Grafitto in Stuttgart: "Stuttgart, ick liebe Dir!" Standardisierung, vereinheitliche Schreibung, gegenseitige Verständlichkeit und das Dialektkontinuum sind Merkmale zur Unterscheidung von Sprache und Dialekt (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / Zoonar | edpics)

Linguistik

Wann gilt ein Dialekt als eigenständige Sprache?

STAND
AUTOR/IN

Audio herunterladen (3,9 MB | MP3)

Sprachwissenschaft: keine scharfe Trennung zwischen "Dialekt" und "Sprache"

Für die meisten Deutschen ist klar: Sie sprechen grundsätzlich Deutsch, aber unter Umständen in einem bestimmten Dialekt: Schwäbisch, Sächsisch, Hessisch, Kölsch – was auch immer.

Genauso selbstverständlich ist, dass zum Beispiel Niederländisch mit dem Deutschen eng verwandt, aber eben eine andere Sprache ist.

Interessant sind deshalb die Graubereiche dazwischen. Wenn wir in Norddeutschland bleiben, gilt auch das Niederdeutsche oder Plattdeutsche als eigene Sprache, die in Hamburg sogar als alternative Amtssprache neben dem Hochdeutschen akzeptiert ist.

Das Schwyzerdütsch dagegen am anderen Ende des deutschen Sprachraums wird in der Regel nicht als eigenständige Sprache betrachtet, auch wenn es z.B. in vielen Sendungen des Schweizer Rundfunks standardmäßig gesprochen wird und gleichzeitig ja auch in Aussprache, Wörtern etc. so weit weg sind vom Hochdeutschen, dass es viele Deutsche kaum verstehen können.

In der Sprachwissenschaft gibt es aber keine ganz scharfe Definition für Sprache oder Dialekt, sondern eher verschiedene Merkmale und Kriterien.

1. Merkmal einer Sprache: Standardisierung

Eins der Kriterien ist die Frage der Standardisierung. Es gibt Hochdeutsch als standardisiertes Deutsch, aber es gibt in der gesprochenen Sprache der Schweiz kein vereinheitlichtes „Hoch-Schwyzerdütsch“. Schweizer Zeitungen und Behörden schreiben Hochdeutsch mit lediglich ein paar kleineren Abweichungen in der Rechtschreibung.

2. Merkmal einer Sprache: vereinheitlichte Schreibung

Eine vereinheitlichte Schreibung ist das zweite Merkmal für eine eigenständige Sprache. Das gibt es bei Dialekten nicht. Es wird natürlich im Volksschrifttum, gerade auch in der Lyrik, im Dialekt geschrieben. Das folgt aber keiner einheitlichen Vorgabe, sondern ist im Wesentlichen "Schreiben nach Gehör". Und da sich Dialekte manchmal schon von einem Dorf zum nächsten leicht verändern, gibt es keine geregelte badische, pfälzische oder bayerische Dialekt-Schreibweise. Man muss aber sagen: Das gab es bis zur Frühen Neuzeit auch nicht für die deutsche Sprache.

3. Merkmal der Sprache: gegenseitige Verständlichkeit

So gesehen gab es bis ins Mittelalter sowieso nur Dialekte. Aber das stimmt dann doch nicht ganz, denn es gibt ein weiteres Kriterium für Sprache: die gegenseitige Verständlichkeit. Das ist auf den ersten Blick ein sehr wackliges Kriterium, weil das extrem subjektiv ist.

Wenn eine Kölnerin und ein Oberbayer ihren Dialekt richtig breit sprechen, verstehen sie sich nicht unbedingt, auch wenn es irgendwie Deutsch ist. Ein Friese und eine Holländerin können sich aber unter Umständen sehr wohl verstehen, ebenso wie eine Italienerin und ein Spanier, obwohl sie verschiedene Sprachen sprechen. Worauf es aber ankommt ist nicht, dass sich alle Sprecher einer Sprache gegenseitig verstehen, sondern dass es im Sprachraum keine scharfen Grenzen gibt. Friesen und Schweizer mögen sich im Extremfall nicht verstehen, aber zwischen beiden Dialekträumen verlaufen alle Grenzen fließend.

Dialektkontinuum: Dialekte gehen fließend ineinander über

In der Sprachforschung spricht man auch von Dialektkontinuum. Das heißt: Wenn man von Mecklenburg ins österreichische Burgenland wandern würde, würde man von Ort zu Ort kaum einen Sprachunterschied bemerken, denn die Dialekte verändern sich kontinuierlich über die lange Strecke. Man könnte sogar in allen Orten eine amtliche Bescheinigung vorlegen, die nicht übersetzt werden müsste. Anders, wenn man über die Grenze nach Polen oder Belgien läuft – hier sind die Staatsgrenzen zugleich Sprachgrenzen. Und auch zwischen Platt- und Hochdeutsch gibt es keine Dialektkontinuität. Man spricht entweder Platt oder den ostfriesischen Dialekt des Hochdeutschen. Aber es gibt keinen fließenden Übergang. Man kann nicht nur ein bisschen plätteln, so wie man ein bisschen schwäbeln kann.

Was denn nun: Sprache oder Dialekt?

Ob etwas nur Dialekt oder schon Sprache ist, entscheidet sich also vor allem an diesen beiden Punkten: Gibt es ein Kontinuum von einem Dialekt zu einem anderen? Dann würde man beide Dialekte einer gemeinsamen Sprache zuordnen. Und erst recht dann, wenn sich beide Dialektgruppen über eine von beiden akzeptierte, gemeinsame Standardsprache verständigen.

Linguistik Schwäbisch im Wandel – Das Arno-Ruoff-Archiv in Tübingen

Das Arno-Ruoff-Archiv in Tübingen. Tübinger Forscher untersuchen dort, wie das Schwäbische sich in den vergangenen hundert Jahren verändert hat.  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Evolution Wie ist die menschliche Sprache entstanden?

Vermutlich ist die Sprache relativ spät entstanden. Aber natürlich gibt es kaum archäologische Zeugnisse. Dennoch gibt es ein paar Anhaltspunkte. Von Friedemann Schrenk  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Sprache Gab es eine Ursprache?

Die Frage ist sehr alt – mit ihr beschäftigt sich bereits die Philosophie im 18. Jahrhundert. Heute gibt es einige gut rekonstruierte Ursprachen. Von Martin Haspelmath  mehr...

Sprache Wie ist Jiddisch entstanden?

Das Jiddische hat sich aus dem Mittelhochdeutschen entwickelt, doch ansonsten liegen die Ursprünge im Dunkeln. Es gibt kaum Quellen aus der Zeit vor 1350. Zumindest die Struktur des Jiddischen spricht für eine Herkunft im oberdeutschen Raum, also im Sprachgebiet des Alemannischen, vor allem aber Bairisch-Österreichischen bis hin zum Böhmischen. Von Gábor Paál | Text und Audio dieses Beitrags stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Sprache Warum ist es DIE Donau, aber DER Rhein? Wovon hängt das Geschlecht von Flüssen ab?

Was das Geschlecht von Flussnamen betrifft, ist die wichtigste Regel im Deutschen, dass es keine Regel gibt – anders als zum Beispiel im Lateinischen. Von Gábor Paál | Text und Audio dieses Beitrags stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.  mehr...

Sprache

Aula Sprachforschung | Familiennamen erzählen interessante Geschichten

Woher kommt eigentlich mein Nachname? Wer hat sich diese Frage nicht schon einmal gestellt? Die Namensforscherin Rita Heuser erkundet die Herkuft von Namen und stellt sie im Digitalen Familiennamenwörterbuch Deutschlands zusammen. Was sie bisher herausgefunden hat, erzählt sie im Gespräch mit Ralf Caspary.  mehr...

SWR2 Wissen: Aula SWR2

Bildungspolitik Polen: Mittel für den Deutschunterricht werden gestrichen

Die regierende konservative PiS-Partei versteht diese Maßnahme als Strafe für die angeblich schlechte Behandlung der Polen in Deutschland. Viele Dorfschulen in Schlesien kommen ohne die Zuschüsse insgesamt nicht klar, Schließungen drohen.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Aula Wandel statt Verfall | Anglist Werner Schäfer über die Anpassungsfähigkeit der deutschen Sprache

Gerade im Zuge von Corona haben sich fremde Wörter in das Deutsche eingefügt, „boostern“ oder „Lockdown“ sind Beispiele. Schon befürchten Kritiker, die deutsche Sprache werde unterwandert – mit Recht? Von Werner Schäfer. (SWR 2022) | Manuskript und mehr zur Sendung: http://swr.li/wandel-statt-verfall | Bei Fragen und Anregungen schreibt uns: wissen@swr2.de | Folgt uns auf Twitter: @swr2wissen


Gebt uns Eure Stimme für den Deutschen Podcastpreis: https://www.deutscher-podcastpreis.de/podcasts/swr2-wissen-2/  mehr...

SWR2 Wissen: Aula SWR2