Zwangsarbeiter mussten eine Arbeitskarte besitzen und durften Pforzheim nicht verlassen (Foto: eigene Sammlungen von Marija Nazarowa und Marianne Brodzinska  )

Ehepaar veröffentlicht langjährige Recherche

Dunkle Geschichte: Das Schicksal von Zwangsarbeitern in Pforzheim

Stand
AUTOR/IN
Patrisha Walters

Während der NS-Zeit hat es im Raum Pforzheim tausende Zwangsarbeiter gegeben. Das Ehepaar Brändle aus Pforzheim hat jahrelang recherchiert und 928 Schicksale dokumentiert.

Wer während der Zeit des Nationalsozialismus in Pforzheim wohnte, traf sie auf der Straße, auf der Arbeit, und manchmal waren sie sogar die eigenen Nachbarn - Zwangsarbeiter.

Etwa 5000 Menschen mussten damals im Raum Pforzheim Zwangsarbeit leisten, der Großteil Frauen. Die größte Gruppe sei aus Polen und der damaligen Sowjetunion deportiert worden, schreibt die Stadt Pforzheim online. Die zweitgrößte Gruppe kam aus Frankreich.

Pforzheim

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Kaum Kontakt zu osteuropäischen Zwangsarbeitern nach dem Krieg

Seit dem Ende des zweiten Weltkriegs steht die Stadt Pforzheim immer wieder im Austausch mit ehemaligen französischen Zwangsarbeitern und ihren Familien. Zu einem solchen Kontakt mit osteuropäischen Zwangsarbeitern kam es aber nie.

Ehepaar führt jahrelange Recherche über Zwangsarbeit in Pforzheim

Brigitte und Gerhard Brändle recherchieren schon seit 25 Jahren zu den Schicksalen von Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen in Pforzheim. Es sei unsere Pflicht hinzugucken, den Opfern einen Namen und ein Gesicht zu geben, sagte Gerhard Brändle dem SWR.

Es gab keine Listen, auf die wir Zugriff hatten, und insofern mussten wir Stück für Stück und Namen für Namen dafür sorgen, dass wir etwas erfahren.

Die Informationen haben Brigitte und Gerhard Brändle über Kontakt zu Organisationen für ehemalige Zwangsarbeiter bekommen. Andere Quellen seien Gefängnisverzeichnisse über Widerständige in der NS-Zeit und das Archiv Arholsen gewesen, sagt Gerhard Brändle.

Brigitte Brändle und ihr Mann haben ihre Recherche zur Zwangsarbeit in Pforzheim zusammengestellt (Foto: SWR)
Brigitte Brändle und ihr Mann haben ihre Recherche zur Zwangsarbeit in Pforzheim zusammengestellt

Das Buch ihrer gesammelten Ergebnisse haben sie letzten Freitag im Gasthaus Kupferhammer in Pforzheim vorgestellt. Das Gasthaus war, wie viele andere Betriebe, damals ein Arbeitslager.

[N]ach einiger Zeit schickte man uns an den Stadtrand in ein Gebäude namens Kupferhammer an einem Bach, der aus dem Schwarzwald kam. In einem riesigen Saal wurden 2-stöckige Betten aufgestellt.

Ehemalige Zwangsarbeiter schreiben über ihre Zeit in Pforzheim

Den Hauptteil des Buches bilden 77 Antwortbriefe von ehemaligen Zwangsarbeitern und ihren Angehörigen auf Fragebögen zu ihrem Leben in Pforzheim. Viele mussten in der Rüstungsindustrie arbeiten und wurden damit gezwungen, aktiv Waffen herzustellen, die gegen ihre Heimatländer eingesetzt werden sollten. Andere arbeiteten in der Landwirtschaft oder in Privathaushalten.

Deutsche Herren kamen und hoben mit Stöcken unsere Köpfe hoch zur Begutachtung wie Vieh und suchten sich aus, wer ihnen gefiel.

Osteuropäische Zwangsarbeiter mussten Abzeichen tragen

Sie hatten Arbeitskarten und trugen Abzeichen, auf denen "OST" für Ostarbeiter oder "P" für Polen aufgedruckt war. Zwangsarbeiter aus Italien und Frankreich hätten keine Abzeichen tragen müssen, schreibt der ehemalige Zwangsarbeiter Anton Kapustjak.

Wenn man ohne dieses "OST" durch die Stadt gelaufen wäre [...], dann hätte die Polizei ihn sofort verhaftet und es hätte Strafen gegeben; wenn jemand beschloss zu fliehen, so wäre man verhaftet und ins Konzentrationslager geschickt worden.

Zwangsarbeiter in Pforzheim mussten den diskriminierenden Aufnäher „OST“ tragen (Foto: aus: Allgemeine Bestimmungen über Anwerbung und Einsatz von Arbeitskräften aus dem Osten. Erlass des Reichsführers SS und Chefs der deutschen Polizei vom 20.2.1942)
Merkblatt zur Herstellung des diskriminierenden Aufnähers „OST“

Leben in vergitterter Baracke oder Privathaushalt

Viele der Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen lebten in alten Baracken mit vergitterten Fenstern. Eine ehemalige Zwangsarbeiterin schreibt, dass in der Nacht selbst im Sommer alle Fenster und Türen abgeschlossen worden wären.

Wer dagegen in einem privaten Haushalt arbeiten musste, konnte sich glücklich schätzen und hatte manchmal sogar ein eigenes Zimmer. Auch das Essen war in den Familien besser als in der Fabrik. Olga Dodartschuk schreibt, sie hätte ab und zu bei einer deutschen Familie geputzt und sonst in der Rüstungsfabrik gearbeitet.

Sie gab mir alles, was es dort gab, Brot, Wurst, alles gab sie mir, sie war sehr gut. In der Fabrik gab es nur Suppe und Kohl und ich hatte großen Hunger.

Zwangsarbeiter in Pforzheim mussten oft Gewalt hinnehmen

Die meisten ehemaligen Zwangsarbeiter schreiben in ihren Briefen von geringem oder keinem Lohn. Wenige sagen, sie hätten Tariflohn bekommen und wären gut behandelt worden.

In privaten Haushalten hätte es in einigen Fällen sogar eine familiäre Atmosphäre gegeben, schreibt eine ehemalige Zwangsarbeiterin.

Sie hatten Enkelkinder, Ursel und Bärbel, ich bin mit ihnen spazieren gegangen.

Zwangsarbeiter in Pforzheim (Foto: private Bestände von Nikolaj Duda)
Zwangsarbeiter in Pforzheim

Viel hängt vom Arbeitgeber ab. Denn andere berichten, sie seien geprügelt und gedemütigt worden. Eine unbekannte Anzahl von Zwangsarbeiter sei aufgrund der "unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen" gestorben, schreibt die Stadt Pforzheim auf ihrer Webseite.

Entschädigung verläuft intransparent

Eigentlich sollten die ehemaligen Zwangsarbeiter eine Entschädigung bekommen. Ob das tatsächlich passiert ist, wisse niemand, sagt Gerhard Brändle.

Der Stiftungsfond der deutschen Wirtschaft habe Kooperationspartner in der ehemaligen Sowjetunion und Polen, die für die Verteilung des Geldes verantwortlich seien. Die Stiftungsinitiative dürfe aber aus Datenschutzgründen keine Angaben dazu machen, ob die Personen aus der Recherche des Ehepaars Brändle entschädigt worden sind.

Die, die es wissen müssten oder wissen könnten, sagen nichts.

Die ehemaligen Zwangsarbeiter seien sehr erstaunt gewesen, dass man sich überhaupt an sie erinnere, sagt Brigitte Brändle. Sie seien dankbar gewesen, ihre Geschichte zu teilen. Manche Antwortbriefe wären sogar mehrere Seiten lang gewesen.

Zwangsarbeit-Vergangenheit in Pforzheim ein Gesicht geben

Dem Ehepaar Brändle sei es besonders wichtig gewesen, die Betroffenen mit Namen und Foto abzubilden. Sie wollten damit zeigen, dass die ehemaligen Zwangsarbeiter auch Menschen waren, erklärt Brigitte Brändle.

Stellen Dokumentation über Zwangsarbeit in Pforzheim vor: Die Autoren Gerhard und Susanne Brändle sowie Kai Burmeister, Susanne Nittel und Jürgen Schroth (DGB) (Foto: SWR)
Ehepaar Brändle, Susanne Nittel (DGB Pforzheim), Kai Burmeister (Vorsitzender DGB Baden-Württemberg) und Co-Autor der Veröffentlichung Jürgen Schroth machen auf die Zwangsarbeit-Vergangenheit von Pforzheim aufmerksam.
Pforzheim

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Patrisha Walters