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Die 1956 geborene Schriftstellerin Ana Luísa Amaral gilt als die bedeutendste Lyrikerin Portugals. Der Hanser Verlag widmet Amaral nun eine zweisprachige Ausgabe. Ihre Gedichte haben stets einen Anker im Alltag, in einem vermeintlich nebensächlichen Ereignis, einer Beobachtung, und weiten sich in einem Sprachraum von Erkenntnis und Schönheit.

Es gehe ihr, so schreibt Übersetzer Piero Salabè in seinem Nachwort, „nicht um ein Paradies religiöser Erlösung, sondern um die Möglichkeit der Erfahrung von Transzendenz in unserer nach-metaphysischen Zeit.“

Amarals sprachliche Möglichkeiten und der Fundus an literarhistorischen Anschlussmöglichkeiten scheint nahezu unbegrenzt zu sein. Und doch haben ihre Texte eine Leichtigkeit, von der man sich allzu leicht täuschen lassen kann, sich aber gerne einfangen lässt. Mücken, Brotkrumen, Staubkörner, eine Scherbe – damit kann es anfangen:

„Ich ermordete (einfach so) mit dem Fingernagel
eine winzige Mücke,
die ohne Genehmigung und Brevet
auf dem Papier landete.“

Aus diesem banalen Geschehen entwickelt sich eine Reflexion über Stofffindung, Lebenszeit, Ewigkeit und Kosmos, in wenigen Strophen, ohne Pathos, aber mit Eleganz und Humor. Während der Lektüre von Amarals Gedichten lernen wir, dass der Sprung von einem letzten Flügelschlag ins Universum gar nicht groß sein muss. Man muss ihn nur aufschreiben können.

Literatur SWR Bestenliste Juni

Die SWR Bestenliste empfiehlt seit über 40 Jahren verlässlich monatlich zehn lesenswerte Bücher, unabhängig von Bestsellerlisten. Nicht die Bücher, die am häufigsten verkauft werden, bestimmen die Liste, sondern eine Jury, bestehend aus 30 namhaften LiteraturkritikerInnen, wählt die Bücher aus, denen sie möglichst viele LeserInnen wünscht.  mehr...

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