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Wie können die Schulen ab Herbst geöffnet bleiben ohne dabei ein zu großes Risiko für Schüler, Lehrer und Eltern einzugehen? Darüber hat jetzt eine Expertenrunde Auskunft gegeben.

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Kinder und Jugendliche haben in der Pandemie unter den Schulschließungen und den Lockdowns besonders gelitten. Sie haben Ängste, Depressionen und Essstörungen entwickelt. Die Schulen sollen deshalb im Herbst unbedingt geöffnet bleiben. Doch leider ist davon auszugehen, dass sich das Coronavirus dann wieder weiter ausbreiten wird. Nicht zuletzt auch wegen der Delta-Variante, die inzwischen die Oberhand über die anderen Mutationen gewonnen hat.

Aber wie kann dafür gesorgt werden, dass die Schulen tatsächlich geöffnet bleiben und gleichzeitig das Risiko möglichst gering bleibt? Darüber hat jetzt eine Runde von Experten aus Public Health, Präventivmedizin, Virologie und STIKO Auskunft gegeben.

Wie hält man das Virus von den Schulen fern?

Geht es um die Öffnung der Schulen, geht es zunächst darum zu verhindern, dass das Coronavirus überhaupt in die Schulen kommt und sich dort ausbreiten kann: also Prävention, sagt Eva Rehfuess, Leiterin des Lehrstuhls für Public Health und Versorgungsforschung der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Sie empfiehlt Präventionsmaßnahmen wie:

  • Reduzierung der Zahl der Schüler*innen in Präsenz, also Wechselunterricht bei hohem Infektionsgeschehen
  • Kohortierung, das heißt Beschränkung der sozialen Kontakte auf festgelegte Gruppen
  • Maskentragen, und zwar medizinischer Mund-Nasen-Schutz
  • Maßnahmen auf Schulwegen sollten ebenfalls geprüft werden
  • Musik- und Sportunterricht sollte weiterhin stattfinden, aber mit entsprechenden Schutzkonzepten
Ein Schild mit der Aufschrift "Schulgelände – Zutritt für Unbefugte verboten" auf einer Backsteinwand (Foto: Imago, IMAGO / Stefan Zeitz)
Schulfremden ist der Zutritt auf das Schulgelände verboten. Ganz so einfach lässt sich das Coronavirus jedoch nicht aufhalten. Imago IMAGO / Stefan Zeitz

Auf das richtige Lüften kommt es an

Zu den wirksamsten Schutzkonzepten gehört nach wie vor das Lüften. Das sei in Schulen schon vor Corona wichtig gewesen, sagt Julia Hurraß von der Gesellschaft für Hygiene, Umweltmedizin und Präventivmedizin. Allerdings hätte das Lüften stets zu wenig Aufmerksamkeit bekommen. Alle 20 Minuten für fünf Minuten die Fenster öffnen und möglichst Querlüften sei die beste Lösung, um die Viruslast in der Luft gering zu halten.

Schüler*innen sitzen in einem Klassenzimmer bei geöffnetem Fenster (Foto: Imago, IMAGO / imagebroker)
Lüften hilft am besten gegen eine Infektion im Klassenzimmer. Imago IMAGO / imagebroker

Lüftungsgeräte seien dagegen selten eine echte Option. Denn mit den Geräten muss man sich auskennen, sagt Hurraß.

Die Aufstellung der Geräte muss fachlich gut begleitet werden. Wenn sie irgendwo stehen und nicht die ganze Klasse von der Luftströmung abgedeckt wird, nützen sie nichts. Auch die Wartung muss vorher geregelt werden.

Außerdem müssen die Anforderungen an die Geräte stimmen. Manche sind zu laut und stören den Unterricht oder sie erzeugen gesundheitsschädliche Stoffe, die in die Klassenräume gelangen. Die natürliche Lüftung zu verstärken sei da oft besser, meint Hurraß.

Eine angenehmere und schnellere Testmethode soll den Schulalltag vereinfachen

Ein weiterer Punkt ist eine neue Testmethode an den Schulen. Florian Klein, Direktor des Instituts für Virologie der Uniklinik Köln hat mit seinem Team dazu den sogenannten Lolli-PCR-Test entwickelt. Dabei lutschen die Kinder für etwa 30 Sekunden an einem Wattestäbchen. So soll die Angst vor dem Test sinken – denn gerade Kinder hätten oft Probleme mit dem herkömmlichen PCR-Test, bei dem das Stäbchen bis in den Nasenrachenraum geschoben wird.

Ein Lollipop neben einem Corona-Lolli-Teststäbchen  (Foto: Imago, IMAGO / Hartenfelser)
Wenn auch nicht in Geschmack und Optik, doch in der Anwendung sind sich Lollipop und Lolli-Test sehr ähnlich. Imago IMAGO / Hartenfelser

Anschließend werden die Wattestäbchen in einen Pool gegeben – also gemeinsam pro Klasse als ein Test abgegeben und ins Labor gebracht. Dadurch wird das Labor entlastet und kann schneller arbeiten, da die Testmenge deutlich sinkt. Fällt der Pooltest positiv aus, werden die Kinder einzeln getestet, um herauszufinden, welches Kind infiziert ist. Diese Pooltestung läuft in Nordrhein-Westfalen bereits seit einigen Monaten erfolgreich, sagt Klein.

Der Test wurde in NRW schon sehr früh sehr gut akzeptiert.

Alle Erwachsenen sollten sich impfen lassen, da es für jüngere Kinder noch keinen Impfstoff gibt

Der nächste große Punkt, damit die Schulen im Herbst offenbleiben können, ist die Impfung. Bisher ist nur der Impfstoff von BioNTech für Kinder ab 12 Jahren zugelassen. Die ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt eine Impfung für diese Altersgruppe aber auch nur dann, wenn bestimmte Vorerkrankungen vorliegen.

Für die etwa sieben Millionen jüngeren Kinder gibt es in Deutschland gar keinen zugelassenen Impfstoff. Es geht darum, ob ein Impfstoff für Kinder überhaupt sinnvoll ist, sagt Thomas Mertens, der Vorsitzende der STIKO. Ein solcher Impfstoff würde nur empfohlen, wenn er sicher ist. Deshalb sei es umso wichtiger, dass sich alle Erwachsenen impfen lassen, so Mertens.

Thomas Mertens, Vorsitzender der STIKO (Foto: Imago, IMAGO / IPON)
Thomas Mertens, Vorsitzender der STIKO Imago IMAGO / IPON

Dadurch würde die Relevanz der Kinderimpfung ständig geringer werden. Das ist auch der Grund, warum wir so sehr darauf gedrängt haben, dass sich jetzt vor allem die Erwachsenen impfen lassen, weil sie erstens die Dynamik der Virusausbreitung beeinflussen und zweitens weil eine Impfung sie schützt vor einem möglichen Eintrag des Virus durch Kinder in die Familie.

Damit die Schulen geöffnet bleiben können, braucht es nicht nur die einzelnen, sondern alle Konzepte und Mittel, sagt Mertens – sofern bewiesen ist, dass sie helfen: Prävention, Lüften, Testen, Kontaktverfolgung – und die Impfung.

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