Ausstellung

„Die Kunst ist eine geistige Sprache“ - Alexej von Jawlensky im Kunstmuseum Ravensburg

Stand
AUTOR/IN
Thea Thomiczek

Der 1864 in Russland geborene Künstler Alexej von Jawlensky gilt als einer der bedeutendsten Expressionisten. Er schuf Frauenporträts, Landschaften und Stillleben in leuchtenden Farben, darunter Hauptwerke der Klassischen Moderne. In seinem Spätwerk konzentriert sich Jawlensky ganz auf das Gesicht als Bildthema. Seine Porträts werden dabei immer abstrakter und lösen sich in geometrischen Formen auf. Das Kunstmuseum Ravensburg gibt bis Anfang März 2024 Einblicke in alle Schaffensphasen des ungewöhnlich facettenreichen Künstlers.

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Das „Spanische Mädchen“ von Jawlensky ist die Mona Lisa Ravensburgs

Das Kunstmuseum Ravensburg besitzt nur ein Werk von Jawlensky, das aber zu einer Art Ikone geworden ist: „Spanisches Mädchen“, von Anfang an auf allen Plakaten zu sehen. Man spreche sogar von der Mona Lisa Ravensburgs, sagt Kuratorin Kristina Groß.

Sie versteht die Beliebtheit des Porträts: „Wenn wir uns das anschauen, dann sehen wir eine Spanierin, die wirklich durch Sinnlichkeit besticht.“ Blumen im Haar, sinnliche, volle Lippen, verführerischer Blick: „Egal, wo man steht, man sieht sich immer angesehen von diesem Spanischen Mädchen“, so die Kuratorin.

Das großformatige Bild von 1912 hing in den 1970ern noch im Büro des US-amerikanischen Vizepräsidenten Rockefeller. Seine Frau – so will es die Überlieferung- soll gar eifersüchtig gewesen sein und froh, als Rockefeller es dem Werbegrafiker Selinka verkaufte. Dessen Sammlung bildet heute den Grundstock des Museums. In der neuen Ausstellung wird das Spanische Mädchen flankiert von weiteren Frauenporträts in leuchtenden Farben des bedeutend Expressionisten.

Alexej von Jawlensky im Kunstmuseum Ravensburg (Foto: Pressestelle, Sammlung Selinka, Kunstmuseum Ravensburg, Foto: Wynrich Zlomke)
Alexej von Jawlensky, Spanisches Mädchen, 1912, Öl auf Karton, 70 x 50 cm Bild in Detailansicht öffnen
Alexej von Jawlensky im Kunstmuseum Ravensburg (Foto: Pressestelle,  Horst und Gabriele Siedle Kunststiftung, Furtwangen, Foto: Bernhard Strauss, Freiburg )
Alexej von Jawlensky, La Cocotte, 1912, Öl auf Malpappe, 53,5 x 49,5 cm Bild in Detailansicht öffnen
Alexej von Jawlensky im Kunstmuseum Ravensburg (Foto: Pressestelle, Kunststiftung Rainer Wild, Heidelberg)
Alexej von Jawlensky, Stillleben mit Äpfeln, 1905, Öl auf Leinwand, 46 x 57 cm Bild in Detailansicht öffnen
Alexej von Jawlensky im Kunstmuseum Ravensburg (Foto: Pressestelle, Kunsthalle Emden)
Alexej von Jawlensky, Meditation (Die Urgewalt), 1936, Öl auf Leinwand auf Malkarton, 51 x 57 cm Bild in Detailansicht öffnen
Alexej von Jawlensky im Kunstmuseum Ravensburg (Foto: Pressestelle, Hilti Art Foundation)
Alexej von Jawlensky, Landschaft bei Murnau, ca. 1910, Öl auf Karton, 33,2 x 41,2 cm Bild in Detailansicht öffnen

Im Schweizer Exil malt Jawlensky den Blick aus seinem Fenster in Serie

Jawlensky wird 1864 in Russland geboren, kommt um die Jahrhundertwende nach München. Dort gehört er der Vereinigung „Blauer Reiter“ an, ist erfolgreich und vernetzt mit den progressiven Künstlern seiner Zeit wie Wassily Kandinsky und Gabriele Münter.

Doch dann der Bruch: zu Beginn des Ersten Weltkriegs muss er als Russe ausreisen. In der Schweiz entdeckt er die Serie, malt, fast manisch, nur den Blick aus seinem Fenster.

„Wenn ein Künstler sich einer Serie verpflichtet, dann ist das erst einmal ein Korsett“, sagt Kristina Groß. „Er  hat 600 Mal ein landschaftliches Motiv gemalt, aber ich glaube, das gab ihm die Freiheit, die Mittel, die ihn interessierten, Form und Farbe, zu einem großen Ausdruck zu steigern.“

Das Gesicht wird für Jawlensky zum wichtigsten Bildthema

Das von Claude Monet damals entwickelte moderne Prinzip der Serie treibt Jawlensky voran, wobei das Gesicht sein wichtigstes Bildthema wird, sagt Museumsleiterin Ute Stuffer. Sie beobachtet, „wie er immer flächigere Gefüge bildet - das Gesicht tritt immer näher an uns heran, wird zunehmend abstrahiert, bis letztlich ein geometrisches Gefüge entsteht.“  Das steigert er bis zu seiner „Meditationen“ genannten letzten Werkserie ab 1934.

Jawlensky ist nach dem Schweizer Exil wieder zurück in Deutschland und schon durch eine schwere Arthritis gezeichnet. Sein Werk ist von den Nazis verfemt. „Die Nationalsozialisten bezeichneten seine Kunst als entartete Kunst“, erklärt Ute Steuffer. „Er bekam Ausstellungsverbot, und in den letzten drei Lebensjahren, wo er noch malen konnte, malte er diese kleinformatigen Antlitze mit groben Pinselstrichen, steigert sie zu einer sakralen Geometrie.“  

Alexej von Jawlensky im Kunstmuseum Ravensburg (Foto: Pressestelle, Kunsthalle Emden)
Alexej von Jawlensky, Meditation (Die Urgewalt), 1936, Öl auf Leinwand auf Malkarton, 51 x 57 cm

Die Nase wird bis zum Kinn lang gezogen wie ein schwarzer Balken und bildet mit den Augenschlitzen ein Kreuz. So wird das Gesicht religiös aufgeladen. „Meine Kunst ist nur Meditation oder Gebet in Farbe“, so Jawlensky. Er arbeitet bis zur vollständigen Lähmung wie besessen, schafft 1.000  postkartengroße Meditationen und stirbt 1941 in Wiesbaden.

Das Kunstmuseum Ravensburg feiert das Werk eines ungewöhnlichen Künstlers

Bekannt ist er heute eher für sein expressionistisches Frühwerk. Für Kuratorin Kristina  Groß ist das individuelle Spätwerk bedeutender: „Er schafft es wirklich, das Gesicht zum Antlitz zu steigern. Man könnte diese kleinen Antlitze als religiöse Metaphern lesen, und das ist etwa sehr  Spefizisches, was er ganz eigenständig innerhalb seines Werks entwickelt hat.“

Das Museum präsentiert es konzentriert und feiert mit einer wunderbaren Ausstellung das Werk eines ungewöhnlichen Künstlers.     

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Thea Thomiczek