Schüler betreten eine Schule (Foto: SWR)

Kritik an Landesregierung

Gewerkschaft: Geplante 500 neue Lehrerstellen reichen "bei weitem" nicht aus

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Laut GEW fehlen zum Start des neuen Schuljahres in BW bereits Lehrer. Die Gewerkschaft fordert mehr Studienplätze auf Lehramt und eine deutliche Entlastung der Lehrkräfte.

Vor dem Start des neuen Schuljahres hat die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) am Dienstag die Landesregierung von Baden-Württemberg wegen des Lehrermangels scharf kritisiert. Bei einer Pressekonferenz forderte Monika Stein, Landesvorsitzende der GEW, mehr Entlastung für die Lehrkräfte und zwar schnell.

"Wenn Danyal Bayaz meint, mit 500 Stellen seien die Schulen auf Projekte wie den Ganztagsausbau, Sprachförderung, Integration Geflüchteter und die steigenden Schülerinnenzahlen vorbereitet, dann ist er kein seriöser Finanzminister", so Monika Stein. Die Schuldenbremse dürfe notwendige Investitionen in die Bildung nicht verhindern. Die grün-schwarze Landesregierung von Baden-Württemberg hatte sich am Montag im Doppelhaushalt 2023/2024 auf die Schaffung von 500 neuen Lehrerstellen geeinigt.

GEW fordert bessere Arbeitsbedingungen für Lehrkräfte

Stein forderte zusätzlich zu den 500 Stellen kurz- und mittelfristige Maßnahmen. So solle der Stufenplan zum Ausbau der ständigen Vertretungsreserve mit 200 neuen Stellen pro Jahr bereits im nächsten Landeshaushalt wieder aufgenommen werden, sagte die GEW-Vorsitzende. Die Reserve sei mit 1.945 Stellen bei geschätzten gut 5.000 bis 7.000 dauerhaften Ausfällen schon vor der Pandemie viel zu gering gewesen. "Die Reserve ist meist bereits am ersten Schultag verplant", sagte sie. Der Arbeitsmarkt gebe kaum Personal her, das kurzfristig für Vertretungen gewonnen werden könne. Deshalb bedeute jeder weitere Ausfall, dass Klassen zusammengelegt werden müssten oder Unterricht ausfalle.  

Die GEW verlangt deshalb eine deutliche Erhöhung der Studienplätze auf Lehramt in Baden-Württemberg. "Gleichzeitig fordern wir, dass diejenigen, die im Schulsystem nicht als Lehrkräfte ausgebildet wurden, Qualifikationsmaßnahmen bekommen", so Stein. Dazu gehörten unter anderem auch pädagogische Assistenten, die durch eine Weiterbildung auch als Fachlehrkraft arbeiten könnten.

Lehrkräfte besser bezahlen

Zu besseren Arbeitsbedingungen gehören laut GEW auch höhere Gehälter. "Das Land muss dafür sorgen, dass es sich lohnt", so Stein. Vor allem Grundschullehrerinnen und -lehrer würden in Baden-Württemberg im Vergleich zu anderen Bundesländern deutlich schlechter bezahlt.

Zudem müssten Lehrkräfte aber auch Schulleitungen entlasten werden. In den vergangenen Jahren seien Schulen durch Corona und den Krieg in der Ukraine vor großen Herausforderungen gestanden. Die Rahmenbedingungen hätten sich verschlechtert. Vorschläge seitens der Landesregierung, dass Teilzeitkräfte mehr Stunden leisten sollten, sei eine "unsägliche Idee" gewesen, so Stein.

Monika Stein lehnt sich an die Front des Gebäudes mit der GEW-Zentrale Baden-Württemberg (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow)
Die baden-württembergische GEW-Chefin Monika Stein fordert eine Entlastung der Lehrkräfte. picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow

GEW: Zu wenige Lehrkräfte für Pflichtunterricht

Eine Entlastung funktioniere letztendlich auch nur, wenn es genügend Personal gebe. Nach Einschätzung der Gewerkschaft werde sich der Mangel im nächsten Schuljahr aber weiter verschärfen. Die Einstellungszahlen des Kultusministeriums zeigten, dass voraussichtlich mehrere Hundert Stellen unbesetzt blieben, so Stein.

"Bereits am ersten Schultag müssen sich Schülerinnen und Schüler und ihre Eltern auf Unterrichtsausfall einstellen", sagte die GEW-Landesvorsitzende. Fast alle Schularten hätten im Schuljahr 2022/2023 zu wenige Lehrkräfte, um den Pflichtunterricht sicherzustellen. Sogar die bereits viel zu gering berechnete ständige Vertretungsreserve sei wegen Tausender Ausfälle schon am ersten Schultag verplant.

GEW-Landeschefin Stein: Lehrermangel war vorhersehbar

Stein wirft der Landesregierung vor, den Lehrermangel in Baden-Württemberg wissentlich in Kauf genommen zu haben. "Diese Situation war im Unterschied zu Krisen wie der Pandemie und dem Krieg in der Ukraine vorhersehbar", so Stein. Der Landesregierung hätten die Zahlen des Statistischen Landesamtes von 2012 bis 2015 vorgelegen. "Hätte sie sie ernst genommen und sofort ausreichend Studienplätze geschaffen, könnten jetzt zum Schuljahresbeginn alle Stellen besetzt werden", sagte Stein.

Für das kommende Schuljahr sieht die GEW große Herausforderungen: Mit rund 30.000 geflüchteten Schulkindern aus der Ukraine wird gerechnet. Hinzu kommen die gestiegenen Energiekosten. Stein forderte, nicht bei der Wärme in den Klassenzimmern zu sparen. Die Kinder sollten nach den Corona-Jahren nicht weiter Mangel leiden. "Es ist an der Zeit, dass wir den Kindern und Jugendlichen einen sicheren und guten Rahmen geben, indem sie in den Schulen leben und lernen können", so Stein.

Ein weiterer Kritikpunkt der Gewerkschaft ist die langjährige Praxis in Baden-Württemberg, Lehrer mit befristeten Verträgen während der Sommerferien nicht zu beschäftigen. Deshalb müssen sich trotz des Lehrermangels in Baden-Württemberg jeden Sommer viele Lehrkräfte vorübergehend arbeitslos melden. 

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Philologenverband BW: 500 Stellen sind nicht genug

Auch der Philologenverband übte Kritik an der Entscheidung der Landesregierung. "Die 500 zusätzlichen Stellen sind bei weitem nicht genug", sagte der Landesvorsitzende Ralf Scholl. Er zeigte sich überzeugt, dass die Personaldecke im anstehenden Schuljahr noch einmal stärker angespannt sein wird als im vergangenen Frühjahr. "Außerdem ist absehbar, dass beim Auftreten einer Corona-Welle natürlich auch viele Lehrer erkranken werden", sagte er. Die Lehrerversorgung sei aber bereits jetzt schlechter als zu Anfang des abgelaufenen Schuljahres.

SPD kritisiert Landesregierung wegen Etatplanung

Auch die Opposition übte am Dienstag Kritik an der Schulpolitik von Grünen und CDU. Die SPD im Landtag blickte dabei auf kommende Schuljahre voraus und nahm sich den am Vorabend abgestimmten Doppelhaushalt 2023/2024 vor. Um Lehrermangel und Unterrichtsausfall zu bekämpfen, reiche die Planung der grün-schwarzen Koalition bei weitem nicht aus. "Die Landesregierung springt zu kurz", sagte SPD-Landes- und Fraktionschef Andreas Stoch. "500 zusätzliche Stellen für Lehrerinnen und Lehrer bedeutet, dass gerade einmal eine von zehn Lücken geschlossen wird", so Stoch. "Im Land fehlen mindestens 5.000 Lehrkräfte." Die Spitzen der Koalition hatten sich am späten Montagabend auf die Schaffung von insgesamt knapp 1.700 neuen Stellen im Haushalt verständigt. Für den Bereich Bildung soll es 700 neue Stellen geben, darunter 500 für neue Lehrkräfte.

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