Marienfigur vor dem Freiburger Münster (Foto: dpa Bildfunk, Patrick Seeger)

Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch im Erzbistum

Freiburger Missbrauchsbericht: Betroffene kritisieren Verzögerung

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Gabi Krings

Die von der Erzdiözese Freiburg in Auftrag gegebene Missbrauchsstudie verzögert sich erneut - wegen rechtlicher Bedenken. Betroffene im Erzbistum reagieren enttäuscht.

Von Missbrauch Betroffene werten die abermalige Verschiebung eines Berichts zum Umgang mit sexualisierter Gewalt im Erzbistum Freiburg als harten Rückschlag. Das teilte der Betroffenenbeirat im Erzbistum am Dienstag mit. Das Warten auf den Bericht sei eine extreme psychische Belastung für die Betroffenen. Es sei wichtig, dass Verantwortlichkeiten klar benannt und Konsequenzen gezogen würden. Das Erzbistum hatte am Montag erklärt, dass das Ergebnis der Missbrauchsstudie erst im April 2023 veröffentlicht wird, statt wie geplant Ende Oktober.

Der komplette Radiobeitrag zum Nachhören:

Betroffener: "Vorgeschobener Grund"

Raphael Hildebrand ist ein Betroffener aus Oberharmersbach (Ortenaukreis). Als Messdiener wurde er von dem damaligen Pfarrer jahrelang sexuell missbraucht. Er hat diese im Jahr 1995 bei der Polizei angezeigt, doch passiert sei bisher wenig. Für den Missbrauchsbericht wurde der heute 51-Jährige als Zeuge befragt. Dort hat er auch angegeben, dass die Erzdiözese den damaligen Oberharmersbacher Pfarrer lediglich versetzt hatte. Die Personalverantwortung der Erzdiözese lag zu dieser Zeit bei Robert Zollitsch, dem späteren Freiburger Erzbischof und Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz.

"Man wird immer wieder retraumatisiert. Als Opfer kann man keinen Abschluss finden."

Hildebrand wirft dem Bistum fehlenden Aufklärungswillen vor. "Nach zwei Jahren fällt ihnen ein, dass sie rechtlich noch was prüfen müssen - also das ist für mich nur ein vorgeschobener Grund", sagt er. Der 51-Jährige vermutet, dass man damit eher mutmaßliche Täter schützen möchte.

Studie soll vor Veröffentlichung nochmal genau geprüft werden

Eine unabhängige Expertengruppe, die 2018 eingesetzte "AG Aktenanalyse", erarbeitet den Bericht zum Umgang mit sexualisierter Gewalt in der Erzdiözese Freiburg. Die Ergebnisse sind möglicherweise so heikel, dass Erzbischof Stephan Burger nun eine genaue rechtliche Prüfung beauftragt hat. Die Veröffentlichung verzögert sich deshalb erneut um mehrere Monate.

Bericht könnte ehemaligen Erzbischof Zollitsch belasten

Der Bericht dürfte auch wegen der Rolle des früheren Erzbischofs Robert Zollitsch große Beachtung finden. Burgers Vorgänger könnte darin stark belastet werden. Der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz leitete die Diözese von 2003 bis 2014, zuvor war er dort 20 Jahre Personalchef. Burger wirft Zollitsch vor, in dieser Funktion Fehler im Umgang mit Missbrauchsfällen gemacht zu haben.

Freiburger Erzbischof Stephan Burger (Foto: dpa Bildfunk, Patrick Seeger)
Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger will die Missbrauchsstudie rechtssicher machen. Patrick Seeger

Burger will juristisch unanfechtbare Studie

Erzbischof Burger verständigte den Betroffenenrat der Erzdiözese über die erneute Verschiebung der Studienveröffentlichung. Er versprach, dass das Gutachten auf jeden Fall für alle zugänglich sein soll. Dies sei man den Betroffenen und den Mitarbeitenden schuldig. Burger betonte, dass ihm die Entscheidung zum Verschieben nicht leicht gefallen sei. Zentrales Ziel sei aber eine "rechtssichere und damit unanfechtbare Veröffentlichung". 

"Die Wahrheit muss auf den Tisch, Aufklärung hat oberste Priorität"

Zur Aufarbeitung des Missbrauchs in der katholischen Kirche investiert das Erzbistum nach eigenen Angaben seit mehreren Jahren erhebliche Ressourcen und Finanzen. Für die Studie wurden kirchliche Daten ausgewertet sowie Zeugen, Betroffene und Beschuldigte befragt.

Leiter der Expertengruppe unterstützt rechtliche Prüfung

Der Leiter der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch, Magnus Striet, bedauert die Verzögerung für die Betroffenen. Allerdings unterstützt er eine juristische Prüfung. Denn der Sachverhalt sei kompliziert, so der Theologieprofessor. Viele Taten seien verjährt und insofern strafrechtlich nicht mehr relevant. Personen, die in dem Bericht beschuldigt würden, könnten auf Unterlassung klagen. Eine juristische Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit könne aber nicht im Interesse der teilweise noch traumatisierten Betroffenen sein.

Betroffene erwarten Eingeständnis von Zollitsch

In einer Stellungnahme vom Januar 2022 anlässlich der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie in der Erzdiözese München-Freising hat der Betroffenenrat der Erzdiözese Freiburg vermerkt, dass auch in Freiburg auf die Veröffentlichung des Gutachtens gewartet wird. "Viele Betroffene im Bistum Freiburg verbinden damit die Hoffnung, dass der emeritierte Erzbischof Robert Zollitsch endlich eingesteht, dass im Bistum Freiburg über Jahrzehnte weggeschaut, vertuscht und den Opfern nicht geglaubt wurde. Wir erwarten von den Verantwortlichen unseres Erzbistums, dass sie sichtbar Verantwortung übernehmen, in Worten wie in Taten."

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