Benin-Bronzen (Foto: SWR)

Um Herkunft der Objekte zu klären

Rückgabe von Raubkunst: Mannheimer Museen fordern mehr Geld für Forschung

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Die ethnologischen Museen sind im Umbruch: Objekte aus der Kolonialzeit sollen gesichtet und zurückgegeben werden. Aus Sicht der Reiss-Engelhorn-Museen braucht es dafür mehr Mittel.

Für eine adäquate Aufarbeitung der in deutschen Museen schlummernden Objekte aus der Kolonialzeit müssen nach Ansicht von Corinna Erckenbrecht von den Reiss-Engelhorn-Museen (rem) in Mannheim mehr Mittel fließen. "Für diese große und wichtige Aufgabe fehlt es an Geld und Personal", sagte die Abteilungsleiterin Weltkulturen der rem der Deutschen Presse-Agentur. Ohne entsprechende Mittel sei es den rem nur sehr eingeschränkt möglich, die Sammlung aufzubereiten und die Digitalisierung voranzubringen.

1,5 Stellen für Sichtung von 40.000 Objekten

Für die wissenschaftliche Betreuung der Bereiche "Kulturen der Welt" mit rund 40.000 Objekten und "Naturkunde" können die rem den Angaben zufolge nur auf 1,5 Stellen zurückgreifen. Unter welchen Umständen die Stücke gesammelt wurden und welchen Weg sie bis ins Museum zurückgelegt haben, ist oft nur lückenhaft dokumentiert. Auch die zuweilen rituelle Bedeutung der Objekte in ihrer Heimat ist teils unbekannt. Drittmittelanträge würden häufig abgelehnt, heißt es. Diese seien etwa nötig, um die Reisekosten von Vertretern der Herkunftsgesellschaften zu übernehmen.

Junger Forscher aus Togo kümmert sich um afrikanische Sammlung

Der junge Provenienzforscher Oussounou Abdel-Aziz Sandja aus Togo versucht, Licht in die Herkunft geraubter Kunst aus Afrika in den Reiss-Engelhorn-Museen zu bringen. Das bedeutet, er muss sich intensiv mit der deutschen Kolonialgeschichte beschäftigen. Allein 11.800 Objekte schlummern in den Depots der Mannheimer Museen. Grundlagen seiner Arbeit sind Inventarlisten von Sammlern und Museen, Tagebücher und Briefe.

Quellen in alter deutscher Schreibschrift Sütterlin

Für das Studium der Quellen sind Sütterlin-Kenntnisse von großem Vorteil. Der 27-Jährige beherrscht nicht nur diese alte deutsche Schreibschrift, sondern auch die deutsche Sprache so hervorragend, dass er sich gegen die Konkurrenz um eine zweijährige Volontärsstelle bei den Reiss-Engelhorn-Museen durchsetzte. Gelernt hat er Sütterlin beim Germanistik-Studium in Afrika. Der Germanist und Kulturwissenschaftler Sandja hatte sich bereits während seines Studiums an der Universität von Lomé intensiv mit der kolonialen Vergangenheit seines Landes und dem Archivwesen beschäftigt.

Provenienzforscher in den Reiss-Engelhorn-Museen MA (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Uwe Anspach)
Die Herkunft dieses Ritualtanzhelms konnte Oussounou Abdel-Aziz Sandja, wissenschaftlicher Volontär an den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, bereits klären. picture alliance/dpa | Uwe Anspach

Aufgabe: "Erwerbsketten" der Gegenstände erstellen

Die Aufgabe Sandjas ist es, sogenannte Erwerbsketten zu erstellen und somit Licht in die Herkunft von geraubter Kunst aus Afrika und die deutsche Kolonialgeschichte zu bringen. Die Deutschen gingen in Ost- wie in Westafrika brutal mit den Einheimischen um, erzählt Sandja. Eine Begründung für die Enteignung afrikanischer Völker lautete, deren Kulturen seien dem Untergang geweiht und müssten "gerettet" werden.

Ziel: Rückgabe der Kulturgegenstände

Wenn die Herkunft der Objekte geklärt ist, sollen sie "wieder dahin zurückkehren, wo sie hingehören", beschreibt Sandja das Ziel seiner Arbeit. Dafür müssen die Herkunftsgesellschaften aber erst einmal erfahren, dass ihre Kulturgüter noch existieren. Dafür sorgt Sandja, indem er jedes Objekt mit den verfügbaren Angaben in die Deutsche Digitale Bibliothek einstellen wird.

Zu erwarten seien keine umfassenden Rückforderungen. Vor allem seien Gegenstände gefragt, die Autoritäten zugeordnet werden könnten und damit Teil der Erinnerungskultur seien. Bei den Benin-Bronzen aus anderen Museen hat die Rückführung nach Nigeria bereits geklappt.

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