von linke nach rechts: die Quartiersmanagerin Lena Siegesmund, Bürger Albrecht Classen, Ortsvorsteher Marc Borkham (SPD) (Foto: SWR, Jutta Horn)

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Leben in Trier-West: Große Gegensätze, große Herzen

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Jutta Horn
Jutta Horn arbeitet als Reporterin für SWR Aktuell im Studio Trier (Foto: SWR)

Der Stadtteil Trier-West/Pallien ist geprägt von Gegensätzen. Es gibt die Sozialwohnungen in alten Kasernengebäuden und die Villen mit Blick über die Stadt. Trotzdem stehen die Bewohner zusammen.

Ortsvorsteher Marc Borkam stammt aus dem Stadtteil. Der Sozialdemokrat ist hier zur Schule gegangen. Natürlich habe er als Kind gemerkt, welche Mitschüler aus welchem Teil des Viertels kommen. Eine Rolle habe das aber nie gespielt:

"Es gab natürlich unterschiedliche Arten des Sprechens, des Verhaltens, der Kleidung. Das spielte keine Rolle. Man hat das wahrgenommen, aber es war egal.“

Die Gegensätze in dem Stadtteil könnten kaum größer sein. Da sind die sanierungsbedürftigen Sozialwohnungen auf der einen Seite und nur eine Straße weiter die Stadtvillen im Grünen. Aber es gebe eine Grundtoleranz, sagt der Ortsvorsteher. Die Menschen begegnen sich auf Augenhöhe, so Borkam.

Dorfgefühl in der Stadt

Wenn man durch den Gneisenaubering mit den Sozialwohnungen geht, dann ist das so ein bisschen wie ein Dorf in der Stadt. Jeder kennt jeden. Alle halten zusammen. So beschreibt es eine Anwohnerin, die schon immer hier lebt, wie sie sagt. Ihren Namen möchte sie nicht nennen.

"Es passt einer auf den anderen auf. Einsamkeit kennt man nicht. Die Leute klingeln. 'Ich wollte mal nach dir gucken!'. Das macht das Viertel aus."

Die Frau Ende 50 erzählt, wie groß der Zusammenhalt ist. Obwohl das Viertel um die alten Kasernen in Trier als "heißes Pflaster" gilt, habe sie nie Angst gehabt, dort nachts unterwegs zu sein. Im Gegenteil. "Man konnte früher schon nachts da durchgehen und man wusste genau, wenn irgendwas ist und du schreist, gehen überall die Fenster auf. Das ist auch heute noch so."

Impressionen aus Trier-WestPallien (Foto: SWR)
Stadtvillen im Grünen mit Blick auf Trier. Auch das gehört zum Stadtteil Trier-West/Pallien. Bild in Detailansicht öffnen
Die städtischen Sozialwohnungen im Gneisenaubering in den alten Kasernen. Der Sanierungsbedarf ist hoch, wird aber von der Stadt angegangen. Bild in Detailansicht öffnen
Die Magnerichstraße in Trier-West/Pallien. Sie ist nur einen Steinwurf von den Stadtvillen entfernt. Bild in Detailansicht öffnen
Diese Kasernengebäude sind bereits saniert. In ihnen sind Behörden der Stadt Trier untergebracht. Bild in Detailansicht öffnen
Die Mariensäule thront über dem Trierer Stadtteil. Bild in Detailansicht öffnen

Das Leben im Kasernenbereich spielt sich draußen ab

Die Stadt Trier hat in den vergangenen Jahren in den Stadtteil investiert. Damit das nicht an den Menschen vorbei passiert, gibt es die Quartiersmanagerin Lena Siegesmund.

Lena Siegismund, Quartiersmanagerin von Trier-WestPallien (Foto: SWR, Jutta Horn)
Die Quartiersmanagerin Lena Siegismund soll die Menschen im Stadtteil Trier- West/Pallien in die Entwicklung miteinbeziehen. Jutta Horn

Jeder hier kennt die Quartiersmanagerin, wenn sie durch die Straßen geht. Denn gerade im Kasernenbereich spielt sich das Leben draußen ab, sagt sie. Das liege daran, dass die Wohnungen keine Balkone haben. "Die Leute gehen gerne nach draußen und vor die Haustür. Deswegen kennen sich hier die Leute einfach."

Engagierte Ehrenamtliche tragen zum Zusammenhalt bei

Dass das Zusammenleben gut funktioniert, liegt auch an vielen Engagierten. Der Ortsbeirat hält zusammen - unabhängig von Parteizugehörigkeiten. Und da ist der "Runde Tisch", bei dem viele Einrichtungen sich miteinander vernetzt haben, damit es im Stadtteil besser läuft. Und immer wieder gibt es die Ehrenamtlichen, die was für Trier-West/Pallien bewegen wollen. Einer von ihnen ist Albrecht Classen, der mit anderen die sogenannte Himmelsleiter wieder begehbar gemacht hat.

Impressionen aus Trier-WestPallien (Foto: SWR)
Über einen steilen Pfad mit Treppen gelangt man vom unteren Teil von Trier-West/Pallien auf die Höhe zum Markusberg. Bild in Detailansicht öffnen
Wenn man die "Himmelsleiter" hinaufgegangen ist, bietet sich einem ein toller Blick über Trier. Bild in Detailansicht öffnen
Albrecht Classen und seine Mitstreiter haben den Pfad wieder freigeschnitten. Inzwischen gibt es sogar eine Ruhebank auf der Strecke. Bild in Detailansicht öffnen
Die "Himmelsleiter" endet genau an der Markuskapelle, die immer geöffnet ist. Bild in Detailansicht öffnen

Die Himmelsleiter, das ist ein steiler Pfad mit Treppen, der den unteren Bereich des Stadtteils mit den wenigen Häusern oben auf dem Markusberg und der Mariensäule verbindet. Albrecht Classen lebt seit Jahrzehnten im Stadtteil. Seine Kinder sind hier groß geworden.

"Viele, die vorher mit einem Vorurteil hierher gekommen sind, sind nachher hier ganz anders wieder rausgegangen."

Jetzt steht eine neue Herausforderung an. Geflüchtete ziehen in den Stadtteil. Ortsvorsteher Marc Borkam ist überzeugt, dass die Menschen im Stadtteil auch das schaffen werden.

Kinderfreundlichkeit als "sozialer Kitt"

Der Ortsvorsteher betont, dass die Kinderfreundlichkeit schon immer sehr typisch für Trier-West/Pallien war - gerade bei den Menschen in den Sozialwohnungen. Das sei auch bei den Neuankömmlingen so. Das zeigt sich auch an dem Nachmittag, an dem eine Straße zur Spielstraße wird. Zumindest für den einen Nachmittag. Geflüchtete Frauen schauen mit ihren Kindern vorbei, die Kinder toben herum, pusten Seifenblasen in die Luft, fahren Bobbycar.

Die Kinder kommen aus Bulgarien, der Ukraine und aus Afrika. Daneben stehen Menschen, die schon immer in dieser Straße wohnten. Allein die Sprache ist noch ein Problem. Aber Ortsvorsteher Borkham ist sicher: über die Kinder wird man eine gemeinsame Ebene finden.

Die Mariensäule thront über dem Stadtteil Trier-WestPallien. (Foto: SWR, Nicole Mertes)
Die Mariensäule thront über dem Stadtteil Trier-West/Pallien. Nicole Mertes

Menschen wollen im Stadtteil bleiben

Der Zusammenhalt ist im Stadtteil so groß, dass sich kaum einer vorstellen kann, umzuziehen. Selbst dann nicht, wenn man eine bessere Wohnung anderswo bekäme.

"Mich hat das immer wieder in mein Viertel gezogen. Ohne meine Mariensäule- wenn ich in Urlaub bin oder so- habe ich Sehnsucht nach hier."

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