SWR2 Buch der Woche vom 15.05.2017 Die erstaunlichen Talente der Vögel

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Die erstaunlichen Talente der Vögel

Verständlich, unterhaltsam und auf höchstem Niveau - mehr Lob geht nicht für ein "Buch der Woche". Die begeisterte Vogelbeobachterin und preisgekrönte Autorin für alle Themen rund um die Natur, Jennifer Ackerman, beschreibt die Vögel als "Genies der Lüfte". Der Leser erfährt von erstaunlichen Fähigkeiten in Sachen Orientierung, Sprachkompetenz, Zeitgefühl und Werkzeuggebrauch.

Vögel erbringen rund um den Planeten höchst erstaunliche Höchstleistungen. Das Buch und die Rezension von Cord Riechelmann enden allerdings, leider wenig überraschend, zwiespältig: Zwar sind Vögel überlebenstechnisch gut aufgestellt, aber die Menschheit nimmt ihnen fast überall die Äcker zum Brüten und Jagen und die Luft zum Atmen und zum Fliegen.

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Zwei Raben stehen vor einem Problem

Man hatte Betty und Abel das Schweineherz, das sie so gern mochten, in einem Glaszylinder angeboten. Dabei war der Hals des Zylinders so lang, dass die beiden mit dem Schnabel nicht auf den Grund des Zylinders reichten, auf dem die Nahrung lag. Ganz so gemein wie es auf den ersten Blick scheinen könnte, waren die Forscher um den in Oxford lehrenden Verhaltensökologen Alex Kacelnik aber nicht. Sie hatten den beiden Krähen zwei Drahtstücke zur Nahrung im Zylinder ins Labor gelegt, einen geraden Draht und einen, der zu einem Haken gebogen war.

Abel griff sich sofort den Hakendraht und holte mit seiner Hilfe das kleine Schälchen mit dem Fleisch aus dem Glas und verzehrte es allein. Dass ihm nicht nach teilen der Sinn stand, war für Betty aber nur ein kleines Problem. Sie nahm sich den geraden Draht, untersuchte ihn mit dem Schnabel und den Füßen und bog sich ein Ende zu einem Haken zurecht. Damit holte auch sie ihr Futter. Und weil sie den kreativeren Part in diesem Versuch übernommen hatte, ist sie heute unter Verhaltensforschern und Psychologen weltberühmt geworden.

Das Bild, das sie mit dem gekrümmten Haken vor dem Glaszylinder zeigt, ging nach der Erstveröffentlichung 2002 um die Welt und illustriert immer noch die nicht abreißenden Meldungen, um das Können der Krähen aus Neukaledonien.

"Mir sind Vögel nie dumm vorgekommen"

Autorin Jennifer Ackerman (Foto: Rowohlt Verlag - Robert Llewellyn)
Die "Birderin" Jennifer Ackerman Rowohlt Verlag - Robert Llewellyn

Deshalb gehören Betty und die Krähen aus Neukaledonien auch zu den Hauptdarstellern von Jennifer Ackermans gerade auf deutsch erschienenem Buch „Die Genies der Lüfte“, das sich, wie es im Untertitel heißt, den erstaunlichen Talenten der Vögel widmet.

„Mir sind Vögel nie dumm vorgekommen. Im Gegenteil, wenige andere Geschöpfe sind so aufgeweckt, so durch und durch lebendig und geschickt, so voll unermüdlichem Schwung.“

Der amerikanischen Wissenschaftsautorin gelingt es in ihrem Buch einen Einblick in den neuesten Stand der Verhaltens-, Neuro- und Kognitionswissenschaft der Vögel zu liefern, ohne sich in den Debatten der Fachwissenschaftler zu verlieren. Ackerman ist selbst begeisterte „Birderin“, wie die Vogelfreunde in den USA heißen. In einem Land, in dem, wie in den USA, jeder fünfte Einwohner ein „Birder“ ist, ist das allerdings kein Distinktionsmerkmal, was man der Sprache des Buches auch in der deutschen Übersetzung noch anmerkt und was beidem, Sprache und Buch, sehr gut tut.

Eigene Beobachtungen und wissenschaftliche Erklärungen

„Natürlich kenne ich die Geschichte von dem Raben, der einen Pingpongball aufzuknacken versucht, vermutlich weil er sich darin etwas Eiähnliches erhofft. Ein Freund, der in der Schweiz Urlaub machte, hat beobachtet, wie ein Pfau seinen breiten Schwanz bei heftigem Wind aufzufächern versuchte. Er kippte um, stand wieder auf, spreizte erneut die Federn und fiel wieder um, sechs oder sieben Mal hintereinander.

Und in jedem Frühling attackieren die Rotkehlchen, die in unserem Kirschbaum nisten, den Außenspiegel unseres Autos, als wäre er ein Rivale, picken wie wild auf ihr eigenes Spiegelbild ein und kacken unterdessen die Wagentür voll. Doch wer von uns ist nicht auch schon über die eigene Eitelkeit gestolpert oder hat sich sein Ebenbild zum Feind erkoren?“

Ackerman referiert zum Beispiel kurz, warum Tierforscher lieber von Kognition als von Intelligenz sprechen, wenn es um die Lernfähigkeiten von Tieren geht. Intelligenz sei zu sehr an menschliche Vorstellungen gebunden und zudem unklar definiert, so dass der Begriff kaum tauge, um in die Vorstellungswelten von Tieren einzudringen. Kognition aber, im weitesten Sinn die Fähigkeit Dinge, Situationen und Verhaltensweisen anderer in der Umgebung wahrzunehmen, daraus Schlüsse zu ziehen und danach sein Verhalten zu ändern, sei, wie Ackerman schreibt, eher geeignet tierische Gedankenwelten zu erfassen als die menschliche Vorstellung von der Intelligenz.

Jennifer Ackerman schafft es immer wieder aus den Farbbildern der Neurobiologen, wenn sie zum Beispiel die Unterschiede der Hirnaktivität eines Vogels zeigen, der vor einem Weibchen singt und desselben Vogels, wenn er allein singt, in Beschreibungen eigener Beobachtungen zu überführen, die einen eben nicht einschlafen lassen. Wer sich mal gewundert hat, warum Stare oder Zaunkönige mitten im Winter, wenn Schnee liegt, manchmal stundenlang pausenlos singen, obwohl es da bestimmt kein Weibchen anzulocken gilt, mit dem eventuell Nachwuchs gezeugt werden kann, findet bei Ackerman die Beobachtung wie ihre experimentelle Erklärung genau dargestellt.

Singen macht die Vögel glücklich und robust

Vögel, die ihre Lieder im Frühling und Herbst oder Winter gut vortragen, kommen in den Genuss belohnender Chemikalien, der Dopamine und Opioide – aber in jeweils unterschiedlicher Dosierung und zu unterschiedlichen Zwecken. Opioide sorgen dabei nicht nur für Wohlgefühl, sondern auch für Schmerzunempfindlichkeit. Um herauszufinden, welcher jahreszeitliche Gesang mehr schmerzlindernde Opioide auslöste wurden männliche Stare beim Singen im Herbst und im Frühling beobachtet, dann eingefangen und ihre Füße in heißes Wasser gestippt.

Mit dem Ergebnis, dass die Sänger von Herbstliedern die Hitze länger aushielten als die, die nur im Frühling sangen. Der Herbstgesang ist also enger an die Freisetzung von Opioiden gekoppelt als der Frühlingsgesang oder anders ausgedrückt: im Herbst oder Winter zu singen, kostet nicht nur Kraft, es macht auch unempfindlicher gegen Kälte.

Und das Beste an dieser Episode ist, das sie nur ein ganz kleiner Teil in Ackermans Ausführungen zum Vogelgesang und den immensen Ausdrucksmöglichkeiten, die den Tieren damit zur Verfügung stehen, ist. Es ist in der Folge von Ackermans Darstellungen, dann für den Leser nur noch ein kleiner Schritt sofort einzusehen, dass Kohlmeisen ihre oft als eintönig wahrgenommen Silben in syntaktisch einwandfreien ganzen Sätzen zwitschern, die sie nach mit der menschlichen Sprache vergleichbaren grammatikalischen Mustern variieren. Man möchte nach der Lektüre sofort rausgehen und die Sache mit den Meisensätzen selbst nochmal prüfen beziehungsweise ein paar eigene Anmerkungen hinzufügen. Ackerman erreicht diesen Effekt vor allem dadurch, dass sie nie im Labor und bei den Wissenschaftlern bleibt, sondern selber viel reist und dahin geht, wo die Vögel ihre Fähigkeiten tatsächlich ausprobieren und anwenden.

Der erste Nachweis von spontanem Werkzeuggebrauch bei Vögeln

So reiste sie auch nach Neukaledonien, einer Inselgruppe, die im Südpazifik vor australischen Nordostküste liegt und auch der Heimatort, der beiden anfangs erwähnten Krähen, Betty und Abel. Der anfangs beschrieben Versuch mit Betty und Abel in Oxford war der erste experimentell einwandfreie Nachweis eines spontanen Werkzeuggebrauchs im Tierreich außerhalb der Affen-Menschenaffen-Menschen- Reihe. Und dass er gelang, hatte auch damit zu tun, dass die Vogelart sehr gut ausgewählt war. Die Kaledoniakrähen stellen nämlich nicht nur im Labor Werkzeuge her, sie benutzen sie sozusagen täglich.

Um dicke Maden aus morschem Holz zu fischen, formen die Krähen Neukaledoniens Äste der Scharubenbäume so um, das sie an ihren Enden zwei verschiedene Hakenformen aufweisen. Und in Ackermans nachvollziehender Beschreibung dieses Vorgangs wird auch klar, dass man selbst mit Sicherheit zu blöd dazu wäre, diese Fein- und Geduldsarbeit nur annähernd so auszuführen wie diese Krähen.

„Ich beobachte Vögel schon fast mein ganzes Leben lang und bewundere seit jeher ihren Mut, ihre Konzentriertheit und diese energiegeladene, hoch bewegliche Vitalität, die eigentlich für ihren winzigen Körper zu viel ist. Wie Louis Halle einst schrieb: 'Ein Mensch wäre in kürzester Zeit vollkommen erschöpft von einer solch intensiven Lebensweise.'“

Auch wegen solcher Dinge macht Ackermans Buch in Zeiten, in denen sich die Meldungen über den dramatischen Rückgang der Vogelbestände häufen, ein bisschen Mut. Mit dem weitverbreiteten Erfindungsreichtum werden es einige bestimmt über die nächsten, für Vögel buchstäblich dürren Jahre, schaffen.

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