Kommentar

Igor Levits neues Mendelssohn-Album: „Zerreden wir das nicht“

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Albrecht Selge
Albrecht Selge

Am 26. Januar, einen Tag vor dem Gedenktag zur Befreiung des KZ Auschwitz, erscheint das schon jetzt vieldiskutierte neue Album von Igor Levit: „Lieder ohne Worte“ von Felix Mendelssohn Bartholdy. Der Veröffentlichungstermin ist bewusst gewählt: Levit nahm diese Musik spontan auf, nachdem die Terrororganisation Hamas den größten Massenmord an Juden verübt hatte, den es seit 1945 gab.

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Das Massaker der Hamas ist ein ungeheuerliches Verbrechen, das von manchen Menschen ignoriert oder relativiert wird. Gleichzeitig geht wieder eine Welle des Antisemitismus durch Deutschland und Europa: Judenhass, der nichts mit Kritik an der israelischen Regierung zu tun hat. 

Die pure Schönheit von Mendelssohns Klaviermusik dem Andenken an ermordete Menschen zu widmen, sie als Zeichen gegen explodierenden Judenhass zu setzen – kann daran irgendwer ernsthaft Kritik üben?

YouTube-Video: „Warum ich diese Aufnahme gemacht habe“

Reizfigur Igor Levit: Alles nur Selbstinszenierung?

Tatsächlich habe ich es hier und da grummeln gehört, teils hinter vorgehaltener Hand, und durchaus von Menschen, die ich nicht für offene oder verkappte Antisemiten halte. „Selbstinszenierung“, wird da gemurmelt, „Marketing“ …

Tatsache ist: Igor Levit polarisiert, für manche ist er eine Reizfigur. Anstoß erregt nicht nur seine gelegentliche Neigung zu scharfen Formulierungen, sondern vielleicht auch die schwärmerische Überhöhung seiner (unbestritten großen) pianistischen Fähigkeiten durch einige Journalisten.

Die Botschaft zählt

Aber auch wer Levit nicht mag, sollte innehalten und nochmal nachdenken. Entwertet es etwa die Empathie und die menschliche Solidarität mit den Opfern, wenn man den Mitfühlenden eventuell persönlich für eitel hält?

Die Unterstellung, er handele aus Eitelkeit oder gar aus kalter Berechnung, wäre eine Unterstellung, die ich entrüstend finde.

YouTube-Video: Igor Levit spielt „Lieder ohne Worte“ op. 30 Nr. 1

Trauer darf einseitig sein

Eine absurde Anmaßung wäre auch der Einwand, man dürfte der jüdischen und israelischen Opfer nicht gedenken, ohne gleichzeitig das Leiden derjenigen Palästinenser in Gaza zu thematisieren, die mit der Hamas nichts am Hut haben.

Levit selbst sagte in einem Interview: „Mein Herz blutet, wenn ich an unschuldige Kinder und Opfer denke, die in Gaza sterben.“ Das sind Menschen, die man übrigens meines Erachtens auch als Opfer der Hamas bezeichnen kann.

Wie aber käme man dazu zu verlangen, jüdischer Opfer dürfte nicht voller Trauer gedacht werden, ohne quasi zum Ausgleich auch anderer Gruppen zu gedenken?

Trost und Schönheit nicht zerreden

Meine Meinung zu Levits Mendelssohn-Album ist letztlich ganz schlicht: Ich kenne viele Menschen, die dieses Projekt tief berührt.

Sie hören diese Musik und sind in ihrem anhaltenden Entsetzen getröstet – vielleicht nur einige Takte lang, in denen die Schönheit dieser Musik ihr Herz erreicht. 

Zerreden wir das nicht. Überschütten wir nicht Trost und Schönheit durch Ressentiment und Vorbehalt. Nehmen wir diese Mendelssohn-Aufnahme als das Einfache, was sie ist: ein Zeichen der Trauer, ein Plädoyer fürs menschliche Miteinander.

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