Schülerinnen und Schüler einer Grundschule sitzen in ihrem Klassenraum.

Mehr Schüler in RLP wiederholen die Klasse

VBE: "Weil die Unterrichtsqualität sinkt, bleiben mehr Kinder sitzen"

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Dirk Rodenkirch
Dirk Rodenkirch

Auch in Rheinland-Pfalz mussten im vergangenen Schuljahr wieder mehr Schülerinnen und Schüler eine Klasse wiederholen. Bildungsverbände beklagen unter anderem, dass Fördermöglichkeiten fehlen.

Im vergangenen Schuljahr haben 8.404 Schülerinnen und Schüler in Rheinland-Pfalz die Klasse wiederholt, entweder freiwillig oder weil sie im Schuljahr zuvor nicht versetzt worden waren. Das waren 2,6 Prozent der Schülerschaft im Land. Im Schuljahr davor (2020/2021) betrug der Anteil der Wiederholerinnen und Wiederholer 1,3 Prozent. Damals war das "Sitzenbleiben" für ein Jahr ausgesetzt und es gab nur freiwillige Wiederholungen. Grund waren die Belastungen durch die Corona-Pandemie. Im letzten Schuljahr vor der Pandemie (2019/2020) betrug die Wiederholerquote im Land 2 Prozent.

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Landesschülervertretung RLP: Entwicklung keine Überraschung

Für die Landesschülervertretung (LSV) Rheinland-Pfalz ist der Anstieg der Wiederholungen im vergangegen Schuljahr keine Überraschung. "Wenn Schüler monatelang zuhause sitzen, wirkt sich das auf den Lernerfolg aus, insbesondere in Fächern, in denen alles auf sich aufbaut, wie in Mathe", sagte Pascal Groothuis, Pressereferent der LSV, dem SWR. Aufgrund des Lehrkräftemangels seien in der Corona-Zeit "riesengroße Lerngruppen" online unterrichtet worden.

"Ich bin freiwilliger Wiederholer in Stufe 12. Ich will mit weniger Stress ins Abitur, damit das gut wird. Das ist die bessere Option für mich, weil ich große Lücken in Mathe habe."

"Auf der Bildungsebene ist Corona noch lange nicht vorbei"

Pascal Groothuis wiederholt selbst freiwillig die Jahrgangsstufe 12. Auch ihm hängt die Corona-Zeit noch nach. Er habe seitdem große Lücken in Mathe, ihm fehlten wichtige Grundlagen in dem Fach. Deshalb habe er sich entschlossen, zu wiederholen: "Ich will mit weniger Stress ins Abitur, damit das gut wird." Alle Wiederholer hätten damit zu kämpfen, dass Stoff fehle. Die LSV rechne damit, dass sich die Zahl der Wiederholerinnen und Wiederholer auch in den nächsten Jahren auf einem ähnlichen Niveau bewegen werde. "Auf der Bildungsebene ist Corona noch lange nicht vorbei", so Groothuis.

VBE: Immer mehr Schülerinnen und Schüler wiederholen freiwillig

Die Bildungsverbände VBE und GEW in Rheinland-Pfalz sind sich einig, dass die Entwicklung bei den Wiederholungen von Klassen und Stufen nicht allein mit der Corona-Pandemie zu begründen ist. Sie stellen fest, dass immer mehr Kinder und Jugendliche freiwillig zurücktreten, wenn es mit der Versetzung eng wird. Für solche Schülerinnen und Schüler fehlten an den rheinland-pfälzischen Schulen die Fördermöglichkeiten, bemängelt Lars Lamowski, der Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE).

Diese fordert auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Rheinland-Pfalz. Sie teilte auf SWR-Anfrage mit: "Eine wirklich nachhaltige Förderung muss in den Schulen stattfinden, während der regulären Unterrichtszeiten, von zusätzlichen Förderlehrkräften oder Pädagogischen Fachkräften, Ergotherapeuten oder Logotherapeuten." Nur so könnten Lernrückstände erfolgreich abgebaut werden.

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"Weil Lehrer fehlen und die Qualität sinkt, bleiben mehr Kinder sitzen"

Aus Sicht von Lamowski macht sich aber nicht nur der Lehrmangel bemerkbar, wenn es um den Erfolg der Schülerinnen und Schüler geht, sondern auch die Qualität der Lehrkräfte. Zu viele Lehrkräfte seien nicht angemessen ausgebildet. So bekämen Studenten Vertretungsverträge und stünden dann in der Statistik als Lehrer, sagte Lamowski dem SWR. Sein Fazit: "Die Unterrichtsqualität ist gesunken. Mit dem Effekt, dass immer mehr Kinder und Jugendliche sitzenbleiben."

GEW: Anstieg der Wiederholungen überrascht uns nicht

Für die GEW kommt der Anstieg der Wiederholungen deshalb auch nicht überraschend. Die Erfahrung zeige, dass vor allem Schülerinnen und Schüler betroffen seien, die aus ärmeren Haushalten kommen. Die Gewerkschaft habe zudem festgestellt, dass die vom rheinland-pfälzischen Bildungsministerium installierten Ferienkurse die wirklich bedürftigen Schülerinnen und Schüler in der Regel nicht erreichten. Insofern sei es auch in vielen Fällen nicht gelungen, coronabedingte Lernrückstände aufzuarbeiten. 

Schladweiler: Alle Schularten gleich betroffen

Nach den Erkenntnissen von Reiner Schladweiler sind alle Schularten gleich betroffen, wenn es um Wiederholerinnen und Wiederholer geht. Eine Ausnahme seien Privatschulen, so der Regionalelternsprecher im Schulaufsichtsbezirk Trier. Er beklagt neben dem Mangel an Lehrkäften, dass immer mehr Unterricht ausfalle. "Rheinland-Pfalz muss mehr Lehrerinnen und Lehrer ausbilden", fordert Schladweiler. Dies sei aber ein bundesweites Problem.

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Das rheinland-pfälzische Bildungsministerium führt die gestiegene Wiederholerquote im Schuljahr 2021/2022 auf einen "Verzögerungseffekt" zurück. "Dieser Effekt war zu erwarten", weil die Versetzungsregeln zuvor ein Jahr ausgesetzt waren, so ein Sprecher des Ministeriums. Vor diesem Hintergrund sei es nicht überraschend, dass es am Ende des Schuljahres 2020/2021 wieder mehr "reguläre" Nichtversetzungen gegeben habe. Hinzu seien mehr freiwillige Wiederholer gekommen.

Laut Statistischem Bundesamt stieg die Zahl der Wiederholerinnen und Wiederholer im vergangenen Schuljahr in 15 von 16 Bundesländern. Die einzige Ausnahme war demnach Bremen, wo die Quote sogar leicht zurückging.

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