Der ehemalige Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Patrick Seeger)

Missbrauch in der Erzdiözese Freiburg

Ex-Erzbischof Zollitsch gibt Fehler bei Missbrauch-Aufarbeitung zu

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Paula Kersten
Gabi Krings
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Markus Gutting

Der frühere Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch hat erstmals Fehler bei der Aufarbeitung von Missbrauchsvorwürfen eingeräumt. Kritik ließ nicht lange auf sich warten.

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Er habe mit seinem damaligen Verhalten und seinen Entscheidungen gravierende Fehler gemacht und auch die Gefahren von erneutem Missbrauch verkannt, erklärt der frühere Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch in einem Video-Statement. Entsprechende Vorwürfe gegen ihn beziehen sich auf die Zeit seiner Tätigkeit als Freiburger Erzbischof und als Personalreferent im Erzbischöflichen Ordinariat. Mit einem zehnminütigen Video auf seiner Webseite hat sich Zollitsch am Donnerstag an die Öffentlichkeit gewandt, vor allem an die Betroffenen von sexualisierter Gewalt im Erzbistum Freiburg, ihre Angehörigen und an die Katholikinnen und Katholiken.

Zollitsch: Kirchen-Wohl war wichtiger als Sorge um Opfer

Der inzwischen 84-jährige Robert Zollitsch erklärt weiter, es habe ihn über lange Zeit nur das Wohl der katholischen Kirche geleitet und nicht die Anteilnahme am Leid der Betroffenen und die Fürsorge für die Opfer von Missbrauch. Eine Stellungnahme Zollitschs zu den Missbrauchsvorwürfen während seiner Amtszeit war lange erwartet worden. Robert Zollitsch leitete das Erzbistum Freiburg von 2003 bis 2014. Zuvor war er 20 Jahre lang Personalchef des Bistums. In seiner jetzt veröffentlichten Erklärung entschuldigt er sich bei den Missbrauchsopfern und bittet sie um Verzeihung - auch wenn er nicht erwarten könne, dass sie seine Entschuldigung annehmen.

Kritik an Zollitsch

Nach seinem Statement folgte im Laufe des Donnerstags Kritik an Zollitsch. So äußerte sich der Stuttgarter Stadtdekan Christian Hermes im SWR wie folgt: "Wie er auch selber sagt, es ist alles unzureichend, was er jetzt noch tun kann. Er hätte, als er im Amt war, in langen Jahren verantwortungsvoll und richtig handeln müssen".

Erzdiözese Freiburg zu Zollitschs "Mea Culpa"

Die Erzdiözese Freiburg hat das Schuldbekenntnis des früheren Erzbischofs Robert Zollitsch zu seiner Verantwortung im Missbrauchsskandal begrüßt. In einer knappen Stellungnahme ließ der Freiburger Generalvikar Christoph Neubrand wissen, dass die konsequente und unabhängige Aufklärung und die Aufarbeitung des früheren Umgangs mit Missbrauch in der Erzdiözese Freiburg für die Bistumsleitung oberste Priorität habe.

Generalvikar: Missbrauchbericht fundiert und umfassend bewerten

Positiv sei nun mit der Veröffentlichung seines Statements, dass der 2013 emeritierte Erzbischof Zollitsch sich mit seiner Verantwortung auseinandersetze. Mit der nun auf April 2023 terminierten Veröffentlichung des Freiburger Missbrauchsberichts sollen die Versäumnisse und Fehler im früheren Umgang mit Missbrauch in der Erzdiözese fundiert und umfassend bewertet werden, so der Generalvikar gegenüber dem SWR.

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Betroffenenbeirat des Erzbistums Freiburg reagiert skeptisch

Der Betroffenenbeirat im Erzbistum Freiburg erklärte, es müsse sich jetzt zeigen, ob Zollitsch die ausgedrückte Reue ernst meine. Sein Schuldeingeständnis komme überraschend. Jetzt müsse er sich dafür engagieren, dass die Aufarbeitung schneller vorankomme. Bislang habe Zollitsch jedoch nichts Konkretes unternommen, um das Leid der Betroffenen zu schmälern, kritisierte der Beirat. Denkbar wäre etwa die Gründung einer Stiftung für Betroffene. Und Zollitsch sollte im direkten Gespräch mit Betroffenen jene Fragen beantworten, "die seit Jahrzehnten nicht beantwortet wurden".

"Ich fühle mich wirklich verhöhnt" Missbrauch in der Kirche: Betroffene kritisiert Ex-Erzbischof Zollitsch

Der frühere Freiburger Erzbischof Zollitsch hat erstmals Fehler bei der Aufarbeitung von Missbrauchsvorwürfen eingeräumt. Bei SWR1 kritisiert eine Betroffene dessen Stellungnahme.

Die bundesweite Betroffenen-Organisation Eckiger Tisch bezeichnete das Video Zollitschs als bemerkenswert. Die klare persönliche Übernahme von Verantwortung sei bei kirchlichen Amtsträgern selten, so Eckiger-Tisch-Sprecher Matthias Katsch. Auch er forderte, der Erklärung müssten Taten folgen.

Stuttgarter Stadtdekan: Was ist das Ziel dieses Videos?

In einem Live-Interview im SWR-Fernsehen äußerte sich der katholische Stuttgarter Stadtdekan, Christian Hermes, zu Zollitschs Erklärungsinitiative. Er erinnert dabei an ein "früheres Video des ehemaligen Erzbischofs und Vorsitzenden der Bischofskonferenz, in dem er sich schon damals in einer ziemlich unglücklichen Weise geäußert hat - nach sehr starkem Druck, der auf ihn ausgeübt wurde." Hermes vermutet, dass man Zollitsch dringend geraten hat, jetzt in die Öffentlichkeit zu gehen. Dabei stelle sich die Frage, warum der Missbrauchsbericht erst nächstes Frühjahr vorgelegt wird, nachdem er bereits für dieses Frühjahr angekündigt war. Die eigentliche Frage sei jetzt einfach: "Was ist das Ziel dieses Videos im Vorfeld des Missbrauchsberichts, den wir von Freiburg erwarten."

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Aus zeit-technischen Gründen konnte Hermes am Ende des Interviews nicht mehr ausführen, was er Zollitsch mit seinem Video nicht abnimmt. Dies hat er auf Ersuchen schriftlich getan:

"Ich nehme dem Alterzbischof von Freiburg Zollitsch einiges in dieser Erklärung nicht ab: Dass er zu naiv und zu gutgläubig gewesen sei, erscheint als Versuch, sich selbst als Opfer darzustellen. Zollitsch war aber erfahrener Personalmanager und durchaus selbstbewusster Erzbischof. Ebenso typisch wie fragwürdig erscheint die Verantwortungsverschleierung im "System". Drittens beteuert er, wie sehr er sich für eine umfassende Aufarbeitung in der Vergangenheit eingesetzt habe und weiter einsetzen wolle. Ist das wirklich so? Dazu kann man Betroffene fragen oder den - warum übrigens verzögerten? - Missbrauchsbericht abwarten."

Freiburger Missbrauchsstudie soll juristisch abgesichert werden

Das Erzbistum Freiburg arbeitet seit mehreren Jahren an einer Studie, die Missbrauch und dessen Vertuschung dokumentiert und aufarbeitet. Ähnliche Untersuchungen gibt es in vielen deutschen Bistümern. Zuletzt war die in Freiburg für Oktober geplante Veröffentlichung auf April verschoben worden. Dem Vernehmen nach wollen sich die Autoren gegen mögliche Klagen absichern. Die Studie umfasst auch die Jahre, in denen Zollitsch in verschiedenen Funktionen Verantwortung trug.

Erzbischof Stephan Burger hat eine Veröffentlichung zugesagt. Erarbeitet wurde sie durch vom Erzbistum unabhängige Experten. Zollitsch betonte nun, sich an der Aufarbeitung zu beteiligen. Bis zuletzt war unklar, wie sich Zollitsch zu der Untersuchung verhält. Seit 2010 wurden ihm öffentlich Fehlverhalten bei mehreren Missbrauchskomplexen vorgeworfen, etwa im Fall Oberharmersbach, wo ein Priester über Jahre viele Jugendliche missbraucht hatte. Zollitsch hatte Fehler zugegeben, ein breites Schuldeingeständnis aber vermieden.

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