Geografie

Warum gelten Europa und Asien als zwei Erdteile, wo es doch ein Kontinent ist?

STAND
AUTOR/IN

Audio herunterladen (3,4 MB | MP3)

Streng genommen hängt auch noch Afrika am eurasischen Kontinent. Die beiden sind zwar durch den Suezkanal getrennt, aber der künstliche Kanal spaltet ja nicht die geologische Landmasse. Es gibt somit keine natürliche Grenze zwischen Afrika und Asien. Trotzdem ist die Landbrücke zur Sinai-Halbinsel sehr schmal, insofern ist es nicht abwegig, Afrika als eigenen Kontinent zu betrachten. Anders ist es mit Europa und Asien – das ist eine große Landmasse. Warum spricht man dann von zwei Erdteilen?

Siegreiche Griechen grenzten sich von den "Barbaren" jenseits der Ägäis ab

Die Unterscheidung begann vor etwa 2.500 Jahren und geht zurück auf das Weltbild der alten Griechen. Und nicht nur auf ihr Weltbild, sondern vor allem auf das Bild, das sie von sich selbst hatten. Die Griechen sahen sich als die Tüchtigen, die Gerechten, vor allem: die Demokraten. Es gab einen Verfassungsstaat und die demokratischen Strukturen der griechischen Polis.

Doch dann erschütterte ein wichtiges Ereignis die griechische Gesellschaft: die Perserkriege zu Beginn des 5. Jahrhunderts vor Christus. Die Griechen waren zwar von ihrer Mannstärke her wesentlich schwächer, dennoch gelang es ihnen, die Perser zu besiegen – und zwar in den großen Schlachten von Marathon und Salamis.

Für die griechischen Geschichtsschreiber war das ein Sieg der Griechen gegen die Barbaren. Da die Perser aus dem Osten über Anatolien kamen, war das für die Griechen der Anlass, in der Ägäis, also zwischen Griechenland und Anatolien, eine fundamentale Grenze zu ziehen und alles jenseits der Ägäis als den Erdteil der Barbaren zu betrachten.

"Asien" geht vermutlich auf das assyrische Wort für "Osten" zurück

Woher der Name Asien genau kommt, ist unklar, vermutlich stammt er aus dem assyrischen Wort für Osten, die Richtung des Sonnenaufgangs, also im Grunde das Pendant zum Wort Orient. Europa/Asien, Okzident und Orient – das hat alles in dieser Zeit seine Wurzeln.

Der antike Historiker Herodot konstruierte daraus ein Weltbild mit drei Erdteilen: Europa, Asien und das, was er als Libyen bezeichnete, man heute aber Afrika nennt.

Die Grenze zwischen Europa und Asien ließ sich aus Sicht der griechischen Geografen leicht festmachen: Sie verlief am Bosporus, also entlang der Verbindung zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer, durch das Schwarze Meer und schließlich vom Ostrand des Schwarzen Meers durch den Kaukasus hinüber zum Kaspischen Meer. Die Griechen gaben sich damit zufrieden.

Herodot war auch überzeugt, dass Europa von allen drei Kontinenten der größte sei, womit er natürlich völlig daneben lag.

Heutige Definition: Ural bildet Grenze zwischen Europa und Asien

Die griechischen Geografen wusste schon, dass nördlich vom Schwarzem Meer, also ím heutigen Russland, Europa nahtlos in Asien übergeht, aber das störte sie nicht. Die Gegend war so weit weg, dass sie sich damit nicht näher befasst haben.

Nach heutiger Definition gilt der Ural als die russische Grenze zwischen Europa und Asien. Doch diese Definition ist viel jünger. Der Ural war schlicht und einfach die Ostgrenze des russischen Reiches im 18. Jahrhundert.

Die Grenze zwischen Europa und Asien wurde also erst nach und nach definiert. Nach den Perserkriegen vor 2.500 Jahren wurde sie am Bosporus gezogen, dann bald auch am Schwarzen und Kaspischen Meer. Der Ural dagegen wurde erst vor 200 Jahren zur Innerkontinentalgrenze.

Elbrus oder Mont Blanc: höchster Berg Europas im Kaukasus statt in den Alpen?

Im Kaukasus gibt es bis heute keinen eindeutigen Grenzverlauf zwischen Europa und Asien, auf den sich alle einigen könnten. Die Konsequenz: Es ist nicht klar, wo der höchste Berg Europas steht. Der Mont Blanc in den Alpen ist 4.809 m hoch. Der Elbrus im Kaukasus allerdings 5.642 m. Da man sich aber nicht einig ist, ob der Elbrus in Europa oder in Asien liegt, ist auch die Frage, wo der höchste Berg Europas liegt, nicht geklärt.

Übrigens hat bereits Herodot vor 2.500 Jahren bezweifelt, ob diese willkürlich gezogenen Grenzen zwischen Europa und Asien wirklich sinnvoll sind. Für ihn waren es einfach Konventionen bzw. Definitionen, die man nicht überinterpretieren dürfe.

Geografie Warum heißt der Kontinent "Amerika" und nicht "Kolumbia"?

1507 zeichnete Martin Waldseemüller mit Unterstützung von Matthias Ringmann eine Weltkarte – die erste Weltkarte, in der das, was wir heute unter dem Namen Amerika kennen, als eigener großer Kontinent eingezeichnet war. In diese Landmasse eingetragen steht auch, relativ klein, der Name, den die beiden sich für diesen Kontinent ausgedacht haben: America. Das taten sie in Würdigung des italienischen Seefahrers Amerigo Vespucci (1451 - 1512). Von Gábor Paál | Text und Audio dieses Beitrags stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Kartografie Wie kommen die Westindischen Inseln zu ihrem Namen?

Aus Sicht der europäischen Seefahrer gab es zwei Gruppen von „indischen Inseln“. Und Kolumbus wollte eigentlich gar nicht explizit nach Indien. Von Gábor Paál | Text und Audio dieses Beitrags stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.  mehr...

Geografie Ab welcher Größe gilt eine Insel als eigenständiger Kontinent?

Grönland gilt gerade noch als Insel, Australien als Kontinent. Als die Kontinente definiert wurden, wusste die Wissenschaft allerdings noch nichts von Kontinentalplatten. Von Gábor Paál | Dieser Beitrag steht unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.  mehr...