An den Schulen in Rheinland-Pfalz fehlen Mathematik-Lehrer

Weniger studieren MINT-Fächer

Warum hat das Schulfach Mathe so ein schlechtes Image?

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AUTOR/IN
Matthias Weber, Jana Klimczak

Lange Zeit sah es so aus, als gelänge es, mehr Mädchen und Jungen für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zu begeistern. Nun lässt die Begeisterung wieder nach. Liegt das auch am schlechten Image von Mathe?

Wohl kaum ein anderes Schulfach polarisiert so sehr wie Mathematik. Insgesamt steht es nicht allzu gut um die Mathekenntnisse der Schüler in Deutschland, das belegt beispielsweise der IQB-Bildungstrend von 2021. Es scheint sogar 'cool' zu sein, wenn man in Mathe nicht gut in der Schule ist oder war, beobachtet Lehrer Carsten Jung.

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Mathe scheint das einzige Fach zu sein, bei dem man mit Schlecht-sein kokettieren kann.

"Mathe scheint das einzige Fach zu sein, bei dem man mit Schlecht-sein kokettieren kann", so Jung, der Mathe und Informatik an einem Gymnasium in Nackenheim unterrichtet. Die Gemeinschaft derer, die Mathe für ein Mysterium halten, sei groß. Aus Verzweiflung werde ein Witz daraus gemacht. Aber woran liegt das? Die Erklärungsversuche eines Mathelehrers.

Mathe erfordert hohe Frustrationstoleranz

Carsten Jung vermutet, dass das schlechte Image der Mathematik mit der Komplexität des Faches zusammen hängt: "In Mathe ist jedes Wort wichtig, jeder Punkt, jedes Komma." In anderen Fächern sei es nicht ganz so wichtig, jedes Wort mitzubekommen, jeden noch so kleinen Schritt nachvollziehen zu können. In Mathe schon: "Mathe muss gut verstanden werden, man muss sich reinfuchsen." Kleine Unachtsamkeiten könnten schon große Fehler hervorrufen. "Da braucht man eine hohe Frusttoleranz."

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Lücken können im Unterricht nicht aufgearbeitet werden

"Problematisch sind die Lücken, die über die Zeit immer größer werden", erklärt Jung. Im Matheunterricht baue alles aufeinander auf. Um fehlende Kenntnisse aufzufangen, fehle im Unterricht aber die Zeit: "Lücken werden nach einer Arbeit nicht aufgearbeitet. Es geht mit einem neuen Thema weiter, das oft auf dem vorherigen Thema aufbaut. Der Frust geht gleich weiter."

Außerdem falle der Einstieg in die formale Mathematik - mit Gleichungen und Termen - mit der Pubertät zusammen. Eine Zeit, "in der Schülerinnen und Schüler andere Problem und Interesse haben, als die Mathematik." Die Lücken, die hier entstünden, zögen sich dann durch bis zum Abitur, so Jung.

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Kein individuelles Tempo im Matheunterricht möglich

Ein weiteres Problem sieht der Mathelehrer in der starken Jahrgangsorientierung: "Man muss immer im Gleichschritt mitgehen und am Schluss müssen alle über dieselbe Hürde springen." Viel besser wäre es, wenn die Schülerinnen und Schüler in ihrem eigenen Tempo lernen und üben könnten. Aber "zum Üben ist in der Schule keine Zeit."

Man muss immer im Gleichschritt mitgehen und am Schluss müssen alle über dieselbe Hürde springen.

Genau darin sieht Jung auch den Erfolg von Youtube-Erklärvideos begründet, die viele Schülerinnen und Schüler dem Matheunterricht vorziehen. Diese Videos könne man problemlos an die eigene Lerngeschwindigkeit anpassen: "Ich kann das Video anhalten, kann mir die letzten zehn Sekunden nochmal anhören. Das geht im Unterricht nicht."

Nutzen von Mathe oft schwer zu vermitteln

Und wofür braucht man Mathematik eigentlich? Das ist eine Frage, die auch Mathelehrer Jung oft zu hören bekommt. "Da kann ich den Schülern nur sagen: Ihr werdet sehen, in zwei bis drei Jahren oder spätestens dann, wenn ihr an der Uni einen technischen oder naturwissenschaftlichen Studiengang wählt: Dann ist Mathematik absolut die Grundlage von allem." Das zieht natürlich nicht bei jedem Schüler.

Jung erzählt, wie er sich bemüht, interessante Aufgabenstellungen zu finden - aus der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler - und wie er dabei immer wieder an seine Grenzen stößt. Mathematik sei eben oft theoretisch und für vieles gebe es kein Beispiel aus der Realität. In anderen Fächern sei es leichter, die Schüler zu motivieren. Eine Fremdsprache kann schließlich direkt in einem anderen Land ausprobiert werden.

Statistisches Bundesamt: Weniger studieren MINT-Fächer

Fakt ist: In Deutschland entscheiden sich immer weniger Menschen für ein Studium eines MINT-Faches wie Mathe, Naturwissenschaften oder Technik. Laut Statistischem Bundesamt gab es 2021 etwa 307.000 Erstsemester in diesen Fächern. Das waren 6,5 Prozent weniger als im Jahr davor. Erstmals seit 2007 sank in Deutschland auch die Zahl der Studierenden in MINT-Fächern insgesamt.

Das hängt auch damit zusammen, dass insgesamt weniger Menschen ein Studium beginnen. Seit 2019 ist die Zahl der Studienanfänger rückläufig. Gleichzeitig verringert sich in Deutschland die Zahl der 17- bis 22-Jährigen.

MINT-Fachkräfte dringend gesucht

Gerade Fachkräfte aus dem MINT-Bereich werden aber nicht nur in Rheinland-Pfalz, sondern in ganz Deutschland händeringend gesucht. Laut einem Wirtschaftsexperten gefährden die fehlenden MINT-Fachkräfte langfristig sogar den Wohlstand in Deutschland.

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Trotz hervorragender Berufsaussichten und guter Verdienstmöglichkeiten gelinge es nicht, genügend junge Leute als Nachwuchs zu gewinnen, auch weil Frauen davor zurückschreckten, haben Forscher des Beratungsunternehmens McKinsey festgestellt. In den vergangenen Jahren sei der Frauenanteil unter den Einsteigern zwar langsam gestiegen - von 30,8 Prozent im Jahr 2001 auf 34,5 Prozent im vergangenen Jahr. Das seien aber immer noch viel zu wenige.

Die stellvertretende DGB-Bundesvorsitzende Elke Hannack fordert, Mädchen und junge Frauen müssten "gezielt angesprochen und zu einer Ausbildung im MINT-Bereich ermutigt werden". Der Frauenanteil gerade im Tech-Bereich könne nur langfristig gesteigert werden, wenn es neben guten, familienfreundlichen Arbeitsbedingungen auch darum gehe, Stereotype abzubauen.

MINT-Akademie in Kaiserslautern-Landau

Junge Mädchen an MINT-Fächer heranzuführen, ist seit rund 25 Jahren auch Ziel des Ada-Lovelace-Projektes in Rheinland-Pfalz. In Zusammenarbeit mit der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität (RPTU) Kaiserslautern-Landau wurden etwa Anfang Februar Schülerinnen der Oberstufe zu einer MINT-Akademie eingeladen. Die Mädchen sollen so Einblick in Studium, Forschung und Unialltag verschiedener Studiengänge bekommen - und in Workshops zudem selbst experimentieren und Aufgaben lösen.

Und wie kann die Begeisterung für Mathe auch schon in der Schule entfacht werden? Dafür wünscht sich Mathelehrer Carsten Jung unter anderem eines: Mehr Zeit für den Unterricht und damit auch mehr Raum für fachfremde Exkurse, zum Beispiel in die Informatik. Dann würden die Schülerinnen und Schüler, so hofft er, die Zusammenhänge und auch die Bedeutung von Mathematik besser verstehen.

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Die Psychologie-Professorin Claudia Quaiser-Pohl leitet das Projekt seit 12 Jahren, Emily Stätter ist als Mentorin aktiv. Ihr Ziel: junge Frauen für eine Karriere im MINT-Bereich ( Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zu gewinnen.

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Matthias Weber, Jana Klimczak