Centre Pompidou Paris Visueller Flash: Wie Literatur Francis Bacon zum Malen inspirierte

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12:33 Uhr
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SWR2

Der britische Künstler Francis Bacon war ein belesener Mann. Seine Bibliothek umfasste mehr als 1.000 Bücher, die für seine Malerei eine wichtige Rolle spielten. Wie groß der Einfluss der Literatur auf die Bilder Francis Bacons war, zeigt jetzt eine spektakuläre Ausstellung im Centre Pompidou Paris: „Bacon en toutes lettres“.

Texte, die Francis Bacon inspirierten, sind – englisch und französisch – in separaten, dunklen, bilderlosen Räumen zu hören. Eine kluge Entscheidung, denn der Maler Francis Bacon war alles andere als ein Illustrator.

„Die Autoren inspirieren ihn nicht zu narrativen Bildern, es sind eher visuelle Flashs“, sagt Ausstellungskurator Didier Ottinger. „Aus der Vielzahl von Bildern, die zum Beispiel T.S. Eliots Gedichte in ihm stimulieren, hält er dann zwei oder drei fest und komponiert damit ein Triptychon. Das ist sehr subtil.“

Kunst „Bacon en toutes lettres“ - Ausstellung im Centre Pompidou Paris

Ausstellung „Bacon en toutes lettres“ im Pariser Centre Pompidou (Foto: Centre Pompidou/Prudence Cuming Associates/The Estate of Francis Bacon/Adagp, Paris and DACS, London 2019)
Eliots Gedicht „Das wüste Land“ faszinierte Bacon wohl auf eine ähnliche Art wie die griechischen Tragödien. Geschrieben nach dem Ersten Weltkrieg, ist „Das wüste Land“ geprägt von Horror und Gewalt, Schuld und Blut, Kultur und Barbarei. Triptychon 1986 - 7 CR87-01, Privatsammlung London Centre Pompidou/Prudence Cuming Associates/The Estate of Francis Bacon/Adagp, Paris and DACS, London 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Bacon übersetzt die moderne fragmentarische Form des literarischen Textes in fragmentarische Bilder. Die Ausstellung konzentriert sich auf das Spätwerk der 70er und 80er Jahre. Gemälde, auf denen in geometrisch komponierten Räumen Motive wie Blutlachen und deformierte Körper Szenarien entstehen lassen, die – wir haben hier ja Nietzsche im Ohr – an die Geburt der Tragödie erinnern: Apollonisch-Dionysisch. Oft sind in Bacons Bildern Bezüge zu mehreren Texten gleichzeitig erkennbar. Triptychon, 1970. Australische Nationalgalerie, Canberra. Centre Pompidou/Hugo Maertens/The Estate of Francis Bacon, Adagp, Paris and DACS, London 2019 Bild in Detailansicht öffnen
„Der Graal, den wir hier sehen, kommt zweifellos eher von Eliot als von Conrad“, sagt Didier Ottinger, und deutet auf das mittlere Bild eines Triptychons von 1976. Und doch bringt Ottinger dieses Triptychon vor allem in Zusammenhang mit Joseph Conrads Kolonialismus-Roman „Herz der Finsternis“. Indizien: Bacon porträtierte auf den äußeren Bildtafeln den Afrika-Fotografen Peter Beard, den er in London getroffen hatte. Und auf der mittleren Bildtafel ist ein schwarzer Vogel zu sehen, der eine menschliche Figur verschlingt. Bacons Version des alten Prometheus-Motivs. Triptyque mai-juin 1973, Privatsammlung Centre Pompidou/Prudence Cuming Associates/The Estate of Francis Bacon/Adagp, Paris and DACS, London 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Sanddüne, 1983. Fondation Beyeler, Basel. Centre Pompidou/Prudence Cuming Associates/The Estate of Francis Bacon/Adagp, Paris and DACS, London 2019 Bild in Detailansicht öffnen
In der Erinnerung an George Dyer, 1971. Fondation Beyerler, Basel. Centre Pompidou/Hugo Maertens/The Estate of Francis Bacon/Adagp, Paris and DACS, London 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Oedipus und die Sphinx nach Ingres, 1983. Collection Berardo, Lissabon Centre Pompidou/Prudence Cuming Associates/The Estate of Francis Bacon/Adagp, Paris and DACS, London 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Porträt von George Dyer im Spiegel, 1968. Collection Agnelli, London. Centre Pompidou/Hugo Maertens/The estate of Francis Bacon/Adagp, Paris and DACS, London 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Porträtstudie (Michel Leiris), 1978. Centre Pompidou, Paris. Leihgabe von Louise und Michel Leiris. Centre Pompidou/MNAM CCI/Bertrand Prévost/The estate of Francis Bacon, Adagp, Paris and DACS, London 2019 Bild in Detailansicht öffnen

„Man sieht nur, was man weiß“ – das Goethe-Zitat beweist in dieser literarischen Ausstellung mal wieder seine Richtigkeit. Außer den Bildern gibt es übrigens nichts zu lesen. Auf die üblichen Erklärtexte an den Wänden wurde verzichtet. Das kann man bedauern – denn es gäbe zu den Bildern des belesenen Bacon viel zu erklären.

So lässt sich Francis Bacons Malerei wunderbar lesen

Doch gerade der Verzicht auf didaktisches Beiwerk, das Vertrauen auf die Kraft der Literatur, macht diese Ausstellung zu einer sehr intimen und lehrreichen Begegnung mit dem Wesentlichen: Mit den Texten der Dichter und Denker im Ohr, lässt sich Francis Bacons Malerei tatsächlich wunderbar lesen.

„Bacon en toutes lettres“, Ausstellung im Pariser Centre Pompidou vom 11. September 2019 bis zum 20. Januar 2020.

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