Blumen, Kerzen und Kuscheltiere an Eingangstür eines Wohnhauses in Hockenheim

Mannheimer Psychiater im SWR-Interview

Tote Kinder in Hockenheim: "Sehr seltenes Phänomen"

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AUTOR/IN
Wolfgang Kessel
Wolfgang Kessel, Redakteur beim SWR in Mannheim

Eine Mutter in Hockenheim (Rhein-Neckar-Kreis) soll ihre beiden Söhne getötet haben. Aus Sicht eines Mannheimers Psychiaters sind solche Fälle extrem selten.

Am Ostersonntag soll eine Frau ihre beiden sieben und neun Jahre alten Söhne in ihrer Wohnung in Hockenheim getötet haben. Gegen die Frau erging Haftbefehl, sie steht unter Mordverdacht.

Psychiater aus Mannheim spricht von "sehr seltenem Phänomen"

Dass eine Mutter oder der Vater das eigene Kind tötet, sei "glücklicherweise ein sehr, sehr seltenes Phänomen", sagte Harald Dreßing, Leiter der Forensischen Psychiatrie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim (ZI), dem SWR. Es gebe einige Studien dazu. Unter Vorbehalt könne man sagen, es handle sich um "ein bis zwei Fälle pro 100.000 Kinder im Jahr."

Zum Fall in Hockenheim wollte sich Dreßing nicht konkret äußern, "weil jeder einzelne Fall einer Kindstötung einer sehr differenzierten Einzelfallanalyse" bedürfe.

Experte: Generell verschiedene Tatmotive bei Kindstötungen möglich

Generell gebe es bei Kindstötungen verschiedene Konstellationen und Tatmotive, so Dreßing. So komme es unter Umständen vor, dass ein Vater oder eine Mutter, die ihr Kind töten, "selbst schwer psychisch krank sind". Sie könnten zum Beispiel "an einer wahnhaften Depression oder an einer schizophrenen Psychose leiden und die Realität verkennen."

Alter der Kinder kann Rolle spielen

Auch das Alter der getöteten Kinder spiele eine Rolle. Handle es sich um ältere Kinder, so Dreßing, dann seien "Mütter und Väter etwa gleich häufig auch als Täter oder Täterinnen in Betracht zu ziehen." Denkbar seien zum Beispiel Streitigkeiten ums Sorgerecht zwischen den Eltern. Dann könnten Vater oder Mutter das Kind "aus Rachegefühlen" töten. Nach dem Motto: "Wenn ich das Kind nicht haben darf, soll es auch der andere nicht haben."

Hormonelle Umstellungen bei Müttern nach der Geburt

Ein spezieller Aspekt mit Blick auf Kindstötungen allgemein sind laut Harald Dreßing sogenannte Neonatizide (Tötungen von Neugeborenen). "Wir wissen, dass Frauen nach der Geburt sehr starke hormonelle Umstellungen in ihrem Körper haben", so Dreßing weiter. Diese Umstellungen hätten auch Auswirkungen auf das Gehirn, sie könnten "wahnhafte Depressionen auslösen". Dann töte die Mutter möglicherweise ihr Baby - häufig durch Ersticken. Oft würden diese Fälle "gar nicht als Tötung erkannt." Manchmal, so Dreßing, würden solche Fälle dann fälschlicherweise unter "plötzlichem Kindstod" zusammengefasst.

Experte hat Mütter begutachtet, die ihr Kind getötet haben

Dreßing erklärte dem SWR, er habe häufig auch Mütter begutachtet, die ihr Kind getötet haben und dann sich selbst das Leben nehmen wollten. "Sie wollten das Kind töten, weil sie denken, dem Kind und der Familie droht großes Unheil", davor wollen die Mütter es bewahren. Danach wollten sie sich aus Verzweiflung selbst umbringen, überleben aber. "Diesen Menschen geht es natürlich sehr, sehr schlecht. Sie realisieren dann, welche große Schuld sie auf sich geladen haben. Sehr häufig bedürfen die dann auch wirklich einer intensiven Therapie", so Dreßing.

Experte: Mitleid mit den Opfern, Empathie für die Täterinnen und Täter

Zuallererst empfinde er in Fällen von Kindstötungen durch Angehörige Mitleid mit den Opfern, den Kindern. Aber je nach Konstellation der Fälle habe er, sagt Dreßing, auch Empathie für Täterinnen oder Täter - "weil solche Taten in aller Regel in sehr schwierigen Situationen begangen werden: in Situationen großer Belastung und Überforderung." Das rechtfertige natürlich nicht die Tat, bedeute aber, "dass wir uns auch um Täterinnen und Täter kümmern müssen - insbesondere dann, wenn auch eine psychische Störung mit-ursächlich für eine solche Tat ist."

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