Die Teilnehmenden einer Basler Studie dürfen legal Joints rauchen.

Trotz Cannabis-Legalisierung

Suchtberatungsstellen in BW müssen bei Präventionsarbeit kürzen

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Simone Steffan

An Schulen findet immer weniger Aufklärung über Cannabis und andere Drogen statt. Für die Suchtprävention fehlt oft das Geld - zum Beispiel in Reutlingen.

Matthias Günzler arbeitet bei der Suchtberatungsstelle Reutlingen und geht an Schulen, um Jugendliche über die Gefahren von Drogen aufzuklären. Seit dem 1. April ist der Besitz von Cannabis in Deutschland teilweise legal. Fachleute fordern deshalb mehr Präventionsarbeit mit jungen Erwachsenen. Am Friedrich-List-Gymnasium sitzt Günzler mit Schülerinnen und Schülern im Stuhlkreis und versucht den 16- bis 18-Jährigen klarzumachen, dass sie im Umgang mit Cannabis und anderen Drogen selbst verantwortlich sind.

Wer trifft die Entscheidung, ob ich was nehme oder nicht? Ich muss sagen: Mach ich das jetzt, oder mach ich das nicht?

Die Suchtberatungsstellen in Baden-Württemberg sind chronisch unterfinanziert. Die Landesregierung hat die Zuschüsse für die Beratungsstellen seit 25 Jahren nicht erhöht. Das Geld, das da ist, fließt größtenteils in die Unterstützung von akut Süchtigen; die Präventionsarbeit fällt hinten runter. Die Reutlinger Drogenberatung musste kürzlich sogar eine Stelle abbauen. Das hat Folgen. Die Schulen in Reutlingen müssten ihre Aufklärungsstunden von nun an selbst bezahlen. Doch viele Schulen haben dafür kein Geld.

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Erhöhter Beratungsbedarf

Günzlers Kollegin Nathalie Dennenmoser sieht die Entwicklung mit Sorge. Sie sagt: Der Beratungsbedarf sei durch die Teillegalisierung von Cannabis gestiegen.

Wir haben in den letzten Wochen ein erhöhtes Aufkommen an Anfragen von besorgten Eltern, aber auch von Schulen und von Betrieben.

Was die professionellen Suchtberaterinnen und -berater nicht mehr leisten können, müssen Lehrkräfte übernehmen. Doch das macht für die Schülerinnen und Schüler einen Unterschied: Schließlich sind es auch die Lehrer, die die Schüler bewerten, ihnen Noten geben. Da könne man nicht so offen sein wie bei fremden Personen, die darin geschult seien, sagt Samira aus der 11. Klasse des Friedrich-List-Gymnasiums. Ihre Klassenkameradin Simona betont: Es sei auch ein anderes Gefühl, das sich vermittle, wenn man mit einer Person über das Thema spreche, die in ihrem Arbeitsalltag mit den Auswirkungen von Süchten zu tun habe - wie die Mitarbeiter der Suchtberatungsstelle Reutlingen.

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Landesregierung wird Suchtberatungsstellen nicht mehr Geld geben

Nathalie Dennenmoser und Matthias Günzler machen den Schülerinnen und Schülern begreiflich, wie sich Süchte auf das Leben der Betroffenen auswirken. Sie sind überzeugt: Dass Menschen so abstürzen, könnte auch durch gute Präventionsarbeit verhindert werden.

Dass die Landesregierung ihre Fördermittel für die Suchtberatungsstellen erhöht, ist trotzdem nicht absehbar. Zwar sagte der baden-württembergische Sozial- und Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) dem SWR: "Ich werde bei der Suchtberatung versuchen, zusätzliche Gelder zu bekommen." Doch wenn es darum geht, ob das Budget dafür im Haushalt noch einmal deutlich erhöht werden könnte, klingt er skeptisch: "Ich werde nicht viel im Haushalt machen können, weil die Disziplin uns das abverlangt."

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