Theaterstück zum Nahostkonflikt

Lehrstück über den Nahostkonflikt: „Der große Wind der Zeit“ am Schauspiel Stuttgart

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AUTOR/IN
Karin Gramling

Man kann den Theaterabend am Schauspiel Stuttgart als Lehrstück über den Nahostkonflikt begreifen. Denn in „Der Große Wind der Zeit“ geht es um die Ursachen der endlosen Geschichte von Vertreibung, Terror und Mord. Am Ende streckt das Ensemble auf der Bühne die Hände zur Versöhnung aus. Auch wenn die Zweifel an dieser Geste groß sein mögen – ein sehenswerter Abend.

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Libby, eine junge Israelin, will aus der Spirale von Vertreibung, Terror, Mord und Krieg ausbrechen. Als Spezialistin bei der Armee muss sie Adlib verhören, einen jungen Palästinenser, der eigentlich in England lebt. Als Historiker will er die Geschichte des Zionismus erforschen. Er konfrontiert die junge Frau mit der vermeintlichen Schuld ihres Großvaters.

Schauspiel: Der große Wind der Zeit (Foto: Pressestelle, Schauspiel Stuttgart ©Katrin Ribbe )
Adilb (Felix Strobel )konfrontiert die Libby (Camille Dombrowsky ) mit der vermeintlichen Schuld ihres Großvaters.

Libbys jüdische Familie behauptet sich über vier Generationen

Regisseur Stephan Kimmig lässt die aktuellen Ereignisse seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober außen vor. Man ahnt in vielen Sätzen die aktuelle Katastrophe voraus.  Das Publikum erfährt, wie sich Libbys jüdische Familie über vier Generationen auf schwierigem Terrain positioniert hat.

Da ist etwa Eva, die Urgroßmutter, eine unabhängige Frau, auf der Suche nach ihrem eigenen Weg. Die einen Kibbuz mit aufbaut, als Soldatin im Untergrund kämpft – und dazwischen Anfang der 1930er Jahre in Berlin lebt, um dort Ausdruckstanz zu studieren. Dort beobachtet sie den aufkommenden Nationalsozialismus.

Schauspiel: Der große Wind der Zeit (Foto: Pressestelle, Schauspiel Stuttgart ©Katrin Ribbe )
Libbys Urgroßmutter Eva ist als unabhängige Frau ihren eigenen Weg gegangen. Gábor Biedermann (Arnold, Evas Vater), Therese Dörr (Lotte, Evas Mutter), Paula Skorupa (Eva).

Die Overalls des Ensembles erinnern an Militäruniformen

Übereinandergestapelte rohe Betonquader auf der Drehbühne dienen als Aussichtsplattform in der Wüste oder als Haus der Eltern von Libby. Das Material wirkt rau, abweisend und unfertig – und könnte für ein Leben stehen, in dem es keine Sicherheit gibt. Das Ensemble steckt größtenteils in Overalls, die an Militäruniformen erinnern.

Nervös, zweifelnd und suchend, so legt Camille Dombrowsky ihre Libby an, als eine Vertreterin der heutigen Generation. Sie geht in ein Zwiegespräch mit ihrer Urgroßmutter, als forsche und mutige Frau überzeugend gespielt von Paula Skoruppa.

Eine Analyse der Situation, die auch die aktuelle Lage beschreibt, liefert schließlich Libbys Großvater: „Weißt du heute ist Verleugnung angesagt, man verleugnet die Realität und ist süchtig nach Betäubung, Infantilisierung, Gefühls- und Gehirnlähmung. Die Menschheit hat sich narkotisiert, die Alarmmechanismen sind blockiert. Man ist sediert und man wacht erst auf, wenn´s knallt.“

Schauspiel: Der große Wind der Zeit (Foto: Pressestelle, Schauspiel Stuttgart ©Katrin Ribbe)
David Müller (Josef), Teresa Annina Korfmacher (Shifra), Gábor Biedermann (Ephraim), Therese Dörr (Gerda), Tim Bülow (Moshe), von hinten: Paula Skorupa (Eva).

„Alles ist möglich und alles ist unmöglich“

Libby und Adlib kommen sich im Stück näher. Sie erzählen sich, wie gegensätzlich selbst in ihren eigenen Familien, über Krieg und Frieden gestritten wird. Die Frage, ob man es endlich auf beiden Seiten schafft, Unrecht als Unrecht anzuerkennen und tiefe ideologische Gräben zu überwinden, beantwortet Libby so: „Alles ist möglich und alles ist unmöglich.“

Der Autor Joshua Sobol betont angesichts der aktuellen Katastrophe im Nahen Osten das Recht der Israelis auf Selbstverteidigung. Aber auch, dass langfristig nur eine friedliche Lösung des Konflikts der Weg aus der gegenseitigen Zerstörung sei.

Am Ende steht das Ensemble vorne an der Bühne und streckt die Hände zur Versöhnung aus in Richtung Publikum. Auch wenn derzeit die Zweifel sehr groß sein mögen, ob diese Geste eine rein visionäre Vorstellung bleiben wird – ein sehenswerter Abend. 

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