Eine Lehrerin unterrichtet eine erste Klasse der Liebenauschule.  (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

Verband und Gewerkschaft warnen

Schulstart in BW: Viele ungeklärte Fragen und Probleme an Schulen

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Lehrermangel, Corona, Energiekrise: Heute starten Schülerinnen und Schüler in Baden-Württemberg wieder in den Unterricht. Doch es gibt noch viele offene Baustellen.

Viele Schulen im Land stehen mit Beginn des neuen Schuljahres vor massiven Problemen. Der Philologenverband Baden-Württemberg und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) warnen: Vor allem der Lehrermangel mache den Schulen zu schaffen. Ein Überblick über alle Baustellen an baden-württembergischen Schulen - und möglichen Lösungen.

Hier eine Übersicht über die Themen:

Personal: Rund 890 Lehrerstellen unbesetzt

Wegen des massiven Personalmangels rechnen Expertinnen und Experten für das neue Schuljahr mit leeren Vertretungslisten und Unterrichtsausfall. "Bereits am ersten Schultag müssen sich Schülerinnen und Schüler und ihre Eltern auf Unterrichtsausfall einstellen", sagte die GEW-Landesvorsitzende Monika Stein kürzlich. Denn noch immer seien hunderte Stellen unbesetzt. Am Donnerstag lieferte das Kultusministerium die Zahlen: rund 890 Stellen seien zu Beginn des Schuljahres offen. Und der Bedarf - auch durch Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine - steigt.

Besonders betroffen seien Grundschulen und sonderpädagogische Schulen. Aber auch an Gymnasien gebe es mittlerweile Engpässe, so der Philologenverband. Aus Sicht von Kultusministerin Schopper (Grüne) ist die Lage an den Gymnasien noch vergleichsweise gut.

Ministerium und GEW sehen unterschiedliche Gründe

Laut Kultusministerium nimmt der Bedarf etwa durch Pensionierungen noch weiter zu. Außerdem dürften schwangere Lehrerinnen nicht in den Grundschulklassen 1 und 2 eingesetzt werden. Auch in den Grundschulzügen der sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren durften sie nicht arbeiten, so Schopper weiter. Laut Statistischem Landesamt arbeiten zudem immer mehr Lehrerinnen und Lehrer in Baden-Württemberg in Teilzeit. Mehr als die Hälfte arbeite momentan nicht voll.

Laut der GEW-Landesvorsitzenden Monika Stein hat das Land es aber vor allem verschlafen, sich rechtzeitig um ausreichend Personal zu kümmern. Der Landesregierung hätten die Zahlen des Statistischen Landesamtes von 2012 bis 2015 vorgelegen. Hätte sie "sofort ausreichend Studienplätze geschaffen, könnten jetzt zum Schuljahresbeginn alle Stellen besetzt werden", sagte Stein. Auch die Arbeitsbedingungen und die Bezahlungen für Lehrerinnen und Lehrer müssten sich deutlich verbessern, um den Beruf attraktiver zu machen, so die GEW-Vorsitzende.

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Lehrkräfte arbeiten länger

Die baden-württembergische Landesregierung hofft indes, dass sich in den kommenden Wochen noch geeignete Bewerber für die vakanten Stellen finden. Kurzfristig sollen Lehrerinnen und Lehrer aushelfen, die in Teilzeit arbeiteten. Auf den Appell von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hätten sich 3.000 Lehrerinnen und Lehrer gemeldet und würden nun mehr arbeiten. Das seien insgesamt 317 Stellen, so Schopper. Außerdem würden Pensionärinnen und Pensionäre in befristeten Verträgen an Schulen aushelfen.

Längerfristig will das Land 500 neue Stellen schaffen. Darauf hatte sich die Landesregierung im Doppelhaushalt 2023/2024 geeinigt. Das reiche jedoch bei Weitem nicht aus, kritisieren GEW und Philologenverband.  Alleine für die Betreuung ukrainischer Schülerinnen und Schüler seien viermal mehr Lehrkräfte nötig, betonte der Vorsitzende des Landes-Philologenverbandes Ralf Scholl.

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Immer mehr Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine

Der Lehrermangel wird durch den Zustrom geflüchteter Kinder noch weiter verschärft. Ministerin Schopper rechnet derzeit mit mehr als den bislang erwarteten rund 30.000 Kindern und Jugendlichen - viele von ihnen kommen aus der Ukraine. "Wir müssen davon ausgehen, dass die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die an unsere Schulen kommen, noch einmal deutlich zunehmen wird", sagte sie. An manchen Schulen würden die Kapazitätsgrenzen erreicht.

Auch der Philologenverband zeigte sich besorgt. Das Kultusministerium reagiere auf neue Entwicklungen, wie den Zustrom ukrainischer Kinder, oft mit mehrmonatiger Verzögerung. Der Verband geht sogar davon aus, dass künftig bald 40.000 geflüchtete Kinder im schulpflichtigen Alter in Baden-Württemberg wohnen werden. In dieser Größenordnung brauche man innerhalb weniger Monate bis zu 4.000 Lehrkräfte. Schopper hält diese Rechnung für verfrüht, weil nicht klar sei, ob die Familien in Baden-Württemberg oder Deutschland bleiben würden.

Landes-Philologenverbandschef Ralf Scholl fordert trotzdem konkrete Konzepte. "Wir können vielleicht davon ausgehen, dass fünf bis zehn Prozent der Kinder Deutsch sprechen", so Scholl. Deshalb könne man sie nicht einfach in Schulklassen setzen. Wichtig seien Deutschkurse in Vorbereitungsklassen. Lehrkräfte im Ruhestand und Studierende könnten dafür eingesetzt werden - das schlägt der Verband Bildung und Erziehung (VBE) in Baden-Württemberg vor. Kultusministerin Schopper setzt dagegen auf geflüchtete Lehrkräfte aus der Ukraine. "Wir wollen eine Online-Plattform anbieten, auf der sich ukrainische Kräfte melden können." Eine konkrete Umsetzung gibt es bisher jedoch noch nicht.

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Corona: Keine neuen Regelungen

Kultusministerin Schopper hatte am Donnerstag versichert: Das neue Schuljahr beginne so, wie das alte geendet habe. Klassenreisen könnten demnach geplant werden, es gebe weder eine Maskenpflicht, noch eine Testpflicht. Der Schutz vor Corona sei durch die Impfung und Infektionen gestiegen. Demnach seien zwei Drittel der 12- bis 17-Jährigen geimpft, ebenso 85 Prozent der Jugendlichen über 18 und ein Fünftel der Fünf- bis Elfjährigen.

"Wir starten das Schuljahr immunologisch also unter ganz anderen Voraussetzungen als im vergangenen Jahr", so Schopper. Kinder und Jugendliche müssten sich dennoch weiter impfen lassen. An sonderpädagogischen Schulen werde  zum Schutz vulnerabler Gruppen weiterhin getestet.

Krankheitsausfälle durch Corona befürchtet

Schon Ende Juli war für Schopper klar: Schulschließungen dürfe es wegen Corona nicht mehr geben. Ob es bei einer Zuspitzung der Corona-Lage wieder eine Maskenpflicht in den Schulen geben kann, hängt laut der Grünen-Politikerin von den Entscheidungen des Bundes ab.

Experten befürchten jedoch wegen Corona mehr Krankheitsausfälle. Die Schulen seien in keiner Weise auf das vorbereitet worden, was im Herbst und Winter vor ihnen liege, hieß es am Donnerstag vom Landes-Philologenverband. Die Lüftungsstrategie, bei der man jeweils nach 20 Minuten für fünf Minuten stoßlüfte, sei angesichts der Energiesparmaßnahmen "ein schlechter Witz".

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Energiekrise: Sorge vor kalten Klassenzimmern

Einige Schulen befürchten, dass ihre Schülerinnen und Schüler im Winter in kalten Klassenzimmern sitzen könnten. Diese Sorge teilt auch GEW-Landesvorsitzende Stein. Sie forderte, nicht bei der Wärme in den Klassenzimmern zu sparen. Die Kinder sollten nach den Corona-Jahren nicht weiter Mangel leiden. "Es ist an der Zeit, dass wir den Kindern und Jugendlichen einen sicheren und guten Rahmen geben, indem sie in den Schulen leben und lernen können", so Stein.

Kultusministerin Schopper sagte schon Ende Juli, dass sie Schulschließungen wegen Gasmangels im Winter unter allen Umständen vermeiden wolle. Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur sagte sie: "Der Lebensraum Schule ist für unsere Kinder und Jugendlichen unendlich wichtig, das hat Corona gezeigt. Deshalb würde ich auch bei einer Gasmangellage nicht mein Okay für Schulschließungen geben." Beim Gasgipfel habe die Landesregierung festgehalten, dass Schulen und Kindergärten zur kritischen Infrastruktur dazugezählt werden.

Dennoch betonte sie: "Wenn wir einen Winter haben, wo es richtig knackig kalt ist, und in den Räumen ist es 18 Grad, kann ich nicht kurzärmlig mit dem T-Shirt in die Schule kommen. Da ist ein Pulli und ein T-Shirt drunter sicherlich nicht die verkehrte Wahl." Die offizielle Temperatur-Untergrenze bei 20 Grad, doch es sei absehbar, dass diese wegen der drohenden Gasmangellage noch gesenkt werde.

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