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Als erste Impfdosis Astrazeneca, als zweite Biontech oder Moderna: Das empfiehlt die STIKO jetzt für alle Menschen unabhängig vom Alter. Der Grund: Die Kreuzimpfung sei effektiver als eine doppelte Gabe von AstraZeneca. Doch wie sicher ist dieses "Mix and Match" Verfahren?

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Nach mehreren, teils tödlich verlaufenen Fällen von Hirnvenen-Thrombosen, gab die Ständige Impfkommission STIKO am 1. April 2021 die Empfehlung bekannt, dass alle unter 60-Jährigen, die als Erstimpfung den Astrazeneca-Impfstoff erhalten haben, als zweite Dosis einen mRNA-Impfstoff erhalten sollen.

Am 1. Juli 2021 erweiterte die STIKO diese Empfehlung auf alle Altersgruppen, zumindest vorbehaltlich. Der Grund: Die Kreuzimpfung scheint noch besser zu wirken als zwei Dosen mit dem Impfstoff von Astrazeneca.

Mindestens vier Wochen nach der Erstimpfung mit Astrazeneca könne die Zweitimpfung mit Biontech oder Moderna erfolgen. Damit ist das "Mix and Match" verfahren nicht nur möglicherweise effektiver, mehr Menschen könnten damit auch schneller ihre Zweitimpfung erhalten. Eine vollständige Impfung ist gerade im Hinblick auf die neuartige Delta-Variante entscheidend, denn gegen die wirke eine einfache Impfung nach aktuellen Erkenntnissen deutlich weniger als gegen das original Coronavirus.

Studien zu den Kombinationsimpfungen

Mittlerweile haben nach und nach mehrere Forschungsgruppen aus Europa erste Studien zur Diskussion gestellt, unter anderem aus Großbritannien, Spanien, dem Saarland und der Charité in Berlin. Viele der Ergebnisse wurden aber noch nicht von anderen Wissenschaftlern überprüft.

Auch in Ulm haben Forscherinnen und Forscher ihre Daten vorveröffentlicht. In ihrer Studie haben sie sich angeschaut, wie das Immunsystem auf die Kombination der Impfstoffe auf Zellebene reagiert und ob Antikörper gebildet werden. Das Ergebnis passt zu den anderen Studien: Alle Probanden hätten einen guten Immunschutz aufgebaut, erklärt der Studienleiter Dr. Jannis Müller.   

Kombinationsimpfung (Foto: Imago, imago images/Science Photo Library)
Das Forschungsteam aus Ulm hat untersucht, wie das Immunsystem auf die Kombination der Impfstoffe auf Zellebene reagiert und ob Antikörper gebildet werden – alle Probanden haben einen guten Immunschutz aufgebaut. Imago imago images/Science Photo Library

Auch Thomas Mertens, der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission bewertet die ersten Ergebnisse aus den aktuellen Studien positiv: "Die Datenlage ist erstaunlich einheitlich.“ Die Immunantwort sei nach der Impfstoffkombination sogar besser als nach der Gabe von zwei Dosen des gleichen Impfstoffs.

Heterologe Vektorimpfstoffe könnten wirksamer sein

An der Kombination von unterschiedlichen Impfstoffplattformen mit dem Ziel, die Immunantwort noch zu steigern, wird bereits seit den 90er Jahren geforscht.  

Gerade bei Vektorimpfstoffen kann sich die Wirksamkeit erhöhen, wenn zwei Einzeldosen verschiedener Vektorimpfstoffe gegeben werden. So funktioniert zum Beispiel der Corona-Impfstoff Sputnik V, er besteht aus zwei verschiedenen Vektoren. Diese Kombination soll dem altbekannten Problem von Vektorimpfstoffen entgegenwirken, dass der Körper nicht nur eine Immunität gegen das Zielgen, sondern auch gegen den Vektor selbst entwickelt.  

Und auch in der Ebola- und HIV-Forschung zeigten Studien, dass die Immunantworten bei heterologen – also gemischten –Kombination von Impfstoffen besser waren, als wenn die beiden Impfungen mit einem Impfstoff gegeben wurden. 

Vorteile durch den Mix von mRNA- und Vektorimpfstoffen?

Auch die Mischung von Vektorimpfstoffen wie Astrazeneca und mRNA-Impfstoffen wie Biontech und Moderna könnte die Immunantwort unseres Körpers verstärken. Hintergrund ist, dass eine robuste Immunantwort des Körpers sich auf mehrere Säulen stützt. Da sind einmal die virusneutralisierenden Antikörper, aber dazu kommen auch die T-Helfer-Zellen, die die Antikörperproduktion steigern und als drittes zytotoxische T-Zellen, die infizierte Zellen abtöten. 

Eine robuste Immunantwort des Körpers sützt sich auf mehrere Säulen. Virusneutralisierende Antikörper, aber auch T-Helfer-Zellen und zytotoxische T-Zellen. (Foto: Imago, imago images/Alexander Limbach)
Eine robuste Immunantwort des Körpers sützt sich auf mehrere Säulen. Virusneutralisierende Antikörper, aber auch T-Helfer-Zellen und zytotoxische T-Zellen. Imago imago images/Alexander Limbach

Denn Vektorimpfstoffe wie Astrazeneca aktivieren stärker T-Zellen, die mRNA-Impfstoffe von Moderna und Biontech rufen vor allem eine starke Antikörperantwort hervor. Die Kombination aus beiden könnte daher große Vorteile bringen.

Studien zeigten unterschiedliche Ergebnisse bei den Nebenwirkungen 

Noch nicht endgültig geklärt ist die Frage, wie gut verträglich die Kombination der Impfstoffe ist.  

Erste Daten zur Sicherheit des Mix and Match Verfahrens kamen aus der britischen ComCov Studie, die in dem Fachmagazin Lancet veröffentlicht wurden. Insgesamt schien die Kombination der Impfstoffe sehr sicher zu sein. Es gibt aber eindeutige Hinweise darauf in dieser Studie, dass die Nebenwirkungen nach der zweiten Spritze mit einem anderen Impfstoff deutlich stärker sind, als wenn nur mit einem Impfstoff immunisiert wird.  

Denn dort meldeten zwischen 60 und 80 Prozent der Mix and Match Geimpften nach der zweiten Spritze milde bis moderate Nebenwirkungen – zum Beispiel Kopfweh, Müdigkeit, Muskelschmerzen, leichtes Fieber und allgemeines Krankheitsgefühl. Das Gute daran: Bei allen ließen diese Nebenwirkungen auch innerhalb weniger Tage nach und niemand musste deswegen ins Krankenhaus.  

Kombinationsimpfung (Foto: Imago, imago images/Sven Simon)
Zwischen 60 und 80 Prozent der Mix and Match Geimpften meldeten nach der zweiten Spritze in der britischen Studie milde bis moderate Nebenwirkungen. Imago imago images/Sven Simon

Bei anderen Studien hingegen zeigten sich keine häufigeren Nebenwirkungen bei der Impfstoffkombination. Dr. Janis Müller, Studienleiter an der Molekulare Virologie an der Uniklinik Ulm sagt, dass in der Britischen Studie ein Impfabstand von vier Wochen verwendet wurde und deshalb möglicherweise höhere Nebenwirkungen gemessen wurden. In den anderen Studien wurde mindestens ein Impfabstand von 8 Wochen verwendet, es könne also sein, dass es zu niedrigeren Impfreaktionen kommt, wenn sich das Immunsystem nach einigen Wochen etwas beruhigt hat. 

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