein eigener Regisseur und Dramaturg.“

Vor 25 Jahren, mit Mitte 50, beendet Brigitte Fassbaender ihre Sängerlaufbahn, widmet sich ihrer Arbeit als Lehrerin und Regisseurin. Seither hat sie über 80 Inszenierungen auf die Bühne gebracht, immer mit besonderem Fokus auf eine ausgefeilte Personenregie.

Fassbaenders Memoiren zählen unstrittig zu jenen Musiker-Erinnerungen, die von Substanz, nicht vom Klatsch oder Selbstbeweihräucherung, leben. Ein berührend unmittelbares, ehrliches Buch, vor allem lebendig erzählt für ein breites Publikum: für Nostalgiker von einst und junge Sänger-Kandidaten von heute, die auch zwischen den Zeilen zu lesen verstehen.

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