Sasa Stanišić erhält am 14.10.2019 den Deutschen Buchpreis 2019 für "Herkunft" (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Andreas Arnold/dpa)

Deutscher Buchpreis Fiktion als offenes System – Kommentar zum Deutschen Buchpreis 2019 von SWR2 Literaturkritiker Carsten Otte

Der Autor Saša Stanišić hat für seinen Roman „Herkunft“ am 14. Oktober in Frankfurt den Deutschen Buchpreis 2019 erhalten.

Nachdem sowohl auf der Long- als auch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises erstaunlich viele Titel standen, die nicht preiswürdig waren, können sich nun alle über den Buchpreisgewinner Saša Stanišić freuen: Der Handel genauso wie das Publikum, die Literaturkritik und nicht zuletzt der Börsenverein als Preisstifter.

„Herkunft“ ist eines der wichtigsten und besten Bücher des Jahres

„Herkunft“ ist tatsächlich eines der wichtigsten und besten Bücher des Jahres. Im Grunde handelt es sich nicht um einen Roman, aber weil die Kriterien beim Deutschen Buchpreis ohnehin nicht ganz eindeutig sind, spielt dieser Einwand keine Rolle.

Stanišić nennt seinen Text ein „Selbstportrait mit Ahnen“

Der Autor selbst beschreibt seine Fiktion als „offenes System aus Erfindung, Wahrnehmung und Erinnerung, das sich am wirklich Geschehenen reibt.“ Und ein solch offenes System ist „Herkunft“ auf vielen Ebenen, inhaltlich wie sprachlich.

Stanišić nennt seinen Text ein „Selbstportrait mit Ahnen“, und so beginnt er bei seiner Geburt am 7. März 1978 in einem kleinen bosnischen Dorf namens Višegrad, es geht um den Zerfall des ehemaligen Jugoslawien, um Krieg und schlimme Verbrechen, um Vertreibung, dem Ankommen Anfang der neunziger Jahre in Deutschland, schließlich den mühsamen Weg zum Autor.

Stanišić wechselt ständig die Tonlage: ernst, komisch, bitterböse

Stanišić wechselt ständig die Tonlage. Mal ist er ernst, dann wieder komisch, mal bitterböse und zwischendurch sogar verträumt. So entsteht ein vieldimensionales Textgeflecht mit Sätzen, die man gerne zitieren möchte, weil sie auf so federleichte Weise Klischeeballons zerplatzen lassen.

Ich schrieb der Ausländerbehörde: Ich bin Jugo und habe in Deutschland trotzdem nie was geklaut außer ein paar Bücher auf der Frankfurter Buchmesse.

Saša Stanišić: „Herkunft“

Nationale Identitäten verwandeln sich in „Zugehörigkeitskitsch“

Wie zufällig Herkunft ist und wie schnell kulturelle und nationale Identitäten sich in „Zugehörigkeitskitsch“ verwandeln, wie es aber dennoch eine Sehnsucht gibt zu den Orten und Menschen der eigenen Vergangenheit – davon erzählt diese kluge und feinsinnige Prosa.

Wo er herkomme, wurde Saša Stanišić immer wieder gefragt. Und er hat wohl nicht selten mit einem Witz geantwortet, denn „zuerst müsse geklärt werden, worauf das Woher ziele. Auf die geografische Lage des Hügels, auf dem der Kreißsaal sich befand?“ Für Stanišić ist Herkunft ein „Konstrukt“, eine „Art Kostüm, das man ewig tragen soll, nachdem es einem übergestülpt worden ist.“

Stanišić hält uns Deutschen den Spiegel vor

Indem Stanišić so radikal über sich schreibt, hält er auch uns Deutschen den Spiegel vor die Nase. Wie wir das ohnehin schon schwere Leben von Migranten mit Formularen und aberwitzigen Rechtsnormen noch komplizierter machen, wie wir suburbane Unorte entstehen lassen, wie jenes „Gewerbegebiet zwischen den Städten Wiesloch und Walldorf“, in dem dann Kriegsflüchtlinge untergebracht werden, die sich nicht mal wundern dürfen, dass sie von „Fabrikschloten, Betriebshallen und Autodealern“ umzingelt sind – das ist alles so erschreckend wie treffend beschrieben. 

Deutscher Buchpreis an Stanišić – Literaturnobelpreis an Handke

Die Vergabe des Deutschen Buchpreises an Saša Stanišić kann auch als Antwort auf den Nobelpreis an Peter Handke verstanden werden. Buchpreisgewinner Stanišić zetert im Kurznachrichtendienst Twitter seit Tagen gegen Handke und dessen Lobpreisungen auf serbische Kriegstreiber wie Slobodan Milošević.

Diese Wutanfälle im sozialen Netzwerk sind in gewisser Weise kleine Fortsetzungen von „Herkunft“. Sie zeigen auf jeden Fall, dass die Geschichte, die Stanišić in seinem preisgekrönten Werk erzählt, keineswegs abgeschlossen ist. Auch und gerade die offene Anlage dieser Nachdenkprosa, deren Autoren-Ich sich immer wieder zur Disposition stellt, macht die Qualität des nun ausgezeichneten Buches aus.

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