SWR Bestenliste Februar 2020 | Platz 3 (40 Punkte) Aris Fioretos: Nelly B.s Herz

Amelie, genannt Melli Beese wurde 1886 in der Nähe von Dresden geboren und erwarb im Jahr 1911 als erste Frau in Deutschland den Pilotenschein. Sie ist die reale Vorlage für Aris Fioretos‘ literarische Figur. Fioretos hechelt allerdings nicht zwanghaft einer Biografie hinterher, sondern nutzt vielmehr die Freiräume der Fantasie.

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In 100 kurzen Kapiteln erzählt Fioretos von einer jungen Frau, deren Träume zerplatzen: Der Arzt verbietet Nelly im Jahr 1923 aufgrund eines Herzleidens das Fliegen. Daraufhin verlässt sie ihren französischen Mann Paul, mit dem sie gemeinsam rund zehn Jahre zuvor eine Flugschule gegründet hat.

Es ist der Zeitpunkt, alles in Frage zu stellen: Dass Nelly sich schon immer zu Frauen hingezogen gefühlt hat, gesteht sie sich nun offen ein. Mit dem Fall vom Himmel, so formuliert der Autor es selbst, setzt das Aufsteigen des Begehrens ein. Nelly findet eine Anstellung als Motorradverkäuferin und verliebt sich in die wesentlich jüngere Irma.

Über das Leben von Melli Beese im Zeitraum zwischen ihrer Scheidung und ihrem Tod im Jahr 1925 weiß man wenig – im Grunde nur dass sie sich das Leben nahm.

Fioretos füllt diese Lücke in seinem an Zeitkolorit reichen Buch und erzählt eine Emanzipationsgeschichte, der es sogar gelingt, die Metapher eines geschädigten Herzens klischeefrei zu integrieren.

Literaturkritiker Carsten Otte erzählt im Video, warum Sie Nelly B.s Herz von Aris Fioretos lesen sollten:

WARUM DIESES BUCH? Weil es die bewegende Lebensgeschichte der ersten Frau in Deutschland mit Flugschein erzählt.

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