Ein Junge meldet sich im Klassenzimmer. Man sieht ihn von hinten. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Frank Hammerschmidt)

Nach den Herbstferien in Rheinland-Pfalz

Schulstart: Weniger Corona-Notstand, aber steigender Lehrermangel

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Götz Kohlmann

Nach den Herbstferien hat wieder die Schule in Rheinland-Pfalz begonnen. Mit Blick auf Corona scheint Normalität zurückzukehren. Nach Ansicht von Eltern- und Lehrervertretern spitzen sich dafür aber langjährige Missstände wie der Lehrermangel dramatisch zu.

Der Präsenzbetrieb laufe bezüglich der Pandemie mehr oder minder normal, erklärt Landeselternsprecherin Kirsten Hillert auf SWR-Anfrage. Das bestätigt auch Lars Lamowski, der Landesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE). Man könne eindeutig sagen, man sei auf dem Weg zur Normalität seit den Sommerferien.

Die Pandemie sei aber noch nicht zu Ende und die Lage aufgrund der erheblichen Personalprobleme an den Schulen weiter ernst. Lamowski verweist auf die Quarantäneregelung, durch die positiv getestete Kinder bedeutend länger fehlten als früher bei anderen Infekten. Und auf eine aggressivere Virus-Variante sei man nicht besser vorbereitet als zu Beginn der Pandemie. Es gebe noch Testkits in den Schulen, die liefen aber bald ab. Die Schulen müssten dann wieder von vorne anfangen mit der Belieferung.

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Vermehrt Corona-Fälle vor den Herbstferien

Nach den Sommerferien habe es zunächst unglaublich viele Krankmeldungen gegeben, allerdings nicht corona-bedingt, so Lamowski. Überwiegend seien das Erkältungskrankheiten oder Magen-Darm-Erkrankungen gewesen, aber in einem vergleichsweise ungewöhnlichen Umfang. Das deute schon in die Richtung, dass die Immunsysteme der Kinder in den letzten zwei, drei Jahren nicht trainiert wurden. Nun seien die Kinder anfälliger, sobald die Schutzmechanismen wie Maske wegfielen, sagt Lamowski. Kurz vor den Herbstferien seien wieder vermehrt Kolleginnen und Kollegen mit Corona ausgefallen. Angesichts der Energiekrise plädiert Lamowski dafür, ganztägig oder dauerhaft genutzte Räume an Schulen weiter wie bisher zu heizen, sonst gebe es noch mehr Erkrankungen.

CDU: Jeder Tag Unterrichtsausfall ein Tag zuviel

Die CDU-Landtagsfraktion warnt: Angesichts der Belastungen und Bildungseinbußen aus der Corona-Pandemie sei jeder weitere Tag Unterrichtsausfall ein Tag zu viel. Es müsse deshalb alles daran gesetzt werden, Kinder und Lehrkräfte bestmöglich zu schützen. Auch künftig brauche man verstärkt regelmäßige Testungen, so die Obfrau der CDU im Bildungsausschuss, Jenny Gross. Es sollte nach ihrer Ansicht selbstverständlich sein, dass Eltern ihre Kinder bei Erkältungssymptomen zu Hause testen und gegebenenfalls nicht in die Schule schicken.

Eltern begrüßen Rückkehr zum sozialen Miteinander

Landeselternsprecherin Hillert betont, bei der vermehrten Zahl an Krankheitsfällen in einzelnen Schulen müsse man selbstverständlich beachten, dass hohe Infektionszahlen in der Allgemeinbevölkerung sich in den Schulen widerspiegeln. Gegenwärtig scheine es in den Schulen mit Hygienemaßnahmen und Lüftungskonzept auch ohne Masken recht gut zu funktionieren, sagt sie. Der Verzicht auf Masken unterstütze das nach den Schulschließungen so wichtige soziale Miteinander sowie den sprachlichen Unterricht.

Bildungsministerium: Hygienemaßnahmen werden gut eingehalten

Das Bildungsministerium erklärt auf SWR-Anfrage, die geltenden Hygienemaßnahmen seien eingespielt und würden in den Schulen gut eingehalten. Dies werde auch immer wieder von Experten der Universitätsmedizin Mainz bescheinigt, mit denen man sich regelmäßig austausche. Im Zusammenhang mit der Pandemie seien keine negativen Rückmeldungen von Schulen oder Eltern bekannt. Es habe vor den Herbstferien keine kompletten oder teilweisen Schulschließungen im Land gegeben. 

Um einem durch Erkrankungen entstehenden Unterrichtsausfall begegnen zu können, gebe es zudem im Land bewährte Mittel. Die Schulen könnten mehr Vertretungslehrkräfte einstellen. Das entsprechende Programm sei noch einmal mit Mitteln aus dem Corona-Aufholprogramm des Bundes aufgestockt worden. Mit diesen Mitteln seien mehr als 2.500 zusätzliche Verträge geschlossen worden. Vor allem die Grundschulen hätten davon Gebrauch gemacht.

Demonstration gegen Lehrermangel am Freitag in Mainz

Der schulische Alltag hat sich nach den stark von der Pandemie geprägten Schuljahren zwar wieder eingependelt. Doch dahinter wachsen Sorgen und Ängste über Personalnot und Unterrichtsausfall.

Am Freitag soll eine große Demonstration in Mainz, die vom Landeselternbeirat und mehreren Lehrerverbänden unterstützt wird, die Missstände anprangern. Die Initiatoren wollen eine Petition an den Landtag übergeben. Über 13.300 Unterschriften wurden mit ihr gesammelt. Der Demonstrationszug soll vom Schillerplatz zum Landtag führen. Die zentralen Forderungen lauten: sofort zwei Milliarden Euro jährlich mehr für den Bildungsetat in Rheinland-Pfalz und zusätzlich 7.000 Lehrerinnen und Lehrer.

Mit-Organisator Reiner Schladweiler vom Landeselternbeirat sagt im Gespräch mit dem SWR, die Petition sei "aus vielen, vielen Hilfsmails" der Elternbeiräte entstanden. Zu wenig Lehrer, Unterrichtsausfall, die eine Klasse habe an einem Tag frei, am nächsten eine andere: Hunderte Schulleitungen im Land hätten ihm diese Probleme bestätigt.

Das Quorum von 12.000 Unterschriften, um die Petition vorlegen zu können, habe man, und die Petition laufe noch bis Ende April 2023. Sie werde von weiteren Demonstrationen begleitet und die Petition werde mehrere Male an unterschiedliche politische Verantwortliche übergeben, zuletzt bereits an CDU und Freie Wähler im Landtag. "Wir müssen so lange demonstrieren, bis man uns richtig hört", sagt Schladweiler, "bis man mit uns ins Gespräch geht, ohne rosarot gefärbte Tatsachen".

Das Land habe zwar Lehrer eingestellt, doch es seien auch fast tausend Lehrer in Pension gegangen. Manche Schulleitungen müssten zwei Grundschulen führen. Er wisse, viele seien überfordert, so Schladweiler. Es gebe Fälle von Burn-out, die zu vorzeitigem Ruhestand führten.

"Wir müssen so lange demonstrieren, bis man uns richtig hört."

VBE: Immer weniger ausgebildete Lehrkräfte vor den Klassen

Auch VBE-Landesvorsitzender Lamowski sagt, man sei völlig unterversorgt, was den Unterricht angehe. Es stünden immer weniger wirklich ausgebildete Lehrkräfte vor den Klassen. Vertretungslehrer würden so genannt, das seien aber keine Lehrer, sondern Studenten in den ersten Semestern, in allen Schularten, so der Leiter einer Grundschule im Kreis Altenkirchen. Das Problem sei von der Landesregierung nicht angegangen worden, sondern man habe es immer weiter vor sich hergeschoben, entsprechend habe man immer mehr Laien und eine Generation, die nicht mehr von pädagogischen Profis unterrichtet werde. Und man habe große Sorge, dass sich diese Situation des Lehrermangels nach den Herbstferien weiter verschärfe.

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Lehrerverbände in Deutschland fordern seit längerem, dass die Länder über Bedarf ausbilden und auch einstellen. Dann sei, so die Idee, bei steigenden Schülerzahlen genügend Personal da. Sinke der Bedarf wieder, könne das "Überangebot" an Lehrkräften für Qualitätsverbesserungen genutzt werden. Das Land habe den Ruf der Schulen und Verbände, eine echte Personalreserve aufzubauen, bisher verschlafen, meint CDU-Bildungsexpertin Jenny Gross. 

Bildungsministerium sieht viele Forderungen der Petition als erfüllt an

Viele Forderungen in der Petition seien zu einem wesentlichen Teil schon erfüllt oder schwer nachvollziehbar, hält das Bildungsministerium entgegen. Rheinland-Pfalz habe die Haushaltsausgaben für Bildung in den vergangenen Jahren kontinuierlich ausgebaut, von 4,51 Milliarden Euro im Jahr 2018 auf 5,64 Milliarden Euro in diesem Jahr. In Bezug zum Gesamthaushalt seien das aktuell rund 22 Prozent. Für 2024 seien laut Haushaltsentwurf der Landesregierung 5,82 Milliarden Euro geplant.

Zum Schuljahresbeginn 2022/2023 seien 1.403 neue Lehrerinnen und Lehrer mit Hochschul-Abschluss eingestellt worden; im Verlauf des Schuljahres würden rund 200 weitere Lehrkräfte hinzukommen. Im Vergleich zu anderen Bundesländern stehe Rheinland-Pfalz bei der Unterrichtsversorgung damit weiterhin sehr gut da, wenngleich der Fachkräftemangel auch hier zu spüren sei.

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