Evolution

Wie entstand der Kuss?

STAND
AUTOR/IN
Gábor Paál
Gábor Paál (Foto: SWR, Gábor Paál)

Audio herunterladen (2 MB | MP3)

Entstehung des Kusses ist unklar

Ja, wenn man das so genau wüsste, wer wen als erstes küsste ... Man kann nur spekulieren, denn unsere Vorfahren, die die Küsse erfunden haben, haben ihre Motive ja leider nicht aufgeschrieben.

Eine traditionelle Mutmaßung lautet, das es ein Relikt aus archaischen Zeiten sei. Wir kennen ja im Tierreich viele Fälle, wo Mütter ihre Jungen mit dem Schnabel füttern, bei Vögeln zum Beispiel, und dass das Küssen daher rührt. Allerdings ist das wahrscheinlich viel zu sehr um die Ecke gedacht. Denn mit den Vögeln sind wir nicht so eng verwandt, zwischen uns und denen liegt doch evolutionär eine große Lücke.

Auch Tiere zeigen Zuneigung durch Berührung

Die intensivsten Küsse bei uns Menschen gibt es ja bekanntlich auch nicht zwischen Mutter und Kind, sondern zwischen sich liebenden Partnern. Da findet man natürlich auch im Tierreich ein paar Verhaltensweisen, die zumindest vergleichbar sind: Elefanten wickeln ihre Rüssel umeinander, Pferde beknabbern sich zärtlich, Affen stupsen ihre Nasen aneinander. Da geht es schon um Zuneigung. Generell beschnüffeln sich viele Tiere im Vorfeld eines Sexualkontakts, wobei das dann eher eine asymmetrische Geschichte ist: Da geht also nicht Nase an Nase, sondern Nase an Hinterteil. Den leidenschaftlichen Liebeskuss, mit Mund zu Mund, wie wir Menschen ihn kultiviert und zur Reife gebracht haben, den findet man im Tierreich nicht.

Unter den Menschen ist der Kuss nicht überall verbreitet. Man findet ihn zwar auf allen Kontinenten. Aber Anthropologen  haben vor ein paar Jahren festgestellt, dass für die Mehrheit der – vor allem indigenen – Kulturen der romantische Kuss unüblich ist. So ist zum Beispiel in den Kulturen südlich der Sahara das Küssen wenig verbreitet. Somit ist es offenbar keine angeborene Verhaltensweise. Gleichzeitig ist es aber doch so weit verbreitet, dass man schon fragen kann, was das Küssen eigentlich soll?

Idealer Ausdruck von Intimität

Vieles spricht dafür, dass es vor allem eine sexuelle Signalfunktion hat, es bringt ein intimes Verhältnis zum Ausdruck. Denn beim Küssen sind ja vor allem Lippen und Zunge beteiligt. Dort befinden sich unglaublich viele sensorische Rezeptoren – viel mehr als normalerweise auf der Haut. Man merkt das, wenn man etwas zwischen den Zähnen hat oder auf einem Zahn eine Unebenheit spürt. Die fühlt sich mit der Zunge immer wahnsinnig groß an, obwohl die Störung objektiv ganz klein ist. Das liegt auch daran, dass die Dichte der Sensoren auf der Zunge, aber eben auch auf den Lippen, so groß ist. Somit sind Küsse vom Gefühl her sehr intensiv und ideal dafür geeignet, Intimität auszudrücken.

Valentinstag Geschichte der Liebe: Antike, Mittelalter, Romantik und Tinder-Zeitalter

Zum Valentinstag geht es in drei Folgen um große Gefühle in Antike, Mittelalter, Romantik und im Tinder-Zeitalter. Spoiler: Einfach war es in der Liebe noch nie.  mehr...

Derzeit gefragt

Raumfahrt Warum werden Missionen zum Mars geplant und nicht zur Venus – die liegt doch näher?

Der Mars ist zwar weiter weg, aber viel attraktiver für die Raumfahrt. Denn mit Kälte kommen Raumsonden besser zurecht als mit der Hitze und dem Druck auf der Venus. Von Gábor Paál | Text und Audio dieses Beitrags stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.  mehr...

Körper Warum jucken Wunden, wenn sie heilen?

Menschliche Zellen kommunizieren miteinander, und das Jucken ist das "Rauschen" in dieser Kommunikation – gerade, wenn sich Zellen neu bilden. Von Gábor Paál | Text und Audio dieses Beitrags stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.  mehr...

Energie Beim Verlassen der Wohnung: Heizung anlassen oder ausschalten?

Wenn man nur die Energie betrachtet, ist es günstiger, die Heizung abzustellen. Doch zwei Gründe sprechen dafür, eine bestimmte Temperatur trotzdem zu halten. Von Gábor Paál | Text und Audio dieses Beitrags stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.  mehr...

Holocaust 6 Millionen ermordete Juden – Woher stammt diese Zahl?

6 Millionen Juden haben die Nationalsozialisten ermordet. Rund 4 Millionen Menschen starben in Konzentrations- und Vernichtungslagern, 2 Millionen durch Massaker. Von Gábor Paál | Text und Audio dieses Beitrags stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0. | http://swr.li/holocaust  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Astronomie Wie lautet der Merkspruch für die Reihenfolge der Planeten?

Früher hieß er "Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere neun Planeten." Seit Pluto weggefallen ist kann man sagen: "Mein Vater erklärt mir jeden Samstag unseren Nachthimmel." Von Tilman Spohn  mehr...

Gesellschaft Darf man noch "Indianer" sagen?

Ja. Das mag überraschen, denn das Wort stammt aus der Kolonialzeit und ist eine Fremdbezeichnung. Doch das sind nicht die einzigen Kriterien. Von Gábor Paál | http://swr.li/indianer | Text und Audio dieses Beitrags stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.  mehr...

Sexualität Wie entsteht Homosexualität?

Eine endgültige Erklärung gibt es noch nicht, aber es sieht so aus, dass Homosexualität zwar in gewisser Weise angeboren ist, aber trotzdem nicht direkt vererbt wird. | Dieser Beitrag steht unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.  mehr...

Redewendung Woher kommt "Klappe zu, Affe tot"?

Die Herkunft ist rätselhaft, die Wurzeln liegen vielleicht im Niederdeutschen. Nach dem Mauerbau gab es in der DDR ein Lied: Klappe zu, Affe tot – als hätte man den nun Weltfrieden gerettet. Von Rolf-Bernhard Essig  mehr...

Medizin Stimmt es, dass man Antibiotika nicht mit Milch einnehmen sollte?

Das gilt für manche Antibiotika, aber längst nicht für alle. Manche enthalten Wirkstoffe, die sich mit dem Kalzium in der Milch zu größeren molekularen Klumpen verbinden. Von Gábor Paál | Text und Audio dieses Beitrags stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.  mehr...

Astronomie Warum sind Planeten immer rund?

Wegen der Schwerkraft. Planeten und Sonnen sind entstanden, weil sich Materie zusammenballte: Kosmischer Staub und Brocken zogen sich gegenseitig an, bildeten Klumpen und je größer die Klumpen wurden, desto größer wurde jeweils ihre Schwerkraft. Und weil die Schwerkraft in alle Richtungen gleich wirkt, ist die Kugel die Form, bei der die Gravitationskräfte im Gleichgewicht sind. Von Gábor Paál | Text und Audio dieses Beitrags stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.  mehr...