Unterricht ist an der Paula Fürst Schule Teamarbeit. Zu zweit stehen die Lehrerinnen vor der Klasse im Klassenzimmer. (Foto: SWR, Wera Engelhardt)

Bürgerinitiative will Tandem-Unterricht

Freiburg als Modell? Petition für zwei Lehrkräfte in Grundschulklassen

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Eine Bürgerinitiative will den Unterricht an Grundschulen verbessern und hat dafür Ideen. Die Initiative fordert landesweit, was eine Freiburger Schule ab Klasse 5 längst umsetzt.

Zwei Lehrkräfte in jeder Klasse, wie es die Bürgerinitiative "GUTE Schule JETZT BW" in ihrem Volksantrag für Grundschulen fordert, gibt es in der "Paula-Fürst-Schule" in Freiburg schon lange. Die Initiative möchte den sogenannten Tandem-Unterricht, den die Freiburger Privatschule praktiziert, in allen Grundschulen in Baden-Württemberg umsetzen. Sie fordern ab 2033 eine Doppelbesetzung der Lehrkräfte in den Grundschul-Klassen.

Wie argumentieren die Befürworter? Welche Erfahrungen gibt es damit bereits in Freiburg? Und wie hat das BW-Kultusministerium reagiert?

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Vorsitzender Landeselternbeirat BW: Bessere Bildung ist eine Personalfrage

Der Vorsitzende des Landeselternbeirats, Michael Mittelstaedt, ist zusammen mit Dagmar Schäfer Initiator des Antrags. Der Unterricht fordere laut Mittelstaedt besonders Lehrkräfte an Grundschulen heraus: "Die Schülerinnen und Schüler entwickeln sich in diesen vier Jahren ganz unterschiedlich schnell, sie haben bei Eintritt in die Grundschule ganz unterschiedliche Entwicklungsstände." Nicht nur die Schüler, sondern auch die Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte stünden im Fokus.

Der neue Antrag folgt auf eine Petition. In dieser wird der Zustand der Grundschulen beklagt. Die Unterzeichner und Unterstützerinnen fordern weniger Stress, stattdessen mehr Betreuung, individuellere Förderung und zuletzt: mehr Personal.

"In den Schulen herrscht immer noch ein Konzept aus dem vorigen Jahrhundert: Man nehme eine Gruppe Kinder, einen Raum, einen Bildungsplan und eine Lehrkraft, die alles richten soll."

Während die Forderungen nach mehr Personal immer lauter werden, wächst auch der Lehrermangel an den Grundschulen im Land.

Nach zehn Jahren Erfahrung: Schulleiter, Schüler und Lehrkraft sind überzeugt

Der Schulleiter der Paula Fürst Schule befürwortet den Unterricht mit Doppelbesetzung. Seit zehn Jahren wird an der Schule von Gerd Pollok in vielen Fächern zu zweit unterrichtet – ab der fünften Klasse in allen Kernfächern in Form von Lehrkräfte-Tandems und davor durch zusätzlichen Einsatz von pädagogischen Fachkräften. Das Unterrichten sei so angenehmer für die Lehrkräfte und auch die Schüler profitierten von dem besserem Unterricht. So könne das Konzept zu mehr Bildungsgerechtigkeit führen.

Vor der Schulklasse stehen zwei Lehrerinnen.  (Foto: SWR, Wera Engelhardt)
An den Tafeln der Paula Fürst Schule stehen Lehrer und Lehrerinnen zu zweit. Wera Engelhardt

"Mit zwei Lehrkräften kann man die Klasse trennen und in zwei Gruppen aufteilen. Gerade in den Grundlagen wie Schreiben und Rechnen können so Defizite viel besser aufgearbeitet werden."

Ein weiterer positiver Nebeneffekt seien weniger Unterrichtsausfälle. Deshalb finden es auch manche Schüler und Schülerinnen gut, wenn es zwei Lehrkräfte gibt. "Wenn eine Lehrkraft irgendwas erklärt, kann die andere herumgehen und wenn jemand was nicht verstanden hat, kann sie das erklären", erzählt ein Schüler.

"Leuchtturmschulen" seien nicht genug

Allerdings ist die "Paula-Fürst-Schule" eine Privatschule und unterscheidet sich daher von den staatlichen Schulen, die im Antrag der Initiative berücksichtigt werden. Auch in der Petition wird kritisiert, dass private "Leuchtturmschulen" nicht ausreichen. Doch das Kultusministerium hat einen Plan, wie auch an öffentlichen Grundschulen mehr Lehrkräfte ins Klassenzimmer kommen sollen.

Eine Lehrerin erklärt zwei Schülerinnen Mathematik. (Foto: SWR, Wera Engelhardt)
Eine Lehrerin läuft umher, die andere hat die Klasse im Blick. Könnte das auch in den öffentlichen Schulen in Zeiten des Lehrermangels klappen? Wera Engelhardt

Kultusministerium nimmt die Vorschläge ernst

Ein Sprecher des BW-Kultusministeriums äußerte sich mittlerweile zum Antrag. Das Ministerium nehme die Vorschläge ernst.

"Wir starten deswegen beispielsweise zum kommenden Schuljahr mit einem Modellversuch, bei dem wir multiprofessionelle Teams erproben wollen. Dabei bekommen Lehrkräfte Unterstützung, z. B. durch Lerntherapeuten."

Wie das Kultusministerium mehr Personal gewinnen will

Auch das freiwillige pädagogische Jahr und Lernassistenten sollen mehr Personal in die Klassenzimmer bringen. Laut dem Ministerium hätten rund 3.000 Lehrkräfte ihre Wochenstunden erhöht, wie es Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) bereits gefordert hatte. Auch wegen des Ukraine-Kriegs hätte das Ministerium bereits 2.700 Personen mit unfertigem Studium und rund 550 pensionierte Lehrkräfte befristet an den Schulen im Land eingestellt.

Beim Schulpersonal wird immer weniger auf die traditionell an der Hochschule ausgebildete Lehrkraft gesetzt. Denn um dem Lehrermangel entgegenzuwirken, hat das Ministerium seit 2015 die Studienplätze für das Grundschullehramt erhöht. Doch bis das wirkt, braucht es Zeit. Denn das klassische Hochschulstudium zur Lehrkraft an einer Grundschule dauert mehrere Jahre.

Werden Quer-, Seiten- und Direkteinstiege bald leichter?

Deshalb sollen Quer- und Direkteinstiege erleichtert werden. So sollen auch andere Berufsgruppen an Grundschulen kommen. Eine dreijährige pädagogische Schulung ist bereits für Sonderschulen möglich, wenn Interessierte bereits in einem geeigneten Beruf ausgebildet sind. Ab dem nächsten Schuljahr sei eine ähnliche Schulung auch für die Grundschulen in Planung. Zudem hätte das Ministerium Lehrkräften bereits erleichtert, zu einer anderen Schulart zu wechseln. Dieser Wechsel wird dann als Seiteneinstieg bezeichnet. 2022 gab es etwa 130 Seiteneinsteiger hier im Land.

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