Goldenes Kreuz hängt über dem Altarraum im Freiburger Münster.

Missbrauchsfälle im Erzbistum Freiburg

"Welle der Ohnmacht": Missbrauch-Betroffene verärgert über Zollitschs Entschuldigung

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Anita Westrup und Markus Gutting

Der Freiburger Betroffenenbeirat kritisiert das Video-Statement des katholischen Ex-Erzbischofs Zollitsch. Seine Entschuldigung sei unzureichend.

"Sehr geehrter Herr Zollitsch, am 6. Oktober 2022 haben wir völlig unerwartet von Ihnen eine Mail erhalten, mit der Ankündigung, dass Sie sich noch am gleichen Tag mit einer öffentlichen Erklärung an den Betroffenenbeirat und die Katholikinnen und Katholiken wenden werden." Mit diesen Worten beginnt der dreiseitige Brief des Freiburger Betroffenenbeirates an den ehemaligen Erzbischof Robert Zollitsch. In der Kritik stehen Zollitschs Aussagen in einer Videobotschaft, die vor knapp drei Wochen veröffentlicht worden ist.

Zollitschs Video-Äußerung verfehlt Wirkung bei Missbrauch-Betroffenen

Das Video habe bei vielen Betroffenen sexualisierter Gewalt "eine Welle der Ohnmacht ausgelöst", schreibt der Betroffenenbeirat. Es sei ohne angemessene Vorwarnung in das Leben der Betroffenen geplatzt. Viele Betroffene hätten das Video als eine bedrohliche Machtdemonstration empfunden. Zollitsch habe "seine Version der Wahrheit im Internet platziert", ohne den Dialog zu suchen. "Als Kinder und Jugendliche haben wir schon einmal erlebt, dass mächtige Kirchenvertreter definieren, was die Wahrheit ist, und unsere Perspektive weder gehört noch ernst genommen wurde", so die Sprecherin des Beirats, Julia Sander. Die im Video formulierte Bitte um Verzeihung sei unangebracht, solange Zollitsch nicht mehr für Betroffene leiste und ihnen einen echten Dialog anbiete.

Betroffenenbeirat fordert Zollitsch ganz konkret zu aktivem Handeln auf


Der Freiburger Betroffenenbeirat fordert Zollitsch zu aktivem Handeln auf und hat konkrete Forderungen an ihn gestellt. Die Wiedergutmachung könne nur durch Taten geschehen. Zum Beispiel durch die Gründung einer Stiftung, um die Betroffenen finanziell zu unterstützen. Oder indem Zollitsch direkt mit Opfern sexualisierter Gewalt rede. Zu diesen und weiteren Vorschlägen hat ihm der Betroffenenbeirat Gespräche angeboten.

Missbrauch-Aufarbeitung: Ex-Erzbischof Zollitsch gibt Fehler per Video zu

Der frühere Bischofskonferenz-Vorsitzende Zollitsch hatte am 6. Oktober nach langem Schweigen große Fehler und persönliche Schuld im Umgang mit Betroffenen von sexualisierter Gewalt und Missbrauch eingeräumt. In dem Video bat er Opfer und ihre Familien um Verzeihung, "für das zusätzliche Leid, das Ihnen mein Verhalten bereitet hat". Zugleich betonte er, Anstöße für Aufarbeitung und Prävention gegeben zu haben.

Seit 2010 werden ihm öffentlich Fehlverhalten bei mehreren Missbrauchskomplexen vorgeworfen, etwa im Fall Oberharmersbach (Ortenaukreis), wo ein Priester über Jahre viele Jugendliche missbraucht hatte. Der Priester war dafür nach Angaben der für die Gemeinde zuständigen Erzdiözese Freiburg nie angezeigt, sondern versetzt worden. Dabei steht auch Zollitsch in der Kritik. Zur Zeit der Vorfälle in Oberharmersbach war er Personalreferent der Erzdiözese und hatte somit Verantwortung für die eingesetzten Geistlichen. Zollitsch hatte in diesem Zusammenhang Fehler zugegeben, ein breites Schuldeingeständnis aber vermieden.

Pensionierter Pfarrer räumt Mitverantwortung ein und belastet Zollitsch

Ein pensionierter Pfarrer im Erzbistum Freiburg hat jetzt seine Mitverantwortung bei der Vertuschung von sexualisierter Gewalt und Missbrauch durch einen früheren Pfarrer im südbadischen Oberharmersbach eingeräumt. "Ich wollte keinen Skandal", sagte er am Dienstag im SWR-Magazin "Report Mainz". Er habe 1991 von den Missbrauchstaten seines Kollegen erfahren, so der pensionierte Priester. Zwar habe er 1992 den damaligen Personalchef des Bistums, den späteren Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, über die mutmaßlichen Missbrauchstaten informiert. Zollitsch habe den Fall aber "geräuschlos abschließen" wollen, zitiert der SWR den pensionierten Pfarrer.

Der beschuldigte Priester wurde in den Ruhestand versetzt, arbeitete aber weiter als Geistlicher in einem Pflegeheim, wo er weitere Jugendliche missbrauchte. 1995 nahm er sich das Leben. Der Fall Oberharmersbach gilt als umfangreichster Missbrauchskomplex im Erzbistum Freiburg. Laut bisheriger Aufarbeitung missbrauchte und vergewaltigte der Geistliche zwischen 1968 bis 1995 mindestens 20 Kinder und Jugendliche. Betroffene werfen dem Bistum und Zollitsch vor, nicht alle Umstände aufzuklären.

Missbrauch-Gutachten der Erzdiözese Freiburg für April 2023 angekündigt

Die Missbrauchstaten des Pfarrers in Oberharmersbach sind auch Gegenstand des aktuell erarbeiteten Berichts zu Missbrauch und Vertuschung im Erzbistum Freiburg. Ursprünglich hätte die Studie am 25. Oktober 2022 erscheinen sollen. Sie wurde auf Ende April 2023 verschoben, um sie rechtssicher zu machen.

Es ist nicht die erste Verzögerung der Studie. Die Pressestelle des Erzbistums erklärt dies vor allem mit den ausführlichen persönlichen Befragungen von Beteiligten und Zeugen. Die Befragungen seien durch die Umstände der Corona-Pandemie seit Anfang 2020 zuletzt deutlich in die Länge gezogen worden, was der wesentliche Grund für die Verzögerung sei.

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