Eine Schülerin der fünften Klass hebt im Unterricht den Finger.  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Daniel Karmann)

Bis 2035 fehlen tausende Lehrkräfte

Studie: Lehrkräftemangel in BW wird sich massiv verschärfen

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Bis 2035 fehlen in Baden-Württemberg angesichts steigender Schülerzahlen tausende Lehrkräfte, so eine neue Studie der GEW. Die Kultusministerin zeigt sich unbeeindruckt.

Dass es in Baden-Württemberg an Lehrkräften fehlt, ist bekannt. Bis 2035 könnte sich das Problem aber nochmals massiv verschärfen. Zu dem Schluss kommt eine neue Studie im Auftrag der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

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Der Bildungswissenschaftler Klaus Klemm hat dafür die steigenden Schülerzahlen geprüft und errechnet, dass in den nächsten 13 Jahren mindestens 16.000 Lehrerinnen und Lehrer fehlen. Wenn das Land seine Ziele bei den Grundschulen und der Integration von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung erreichen wolle, müssten bis 2035 noch deutlich mehr Lehrkräfte eingestellt werden. Klemms Berechnungen zufolge vergrößert sich die Lücke damit auf 27.000.

Bildungsgewerkschaft fordert BW-Regierung zum Handeln auf

"Das sind erschreckende Zahlen", sagte GEW-Landeschefin Monika Stein am Freitag in Stuttgart. Sie forderte die Landesregierung zum Handeln auf. Wenn sie mehr Studienplätze und neue Stellen schaffe, könne die Regierung ihre eigenen Fehler der vergangenen Jahre etwas korrigieren und einen langfristigen Lehrkräftemangel verhindern.

Stein nannte konkrete Maßnahmen: Mehr sofortige Studienplätze für Grundschulen und Sonderpädagogik, eine Werbekampagne des Landes für die Ausbildung zum Lehrerberuf und eine Enquête-Kommission zum Fachkräftemangel im Bildungsbereich. Dass Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) zu vielen Themen einen Strategiedialog ins Leben gerufen habe, aber ausgerechnet zur Bildung nicht, ärgere die Gewerkschafterin enorm.

Bereits zum Schuljahresbeginn hatte Stein im SWR verdeutlicht, dass es deutlich mehr Lehrkräfte braucht:

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Kultusministerin: Land hat bereits Maßnahmen ergriffen

Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) zeigt sich unbeeindruckt von dem Ergebnis. Die Politikerin hält die landeseigenen Kalkulationen für "schärfer und passgenauer". Das Land rechnet derzeit mit einer Lücke von etwa 5.000 fehlenden Lehrkräften bis 2035. Eine Modellrechnung des Kultusministeriums von 2019 hatte noch ergeben, dass bis 2030 rund 10.000 Lehrkräfte im Land fehlen. Schopper verwieß auf die bereits ergriffenen Maßnahmen des Landes: "Wir haben die Studienkapazitäten in den Lehrämtern erhöht, die von dem Mangel an Lehrkräften besonders betroffen sind, und wir nehmen auch über die Kapazitätsgrenzen hinaus Studienanfänger in den Lehrämtern auf."

So seien die Studienplätze für angehende Grundschullehrkräfte fast verdoppelt worden. In der Sonderpädagogik werde ein neuer Studiengang in Freiburg hinzukommen, wodurch weitere 175 Plätze geschaffen werden. "Die Ausbildung mit Studium und Referendariat dauert aber", räumte Schopper ein. Kurzfristig sollen auch Quereinsteiger mit entsprechender Berufserfahrung entlasten, darunter fallen etwa Sozialpädagoginnen und -pädagogen.

Gegenwind für Gewerkschaften von Grünen

Auch der Grünen-Bildungsexperte Thomas Poreski sagte, die Regierung erhöhe seit Jahren die Zahl der Studienplätze. In Richtung der Gewerkschaften fügte der Politiker hinzu: "Wir befinden uns aber offenbar in einer Woche, in der so manchem populäre Forderungen für den Bildungsbereich einfacher über die Lippen gehen als tragfähige Alternativen." Auch Schopper monierte, weder der Ausruf eines vermeintlichen Notbetriebs noch Lösungsvorschläge, die das Problem eher verschärfen würden, würden helfen. "Denn wenn wir auf das System Schule eindreschen, gewinnen wir sicher keine neuen Lehrkräfte."

SPD: kein Anspruch an Verbesserungen

Kritik kommt auch von der Opposition im Landtag. Stefan Fulst-Blei (SPD) kritisierte, das Land kalkuliere mit Zahlen, die jeglichen Anspruch an Reformen und Verbesserungen vermissen ließen. "Es geht doch nicht darum, den schon jetzt mangelhaften Zustand zu erhalten, sondern die Schulen für die Zukunft besser aufzustellen und krisenfest zu machen." Der bisherige Ausbau der Studienkapazitäten sei nur ein "Tropfen auf den heißen Stein".

Landeselternbeirat fordert deutlich mehr Investition in Lehrkräfte 

Angesichts des akuten Lehrkräftemangels hat der Vorsitzende des Landeselternbeirats Baden-Württemberg, Michael Mittelstaedt, die am Freitag tagende Kultusministerkonferenz aufgefordert, deutlich mehr in Bildung zu investieren. 500 neue Stellen für Lehrkräfte will die Landesregierung im Haushalt 2023/2024 schaffen. Für Mittelstaedt ist das ein Tropfen auf den heißen Stein: "Das verpufft und davon bekommt letztendlich keiner etwas mit", sagte er dem SWR. Die Lücken zu schließen, um Unterrichtsausfälle zu stoppen, würde zudem nur das bestehende Schulsystem abfedern. Um die anstehenden Herausforderungen wie die zunehmende Vielfalt der Schülerinnen und Schüler auszugleichen, braucht es aus seiner Sicht noch viel mehr Lehrer. 

Was der Lehrkräftemangel für die Schülerinnen und Schüler in Baden-Württemberg bedeutet, schildert der Vorsitzende des Landeselternbeirats, Michael Mittelstaedt, im Gespräch mit SWR Aktuell-Moderator Stefan Eich:

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Situation an Grundschulen besonders dramatisch

GEW-Landeschefin Monika Stein sagte, dass die Situation an Grundschulen am prekärsten sei. Für die Inklusion und eine bessere Ausstattung der Grundschulen sind ihrer Meinung nach sofort weitere Studienplätze für Grundschulen und Sonderpädagogik nötig. Auch der Verband Bildung und Erziehung (VBE) bemängelte in einer ebenfalls diese Woche veröffentlichten Studie, dass der Lehrkräftemangel an den Grundschulen besonders dramatisch sei.

Jede zehnte Grundschule könne demnach wegen der Unterversorgung keinen Regelbetrieb anbieten. Dabei sei es gerade hier wichtig, Kinder auf die Zukunft vorzubereiten: "Die Heranwachsenden haben enorme Herausforderungen vor sich, politischer und gesellschaftlicher Natur oder hinsichtlich der Umwelt. Was wir denen jetzt an Bildung und Problemlösungskompetenz mitgeben ist extrem wenig", sagt Mittelstaedt.

VBE: Bereits vor den Herbstferien Probleme in Schulen

Die VBE-Studie ergab zudem, dass viele Schulen in Baden-Württemberg schon wenige Wochen nach dem Start des Schuljahres teils dramatische Probleme haben, die planmäßigen Unterrichtsstunden abzudecken. Schopper hielt dem entgegen, dass das Land mit mehr als 98 Prozent Versorgungsgrad in allen Schularten, außer in den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren, beim bundesweiten Problem Lehrkräftemangel nicht so schlecht dastehe. "Das stimmt uns nicht zufrieden und bremst auch unser Engagement nicht. Aber das ist wichtig bei der Betrachtung."

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