Porträt

Spielerisch zum schönen Ton: Der Ich-kann-nicht-singen-Chor Stuttgart

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AUTOR/IN
Helga Spannhake
ONLINEFASSUNG
Dominic Konrad

Singen ist gesund und macht gute Laune, aber oft hört man Menschen doch sagen, dass sie gar nicht singen können – sei es beim Familienfest oder im Freundeskreis. Gibt es das wirklich, dass jemand gar nicht singen kann? Oder trauen es sich die Menschen nur nicht zu? Der Stuttgarter Ich-kann-nicht-singen-Chor bietet die Möglichkeit, das spielerisch auszuprobieren.

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Spielerischer Umgang mit dem Chorsingen in Stuttgart-Zuffenhausen

Gut fünfzig Menschen sind zur zweistündigen Chorprobe des Ich-kann-nicht-singen-Chores in die große Halle der Hohensteinschule in Stuttgart-Zuffenhausen gekommen.

Ich habe Freude am Singen. Meine Stimme ist jetzt nicht der wahnsinnige Hit und deswegen bin ich hier und probiere das mal, mein erster Tag.

In Form eines großen „U“ stehen Stühle bereit. Die sind allerdings erst einmal unbesetzt. Stattdessen laufen alle Singwilligen durch den Raum, grüßen nach links und rechts, verbeugen sich und knicksen voreinander, haken einander schließlich Arm in Arm ein, um sich im Kreis zu drehen.

In einer Turnhalle im Stuttgarter Ortsteil Zuffenhausen probt der Ich-kann-nicht-singen-Chor unter der Leitung von Chorleiterin Jeschi Paul (Bild von 2015).
In einer Turnhalle im Stuttgarter Ortsteil Zuffenhausen probt der Ich-kann-nicht-singen-Chor unter der Leitung von Chorleiterin Jeschi Paul (Bild von 2015).

Am Anfang war die Chorleiterin selbst skeptisch

Locker ist die Atmosphäre und ebenso spielerisch gelockert wird der Körper durch das Warm-Up von Chorleiterin Jeschi Paul. Im neunten Jahr leitet sie inzwischen den Ich-kann-nicht-singen-Chor: „Ich wurde angefragt damals vom Baden-Württembergischen Sängerbund, der den Chor trägt, ob ich das nicht übernehmen möchte“, erinnert sie sich, „am Anfang war ich so ein bisschen skeptisch. Leute, die nicht singen können, wie klingt das dann?“

Der Reiz an der Leitung dieser bunt gemischten Gruppe ist für die Sängerin und Stimmbildnerin Jeschi Paul Grenzen auszuloten sowie generell die Freude am Experimentieren: „Sich zu trauen, mal die Stimme einzusetzen, über Atmung zu reden, Bewegung, dann Begegnung in der Gruppe.“

Es gehe um Rhythmus, um verschiedene Sounds, um Höhe und Tiefen und dann natürlich das Ganze verpackt mit kleinen Patterns, die man sich gut merken kann und die dann auch einfach schnell und gut klingen, erklärt die Chorleiterin: damit „jeder und jede einfach das Gefühl hat, ach, ich kann ja doch ganz gut singen.“

 Portrait über Chorleiterin Jeschi Paul

Mit der Zeit verändert sich die Singstimme

Und das Konzept geht auf, alle sind mit großem Eifer dabei und die Singstimme verändert sich sogar mit der Zeit, das hat Brigitte aus Fellbach bemerkt: „Wenn ich mit den Enkeln singe, dass plötzlich die Stimme viel schöner ist und die Töne viel besser und dass es einfach besser klingt.“

Gekonnt bringt Jeschi Paul Stimme und Körper der Chorsängerinnen und Sänger zusammen, lässt sie zum Beispiel mit den Armen große Achten beschreiben und trainiert so nebenbei das korrekte Ein- und Ausatmen beim Singen.

Gesungen wird ohne Noten 

Inzwischen haben sich die Männer in der Mitte des Raums platziert, die Damen – hohe und tiefe Lage – umrahmen sie. Gesungen wird ohne Noten. Jeschi Pauls Hände sind in ständiger Bewegung, geben die jeweilige Tonhöhe vor. Sie versucht das Beste herauszuholen, trotzdem wird niemand direkt korrigiert und alle haben offensichtlich viel Spaß.

Um den richtigen Ton nie verlegen ist Klaus Rother, Verbandschorleiter beim Baden-Württembergischen Sängerbund. Aufmerksam sitzt er am Flügel, gibt Einsätze und begleitet die Chorprobe musikalisch: „Ich finde es reizvoll, was in einem Ensemble, was sich eigentlich nicht singend nennt, doch irgendwie funktioniert.“

Gesungen wird, was gefällt – Oper, Popmusik und zum Jahresbeginn traditionell stets ein kleiner Neujahrsgruß.

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