SWR2 Wissen: Feature am Feiertag

Die Vermessung der Schönheit

Stand
Autor/in
Gábor Paál
Gábor Paál

Welche Faktoren bestimmen, was wir schön finden? Lohnt es sich überhaupt, eine wissenschaftliche Antwort auf diese Frage zu suchen, wenn doch die Geschmäcker verschieden sind? Ja!

Kunst und Musik, Gedichte und Gesichter, Gebäude und Landschaften, Jacken und Hosen, Mikroskopaufnahmen und der Sternenhimmel – all das kann schön sein. Doch wovon hängt das ab und was passiert im Körper, wenn wir etwas schön finden?

Verglichen mit Gefühlen wie Angst oder Freude ist Schönheitserleben viel schwerer zu ergründen. Erst langsam gelingt es Psychologie und Hirnforschung, anhand von Experimenten das Phänomen zu begreifen. Sie gehen in ihrer Forschung u.a. folgenden Fragen nach:

Die Sendung stellt Antworten auf diese Fragen vor.

Forschungsgebiet "empirische Ästhetik"

Seit zwanzig Jahren wird dazu wieder intensiver geforscht. Ein typisches Experiment sieht so aus:  Menschen bekommen Filme, Gedichte, Musik oder Fotos von Gesichtern oder Landschaften gezeigt. Gleichzeitig werden ihre Körperreaktionen gemessen, zum Beispiel:

Gábor Paál nimmt an einem "Gänsehaut"-Experiment teil
SWR2-Redakteur Gábor Paál nimmt an einem "Gänsehaut"-Experiment teil.
  • Atmung
  • Herzfrequenz
  • Hautleitfähigkeit
  • Aktivität bestimmter Gesichtsmuskeln ("Stirnrunzel-" und "Lächelmuskel")
  • Gehirnaktivität
  • Gänsehaut

Ja, die Forscher beobachten, ob man Gänsehaut bekommt! Manchmal filmen sie die Mimik oder verfolgen die Aktivität im Gehirn der Versuchspersonen. Diese werden außerdem gefragt, was sie beim Betrachten der jeweiligen Objekte empfinden.

Auch SWR2 Wissen-Autor Gábor Paál hat sich für diese Sendung verkabeln lassen und an einem "Gänsehaut-Experiment" teilgenommen.

Gänsehautkameras an den Unterarmen
Gänsehautkameras an den Unterarmen

Pionier der Ästhetik-Forschung: Gustav Theodor Fechner

Die Ästhetik-Forschung erlebt seit 20 Jahren eine Renaissance. Denn eigentlich ist es nicht neu. Es geht zurück auf den sächsischen Physiker und Psychologen Gustav Theodor Fechner. Fechner schrieb 1876 sein berühmtes Buch "Vorschule der Ästhetik". Es war eine Provokation. Bis dahin galt Ästhetik als eine im wahrsten Sinne schöngeistige Angelegenheit von Philosophen und Literaten. Es war eine, wie Fechner es nannte, "Ästhetik von oben". Ihr hat er seine "Ästhetik von unten" entgegengesetzt.

Ästhetik "von oben" und "von unten"

"Er hat gesagt, bislang wird Ästhetik von Philosophen und Kunstkritikern immer nur von oben gemacht. Die schreiben den anderen vor, was sie jetzt als gut und schlecht, schön und hässlich zu empfinden haben", erklärt Melanie Wald-Fuhrmann vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt am Main. "Fechner fand es aber spannend, auch mal von unten zu gucken: Was findet denn eine Mehrheit? Was finden Menschen wirklich schön?"

Nach Gustav Theodor Fechner war die "empirische Ästhetik" jedoch lange eingeschlafen. Erst seit Beginn des 21. Jahrhunderts nutzen Forscher moderne Methoden der Psychologie und Hirnforschung. Sie hoffen, die uralten Frage nach dem Wesen der Schönheit anhand von Experimenten beantworten zu können.

Landschaft und Natur im Lake District  England empfinden viele Menschen als ästhetisch. Aber wann genau sind Landschaften schön?
Der Lake District in England zieht viele Menschen an. Aber wann genau sind Landschaften schön?

Viele neue Studien

Für SWR2 Wissen-Autor Gábor Paál hat das Thema eine besondere Bedeutung:

"Mit dieser Sendung knüpfe ich an ein Thema an, das mich vor zwanzig Jahren schon einmal intensiv beschäftigt hat und über das ich 2003 mein erstes Buch ‚Was ist schön? Ästhetik und Erkenntnis‘ geschrieben habe. Seitdem hat das Forschungsgebiet wieder richtig Schwung bekommen. Diese Entwicklung war für mich Anlass, nach so vielen Jahren noch einmal in das Thema einzutauchen. "

Mehr zu Schönheit, Attraktivität und Musik

Psychologie Schön sein – Wie Aussehen unser Leben prägt

Attraktive Menschen scheinen es im Leben leichter zu haben. Studien weisen darauf hin, dass sie eher positive Aufmerksamkeit bekommen und mehr Karrierechancen im Beruf haben.

Das Wissen SWR Kultur

Psychologie Wann und warum löst Musik Gänsehaut aus?

Mindestens die Hälfte der Menschen kennt Gänsehaut, wenn sie bestimmte Musik hört. Häufig setzt die Gänsehaut ein, wenn der Refrain beginnt, die Musik auf einen Höhepunkt zusteuert oder wenn sie bei Nahaufnahmen im Film eingesetzt wird. Von Gábor Paál

Hirnforschung Was ist der Unterschied zwischen Schönheit und Attraktivität?

Attraktivität hat mit Symmetrie zu tun, die Entscheidung fällt unbewusst und hat mir Partnerwahl und Evolution zu tun. Der Schönheitsbegriff dagegen ist umfassender. Von Gábor Paál | Text und Audio dieses Beitrags stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.

Rhythmus Welche Art Musik verführt zum Tanzen?

Wann ist Musik groovy? Musik verführt uns dann zum Mitbewegen, wenn der Rhythmus mittelkomplex ist, also nicht zu simpel und nicht zu anspruchsvoll. Forscher nennen explizit ein Stück, das sie für ziemlich optimal halten, nämlich "Happy" von Pharrell Williams. Von Gábor Paál

Emotionen Gefühle in der Musik – Wie sie entstehen und was sie auslösen

Langsame Lieder in Moll machen traurig, schnelle in Dur eher fröhlich. Die Gefühle, die westliche Musik bei uns meist auslöst, funktionieren nicht unbedingt bei Menschen aus anderen Kulturkreisen. Wieso ist das so?
 

SWR2 Wissen SWR2