Zu sehen ist ein Soldat des Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr mit Waffe. (Foto: dpa Bildfunk, Jens Büttner)

"Erschreckend, wie beim KSK mit Material umgegangen wird"

Bundeswehr in Calw: Zeugen sagen in KSK-Munitionsaffäre aus

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Katharina Kregel
Katharina Kregel ist Reporterin für Hörfunk, Online und Fernsehen beim SWR im Studio Tübingen. (Foto: SWR, Jochen Krumpe)

Im Prozess gegen einen ehemaligen KSK-Kommandeur aus Calw haben weitere Zeugen am Tübinger Landgericht ausgesagt. Im Fokus: der laxe Umgang mit Munition bei der Elitetruppe.

Im Prozess gegen den ehemaligen Kommandeur des Kommandos Spezialkräfte, Markus Kreitmayr, haben mehrere Zeugen am Montag über ihre Erfahrungen mit dem KSK berichtet. Es sei in der Bundeswehr kein Geheimnis, wie locker beim KSK mit Munition und Waffen umgegangen wird - so einer der Zeugen, der früher selbst Kasernenkommandant in Calw war.

Mindestens 10 Jahre vor dem Dienstantritt von Markus Kreitmayr habe es immer wieder Unstimmigkeiten beim Materialverbrauch der Truppe gegeben. Trotzdem seien alle internen Munitionsinventuren über Jahre immer "auffälligerweise auf Null" ausgegangen, so der Zeuge. "Dass dort etwas nicht stimmt, hätte man viel früher merken müssen", so der Logistiker am zweiten Verhandlungstag. "Es ist erschreckend, wie beim KSK mit Material umgegangen wird." Der Zeuge beschrieb Kreitmayr als jemanden der angetreten sei, um die Truppe zu sanieren. Und der sich dann als Insolvenzverwalter behaupten musste.

Jurist geht nicht von Straftat aus

Ein anderer Zeuge, ein ehemaliger Rechtsberater und Disziplinaranwalt der Bundeswehr, sagte vor dem Tübinger Landgericht, dass er dem KSK zwar ein "elitäres Selbstverständnis" bescheinigen müsse. Von rechtsextremen Netzwerken, die sich aus dem Waffenlager der Truppe bedienen, gehe er aber nicht aus. Der Jurist bestätigte außerdem, was Markus Kreitmayr selbst bereits angedeutet hatte: Man habe zunächst keine Straftaten vermutet, als Fehlbestände bei der Munition in Calw entdeckt worden waren. Vielmehr hätte man das als Ergebnis von schlampiger Logistik der Vorjahre gesehen. Deshalb sei es zunächst darum gegangen, falsch gelagerte Munition auf dem Gelände zu finden.

Munition geklaut oder nur falsch gelagert?

Die Frage, ob die verschwundene Munition tatsächlich nur falsch gelagert war oder vom KSK-Gelände gestohlen wurde ist einer der wichtigsten Aspekte vor Gericht.  

Der Hintergrund: Bei einer Inventur im Jahr 2019 waren im KSK-Munitionslager in Calw erhebliche Fehlbestände entdeckt worden. Um genauer zu sein: fehlende Munition im Wert von 28.000 Euro. Kreitmayr soll den Soldaten damals angeboten haben, die fehlende Munition straffrei und anonym zurückzugeben. Dabei hätte er davon ausgehen müssen, dass diese zumindest zum Teil geklaut sein könnte - so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. Durch die anonyme Rückgabe sei eine Strafverfolgung unmöglich geworden. Deshalb muss sich der 55-Jährige jetzt verantworten wegen "unterlassener Mitwirkung bei Strafverfahren" - einer Tat, ähnlich der Strafvereitelung. 

Rechtlicher Graubereich

Kreitmayr selbst hatte sich am ersten Verhandlungstag vergangene Woche bereits ausführlich geäußert. Er habe damals entschieden, die Fehlbestände nicht direkt zu melden, weil er keine konkreten Anhaltspunkte für Straftaten gehabt habe. Ihm sei bewusst gewesen, dass er sich dabei in einem rechtlichen Graubereich befunden habe.

KSK wegen Rechtsextremismus in der Kritik

Das KSK sorgt seit Jahren immer wieder für negative Schlagzeilen: Bereits 2017 soll es bei einer internen Party zu rechtsextremen Vorfällen gekommen sein. Außerdem habe es eine Art Weitwurfwettbewerb mit den Köpfen toter Schweine gegeben. Unter anderem hatten damals der "Spiegel" und das ARD-Magazin "Panorama" über die sogenannte Schweinskopfaffäre berichtet. Gegen einen Oberstleutnant des KSK hat es anschließend einen Strafbefehl gegeben, weil er den Hitlergruß gezeigt haben soll.

Im Zuge der Aufarbeitung dieser Vorfälle wurde die zweite Kompanie der Truppe 2020 aufgelöst und ein Reformprogramm verordnet. 2022 sind die insgesamt 60 Reformpunkte laut Eva Högl, der Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages, größtenteils umgesetzt worden.

Für den Prozess am Landgericht Tübingen sind bis Ende Februar drei weitere Verhandlungstermine angesetzt. 

So hat der Prozess angefangen

Tübingen

Landgericht Tübingen Munitionsaffäre beim KSK: Ex-Kommandeur begründet sein Vorgehen

Am Freitag hat ein ehemaliger KSK-Kommandeur am Landgericht Tübingen ausgesagt. Er soll Soldaten erlaubt haben, mutmaßlich gestohlene Munition anonym und straffrei zurückzugeben. 

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