Nachbarschaftshilfe JA-Verein Mauchen Stühlingen (Foto: SWR, Quelle: Nachbarschaftshilfe Verein)

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Nachbarschaftsverein Stühlingen: Erfolgreich Zusammenleben auf dem Land

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AUTOR/IN
Petra Jehle

Seit zehn Jahren verbindet der Nachbarschaftsverein Stühlingen Menschen auf dem Land und verbessert ihr Zusammenleben. Die Nachfrage ist groß und Ideen haben sie noch viele.

Es ist eine Erfolgsgeschichte und, wenn es ein Unternehmen wäre, gingen ihre Aktienkurse durch die Decke. Aus dem 16-köpfigen kleinen Nachbarschaftshilfe-Verein, dem "JA"-Verein, aus Stühlingen-Mauchen (Kreis Waldshut) ist in den letzten zehn Jahren eine wichtige soziale Einrichtung geworden. Der Verein hat die Zahl der Helferinnen und Helfer auf 180 mehr als Verzehnfacht und aus 200 Helferstunden pro Jahr sind inzwischen 22.000 geworden. Längst ist der Verein weit über seinen Ort hinaus aktiv und organisiert das Zusammenleben der Menschen in sieben Nachbargemeinden.

SWR-Reporterin Petra Jehle berichtet über die wichtige Arbeit des "JA"-Vereins:

Jung und Alt finden zusammen

Ein Beispiel dafür, wie die Nachbarschaftshilfe funktioniert, zeigt die Begegnung von Rosemarie Leutz und Andrea Ebe. Rosemarie Leutz ist 90 Jahre alt und vor zwei Jahren von Stuttgart nach Stühlingen in eine Seniorenwohnanlage gezogen, weil hier auch ihre Tochter lebt. Schon oft hat sie daran gedacht in ein Pflegeheim zu ziehen, aber solange sie Hilfe von Andrea Ebe hat, ist das noch nicht notwendig.

"Es ist schön mit ihr. Nicht nur weil sie sauber macht oder Einkaufen geht. Bei ihr kann ich auch meine Sorgen abladen und wir lachen miteinander und machen Witze."

Ob es darum geht, die Batterie bei der Wanduhr auszutauschen, einen Arztbesuch zu besprechen oder gemeinsam Spazieren zu gehen: Andrea Ebe ist einmal die Woche für zwei bis drei Stunden bei der Seniorin und hilft ihr im Alltag. Pflegearbeiten übernimmt der Verein nicht, dafür seien Pflegedienste zuständig, sagen die Verantwortlichen. Ihr Ziel ist es, das Leben auf dem Land für alle besser zu machen. Für junge Menschen, Familien und Senioren gleichermaßen.

Finanzielle Würdigung als Ausgleich

"Tatsache ist, dass nicht alles im Ehrenamt geleistet werden kann. Sobald es eine regelmäßige Hilfe ist, muss diese auch entlohnt werden. Wichtig ist, dass die Pflegekassen das anerkennen."

Nachbarschaftshilfe JA-Verein Mauchen Stühlingen (Foto: SWR, Quelle: Nachbarschaftshilfe Verein)
Der Nachbarschaftsverein "Ja-Verein" Stühlingen ist ein Erfolgsmodell für ein gemeinsames Leben auf dem Land Quelle: Nachbarschaftshilfe Verein

Mal eine Flasche Wein oder eine Schachtel Pralinen, das ist zu wenig, wenn die Hilfe einen bestimmten Umfang und ein bestimmtes Ausmaß überschritten hat, sagt Vereinsgründerin Thekla Korhummel. Sie ist eine von 16 Helferinnen, die vor zehn Jahren das Projekt gestartet haben. Der Bedarf ist groß und seit die Klienten des Vereins die Hilfeleistung bei den Pflegekassen abrechnen können, ist der Bedarf noch gestiegen.

Zwischen 13,80 Euro und 15,80 Euro bekommt der Verein für die Stunde. Die Helferinnen und Helfer bekommen eine Aufwandsentschädigung von 10,50 Euro plus Fahrgeld. Das entspricht dem Mindestlohn. Der Rest wird in Fortbildung, Ausstattung und neue Projekte investiert. Inzwischen gibt es in Mauchen ein kleines Büro im Alten Rathaus und neun Teilzeitkräfte, die den Vereinsbetrieb professionell organisieren.

Nachbarschaftshilfe JA-Verein Mauchen Stühlingen (Foto: SWR, Quelle: Nachbarschaftshilfe Verein)
Der Nachbarschaftsverein "Ja-Verein" Stühlingen ist ein Erfolgsmodell für ein gemeinsames Leben auf dem Land Quelle: Nachbarschaftshilfe Verein

Für die Zukunft hat der Verein noch viele Ideen und Ziele. Die Mitglieder wollen weitere Helferinnen und Helfer anwerben. Auch junge Menschen ansprechen und wichtige Zukunftsthemen angehen. Wie etwa eine bessere Mobilität für die abgelegen Orte. Auch die Versorgung mit Lebensmitteln soll verbessert und leerstehende Häuser für generationenübergreifende Wohnprojekte genutzt werden.

"Wir wollen, dass junge und alte Menschen in ihrem Dorf leben und hier alt werden können."

Was es dazu braucht, das zeigt das Beispiel von Rosemarie Leutz und Andrea Ebe. Andrea Ebe ist Mutter von fünf Kindern. Sie leistet für den Verein Fahrdienste und besucht jede Woche vier Senioren aus ihrer Nachbarschaft. Das ist für sie kein Stress, sondern eine Freude, sagt sie. Sie profitiere von der Lebenserfahrung und der erfrischenden und fröhlichen Art der Seniorin. Auf das höhere Gehalt einer Apothekerin verzichtet sie, denn einen schöneren Nebenjob als diesen, kann sie sich nicht vorstellen.

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