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Menschen wurden musikalisch, als sie in Gruppen lebten

Helmut Kohl hat mal gesagt: „Ich tanze, um dem Weibe näherzukommen.“

Aber auch losgelöst vom Altkanzler ist die Evolution des Tanzens ein interessantes Phänomen. Dass wir uns zu Rhythmen, mit denen wir beschallt werden, passend bewegen – das ist etwas zutiefst Menschliches: Kein Tier macht das! Und es führt zu der Frage zurück, warum der Mensch überhaupt Musik macht. Wenn man das in der Evolution zurückverfolgt, spricht vieles dafür, dass die frühen Menschen in dem Moment musikalisch wurden, als sie angefangen haben, in Gruppen zu leben. Das war vor ungefähr zwei Millionen Jahren.

Erst der Rhythmus, dann die Melodie

Musik und Tanz stellen zunächst eine Form der Kommunikation dar. Nicht in dem Sinn, dass man jemandem etwas mitteilt, sondern gemeinsames Musizieren und Tanzen ist etwas, was Menschen verbindet – auf einer sehr tiefen, nicht-sprachlichen Ebene. Nun kann man vielleicht vor 2 Millionen Jahren noch nicht von Musizieren sprechen, denn damals gab es noch keine Musikinstrumente, höchstens haben die Leute Stöcke gegeneinander geschlagen. Sie haben also vermutlich Rhythmen erzeugt, bevor sie in der Lage waren – abgesehen von der Stimme – Melodien zu produzieren. Die gemeinsamen rhythmischen Bewegungen haben das Gemeinschaftsgefühl betont.

Dann hat das Tanzen mit dem Leben in der Gruppe zu tun und dient nicht der Annäherung an das andere Geschlecht?

Doch, das ist auch möglich; dazu gibt es eine etwas speziellere Theorie. Die sagt: Das Tanzen und das Rhythmusgefühl haben sich als Qualitätsmerkmal in der sexuellen Selektion entwickelt. Nicht in dem Sinn, dass das Tanzen dazu dient, einen Partner oder eine Partnerin anzubaggern, sondern die Theorie sagt: Gute Tänzer demonstrieren über ihre Körperkontrolle und ihr Rhythmusgefühl ihre körperliche Gesundheit.

Um diese Theorie zu untermauern, gab es eine Untersuchung bei Jugendlichen auf Jamaika. 183 Teenager wurden beim Tanzen gefilmt. Anschließend sollten sie anonymisiert gegenseitig ihre Tanzqualitäten beurteilen. Es stellte sich heraus, dass vor allem diejenigen Jungs, die von den Mädchen als die besten Tänzer beurteilt wurden, auch den symmetrischsten Körperbau hatten.

Symmetrischer Körperbau als Zeichen für Gesundheit?

Aus anderen Studien weiß man, dass Menschen mit symmetrischem Körperbau allgemein als gesünder und auch als attraktiver wahrgenommen werden. Und so haben damals die Wissenschaftler geschlussfolgert: Beim Tanzen können die Männer den Frauen zeigen, dass sie gesund und somit in der Lage sind, gesunde Nachkommen zu zeugen und für sie zu sorgen.

Das mag alles plausibel klingen, aber diese Zusammenhänge lassen sich nur schwer beweisen. Also: Tanz und Musik haben auf jeden Fall zunächst ein Kommunikationsbedürfnis gestillt. Ob das primär die Kommunikation in der großen Gruppe war oder bei der Partnersuche, lässt sich heute schwer sagen, vielleicht war’s auch schon immer beides. Es kommt ja auch ein bisschen auf die Musik an ...

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