Vater trinkt Alkohol, Kind schaut zu. Jedes 6. Kind wächst mit einem Suchtkranken Elternteil auf. Suchtberatung der Caritas Ulm für Betroffene. (Foto: IMAGO, IMAGO / photothek)

Aktionswoche für Kinder suchtbelasteter Familien

Alkoholabhängige Eltern: Wie ein Langenauer den Weg aus der Sucht fand

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Stefanie Schmitz
SWR-Aktuell Redakteurin Steffi Schmitz (Foto: SWR)

Wenn Eltern süchtig sind, leiden die Kinder. Jedes fünfte Kind in Deutschland wächst mit suchtkranken Eltern auf. Viele werden selbst süchtig. So erging es auch Jan Schlömp aus Langenau.

Alkohol und Drogen haben das Leben des 47-Jährigen mehr als 30 Jahre lang dominiert. Geprägt von seinen Eltern griff er selbst schon früh zur Flasche, später kamen noch härtere Dinge dazu. Der SWR berichtet anlässlich der "Aktionswoche für Kinder suchtbelasteter Familien".

Jedes 6. Kind wächst mit einem Suchtkranken Elternteil auf. Suchtberatung der Caritas Ulm für Betroffene. (Foto: SWR, Stefanie Schmitz)
Jan Schlömp im Gespräch mit seinem Suchtberater Bernd Tiltscher von der Caritas Beratungsstelle für Suchtkranke

Der Anlagenführer hat sein Leben heute gut im Griff. Er geht regelmäßig zu seinem Suchtberater in die Ulmer Olgastraße. Doch bis dahin war es ein langer Weg. Er hat lange Zeit gar nicht gesehen, dass er ein Problem hat. Am Ende war es jeden Tag mindestens eine Flasche Whiskey. Dazu noch ein paar Joints. "Doch ich sah da kein Problem drin", sagt Schlömp.

Alkoholkonsum der Eltern

Von klein auf kannte er es nicht anders. Vater und Mutter Alkoholiker, auch der Opa trank. Für den Langenauer und seinen jüngeren Bruder war das ganz normal. Die Mutter lag eben lange im Bett, ging abends gerne aus. Das war der Alltag der beiden Jungs.

Alkoholsucht wird weitergegeben

"Kinder funktionieren in diesen Zeiten einfach. Sie versorgen die Mama oder die Geschwister mit", sagt Bernd Tiltscher von der Caritas Suchthilfe in Ulm. "Sie wechseln die Rollen. Sie kommen mit Freunden nur ungern nach Hause und regeln ihr Leben allein." Dabei leiden solche Kinder unter enormen Stress, so der Suchtberater. Etwa ein Drittel dieser Kinder wird im Erwachsenenalter selbst abhängig von Alkohol, Drogen oder Medikamenten. Ein Drittel entwickelt eine psychische oder soziale Störung. Und nur ein Drittel kommt gut aus der Sache raus und entwickelt sich normal.

Mit 12 Jahren gab es den ersten Schnaps

In der Langenauer Familie gab es keine Kontrolle, keine Verbote. Die Mutter merkte nicht, dass die Jungs schon früh an den elterlichen Schnapsschrank gingen und sich daraus bedienten. Mit elf oder zwölf Jahren habe er das erste Mal einen Kirschlikör getrunken, erzählt Schlömp. Dann fing es so richtig an. Er brachte Freunde zum Trinken mit nach Hause. Später ging er in den örtlichen Freizeittreff und trank dort. Er war risikofreudig beim Ausprobieren, Grenzen wurden ihm nie aufgezeigt.

Jedes 6. Kind wächst mit einem Suchtkranken Elternteil auf. Suchtberatung der Caritas Ulm für Betroffene. (Foto: SWR, Stefanie Schmitz)

"Das Umfeld konsumiert, von den Eltern gibt es keinen Gegenwind: Alles Faktoren die eine Sucht begünstigen."

Dass seine Mutter trinkt, habe ihn nie gestört. "Es war eben wie es war", sagt der 47-Jährige heute. Doch es gab immer wieder Erlebnisse, die ihm bis heute im Kopf geblieben sind. Einmal ging die Mutter abends in eine Kneipe. Der 10-jährige Jan und sein jüngerer Bruder wollten die Mama besuchen und stiefelten los. Doch die Kneipe war zu, die Mama nicht da. Die Kinder hatten keinen Schlüssel dabei und kamen nicht mehr in die Wohnung. Oder einmal an der Minigolfanlage. Auf einmal war Mama weg. Jan erinnert sich, wie er weinte und schreckliche Angst hatte. Später wurde die Mutter sturzbetrunken in einem Feld liegend gefunden.

"Hatte nie das Gefühl, süchtig zu sein"

Als Jugendlicher kamen dann zum Alkohol noch Drogen dazu. Marihuana war an der Tagesordnung, dazu noch Kokain, Ecstasy, LSD und Heroin. Irgendwann hatte er Freunde aus der Punkerszene, fuhr mit ihnen durch Deutschland. Das Gefühl, dass er süchtig sei, hatte er nicht.

Langer Weg aus der Alkoholsucht

Seine Freundinnen kamen und gingen. Eine Beziehung wollte er aber unbedingt retten. Sie sagte: "Du bist krank. Dein Alkoholgenuss ist nicht normal." Daraufhin ging er zur Suchtberatung und machte einen Entzug. Ein Jahr war er clean, bis zum ersten Glas Wein.

Seine nächste Freundin hatte vier Kinder. Sie hatte mit Alkohol nichts am Hut. Jan trank weniger, kam jedoch betrunken in eine Polizeikontrolle. Für den Führerschein hörte er auf zu kiffen. Das fiel ihm leicht. Keinen Alkohol zu trinken dagegen nicht.

Doch er hat es geschafft. Der Weg war nicht leicht. Er musste seine alten Freunde hinter sich lassen und auch seinen Bruder sieht er nur noch selten. Doch es gibt etwas, was ihn antreibt. "Ich will eine Familie. Eigene Kinder und ein ganz normales Leben."

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