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Der Humorist Wladimir Kaminer schaut auf unseren Corona-Alltag. Mit der Neugier eines Forschers seziert er extreme Gefühlszustände und Verhaltensmuster. Frech und gewitzt hält er sein Erstaunen über die Lage des Landes fest.

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Skurriles Verhalten in der Pandemie: Virus leugnen und Klopapier horten

Die Corona-Pandemie bringt allerlei extremes und skurriles Verhalten hervor. Es gibt Menschen, die sich von einem kleinen Virus partout nichts vorschreiben lassen wollen und drohende Gefahren für Leben und Gesundheit rundweg bestreiten. Und es gibt andere, die ängstlich Toilettenpapier horten, sich aus Sorge vor Ansteckung permanent die Hände desinfizieren oder gar nicht mehr aus dem Haus gehen.

Bislang unbekannte Wissenschaftler stehen plötzlich im Rampenlicht und gelten manchen als Weltdeuter und Zukunftsorakel. Gemeinhin eher zögerliche Politiker dürfen Entschlossenheit und Entscheidungsfreude vorführen. Ein komödiantisch veranlagter Künstler hätte sich die Situation und das Aufeinandertreffen verschiedener Gefühlszustände und Handlungsmuster nicht schöner ausmalen können, um daraus Kapital zu schlagen.

Kein Bier vom Fass, sondern nur aus der Flasche trinken

Der Humorist Wladimir Kaminer tut das entlarvend, listig und freudvoll. Er nähert sich der neuen Corona-Normalität in 17 Geschichten wie ein neugieriger Forscher. Der russischstämmige Autor, der seit 1990 in Berlin lebt und auf Deutsch schreibt, ist zuallererst ein glänzender Beobachter, der frech und gewitzt sein Erstaunen über die Lage des Landes festhält. So notiert Kaminer lakonisch, dass während der Pandemie das Robert Koch-Institut die Aufgaben der Bundesregierung übernommen habe.

Er sinniert über wichtige Gesundheitstipps für den Alltag, wie den Rat des Charité-Virologen Christian Drosten, aufgrund der Virenlast schlecht gespülter Gläser niemals Bier vom Fass, sondern nur aus der Flasche zu trinken. Und er stellt maliziös fest, dass es in Berlin offenbar sehr viel weniger Infizierte als selbständige Künstler in Not gibt, die in Scharen finanzielle Hilfe beantragt haben.

Kaminer bietet wenig Überraschendes, das dafür aber unterhaltsam

Kaminer spießt mit feiner Ironie allerlei Aufgeregtheiten und Ungereimtheiten in deutschen Landen in Zeiten der Pandemie auf. Überraschendes bietet er wenig, sind wir doch mittlerweile fast alle zu Corona-Experten mutiert. Unterhaltsam und erheiternd ist sein Buch trotzdem.

Hinter der kunstvollen Leichtigkeit steht indes eine bohrende Ernsthaftigkeit. „Ich vermisse mein Reiseleben“, schreibt Kaminer ganz unironisch. Den Prophezeiungen, dass die Welt nach der Pandemie eine andere sein werde, kann er nicht viel abgewinnen und bekennt, weiter luftige Geschichten schreiben und darin von einer lauten, bunten und lustigen Welt erzählen zu wollen.

Sein Buch beginnt mit einer abgesagten Lesung und es endet, nach dem ersten Lockdown, damit, dass er bei einer Veranstaltung Geschichten aus dem noch in Arbeit befindlichen Corona-Buch vorliest. Doch Kaminer ahnt da schon: Es ist noch nicht vorbei.

Wer von Putin mal protegiert wurde, muss sich nun als Testperson für den Corona-Impfstoff zur Verfügung stellen

Immer wieder geht sein Blick auch in die alte Heimat Russland. In Pandemiezeiten ist allerorts das Bedürfnis nach der starken Hand gewachsen. Kaum jemand scheint diese Sehnsucht so zu befriedigen wie der russische Präsident.

Wo Wladmir Putin regiert, da hat daher das Virus einen schweren Stand. Gerade eben erst an Mäusen und Kaninchen getestet, wurde der rasend schnell entwickelte russische Corona-Impfstoff schon Menschen injiziert, erzählt Kaminer in einer der besten Szenen des Buches. Freiwillige stehen für die Menschenversuche Schlange, weil sie allesamt von Putin einmal protegiert wurden und ihm deshalb ängstlich verpflichtet sind.

Die Pandemie mag die Welt nicht verändert haben, aber sie macht vieles kenntlicher. Wladimir Kaminer hilft dabei mit dem tradierten Mittel aller Komik, der pointierten Überzeichnung, lediglich ein wenig nach.

Gespräch Wladimir Kaminer - Der verlorene Sommer: Deutschland raucht auf dem Balkon

Supermutanten, schräge Corona-Apps und in Wodka getränkte Masken: Ein Gespräch mit Wladimir Kaminer über die absurden Seiten der Pandemie, die Systemrelevanz von Kultur und sein Buch „Der verlorene Sommer. Ein Band mit Erzählungen über das vergangene Jahr, humorvoll und ernst zugleich.
Anja Brockert im Gespräch mit Wladimir Kaminer.
Goldmann Verlag, 192 Seiten, 16 Euro
ISBN: 978-3442206247  mehr...

SWR2 lesenswert Magazin SWR2

Gespräch Mit den Kindern die Welt retten: Wladimir Kaminer über sein neues Buch „Rotkäppchen raucht auf dem Balkon“

Wladimir Kaminer gilt als beinahe unverwüstlich jugendlicher Schriftsteller, der sich seit seinem Bestseller „Russendisko“ aus dem Jahr 2000 immer selbst über die Erwartungen lustig gemacht hat, die man mit seinen Büchern und Kolumnen verbindet: der lustige Russe, der immer auf dem Tisch tanzt oder vom Kronleuchter herunterbaumelt. Doch Wladimir Kaminer ist älter geworden und schreibt jetzt über seine beiden erwachsenen Kinder, eine Tochter und einen Sohn, die gerade auf dem Weg sind in ihre Zukunft – und seine unglaublich liebenswürdige alte Mutter, die gerade auf dem nostalgischen Weg ist in ihre russische Vergangenheit. Wie ist es, zwischen diesen beiden Welten zu stehen? Davon handelt das Buch „Rotkäppchen raucht auf dem Balkon“, aus dem Kaminer am 15. Juli in Mannheim liest, beim CARStival im Rahmen des Enjoy Jazz Summers. Die Veranstaltung wurde witterungsbedingt auf diesen Termin verschoben.

Nirgendwo gingen Enkel gerne zu ihren Großmüttern, so Kaminer im SWR2-Interview über die Geschichte, die dem Buch seinen Titel gegeben hat. Oh doch, habe seine 88-jährige Mutter erwidert, dafür gebe es Beispiele, unter anderem das Märchen „Rotkäppchen“: „Da musste ich sehr lachen, weil Rotkäppchen ja im Märchen auch nicht wirklich freiwillig zur Großmutter gegangen ist, sondern von ihrer Mutter hingeschickt wurde.“

Anders als im Märchen bringt Rotkäppchen dann auch nicht Wein und Kuchen mit, sondern ein altes Smartphone, mit dem Mutter Kaminer jetzt alte russische Filme schaut und gegen einen Schachcomputer antritt. „Das Programm schaltet sich irgendwann automatisch aus, wenn meine Mutter zu lange nachdenkt. Sie deutet das dann als Sieg.“

Seine Tochter und sein Sohn dagegen seien „total philosophische Kinder: Alles ist ein Konstrukt. Geschlecht ist ein Konstrukt, Gesellschaft ist ein Konstrukt – nur die schlechte Zeit, die ist kein Konstrukt – die ist wirklich. Die Welt muss gerettet werden.“ Seine Tochter studiert unter anderem Gender Studies und schwärmt für „Die Linke“. Mit seinem Sohn führt er lange Selbstfindungsgespräche mit Hilfe erfundener Lao-Tse-Zitate.

Glaubt er sich manchmal verloren zwischen der Welt seiner Kinder und seiner Mutter? Keineswegs, sagt Wladimir Kaminer: „Ich kenne meine Landsleute als unverbesserliche Pessimisten. Immer hatten wir den Kommunismus vor Augen, und niemand glaubte daran. Jetzt stelle ich fest, bei meinen Kindern, bei der Jugend überhaupt in Europa, in Deutschland, dass die Menschen durchaus enthusiastisch sind und die Welt zum Besseren verändern wollen.“  mehr...

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