Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart In der Ideenwerkstatt von Marcel Duchamp

Von Christian Gampert

Marcel Duchamp ist einer der einflussreichsten Künstler der klassischen Moderne, erfand das Ready-made und letztlich so auch die Konzeptkunst. Ihren großen Bestand an Duchamp-Werken kombiniert jetzt die Stuttgarter Staatsgalerie mit internationalen Leihgaben und einem einzigartigen Einblick in die Ideenwerkstatt des Künstlers. „Marcel Duchamp. 100 Fragen, 100 Antworten“ ist die anspruchsvollste Ausstellung der Staatsgalerie seit langem – und eine der schönsten.

Stuttgart ist „ready“ für Duchamp

„Stuttgart, are you ready?“, fragt die Staatsgalerie in ihrer Werbekampagne für die Schau. Und das Publikum könnte antworten: „Yes, we are ready for the ready-made“. Denn Marcel Duchamps Ready-mades sind die wichtigsten Exponate.

Das auf einen Hocker montierte Speichenrad eines Fahrrads und der berühmte Flaschentrockner werden Teile des Publikums dennoch leicht ratlos hinterlassen. Die markanteste Wende der neueren Kunstgeschichte, die Adelung von Alltagsgegenständen zu Kunstwerken, stößt bisweilen immer noch auf Unwillen.

Zentrale Werke von Duchamp und 100 Fragen an den Künstler

Aber der Zuschauer hat nun reichlich Gelegenheit, sich kundig zu machen. Stuttgart besitzt, neben einer Anzahl enigmatischer Duchamp-Werke, seit 1993 das umfassende Duchamp-Archiv, das der Züricher Forscher und Künstler Serge Stauffer angelegt hat.

Darin befinden sich auch die hochspezialisierten „100 Fragen“, die Stauffer im Juli 1960 an Duchamp schickte und die der Künstler tatsächlich beantwortete, allerdings in vielen Fällen eher nonchalant-abwehrend.

Stuttgarter Ausstellung zeigt die Ideen hinter Duchamps Werken

Die Kuratorin Susanne M. Kaufmann, die den Duchamp-Bestand der Staatsgalerie in den letzten Jahren aufarbeitete, will dem Publikum vor allem klarmachen, dass hinter den Duchamps-Werken ein Höchstmaß an theoretischer Reflexion steckt.

Susanne M. Kaufmann: „Im Hauptbereich der Ausstellung zeigen wir das 'große Glas', eines der Hauptwerke Marcel Duchamps. Eigentlich aber zeigen wir die gedankliche Vorbereitung. Denn Duchamp hat eine ganze Schachtel mit Ideen zusammengesammelt, 93 Notizen in eine grüne Schachtel gepackt. Alle beziehen sich auf seine Gedanken zum Ready-Made, auch zum großen Glas.“

Das „große Glas“ von Duchamp und seine verrückte Aura

Das „große Glas“ ist hier in einer Replik zu sehen (das Original ging 1927 zu Bruch). Die surrealistische Idee, eine Braut und die sie begehrenden „Junggesellen“ als technische Apparate darzustellen, etwa als Schokoladenmühle, verleiht dieser riesigen, ikonischen Glastafel heute noch eine völlig verrückte Aura.

„Es ist tatsächlich wie ein mechanistischer Prozess“, so die Kuratorin. „Wenn man davor steht, hat man das Gefühl, man befinde sich in einem Experiment. Das ist es auch, was Duchamp daran interessiert hat. Er hat sich viel mit Physik, mit den Naturwissenschaften dieser Zeit beschäftigt, mit der vierten Dimension, mit Bewegung – und all das in den Versuchsaufbau seines großen Glases mit hineingegeben.“

Sich von der „Sound-Dusche“ mit Duchamp-Aphorismen berieseln lassen

Wer sich auf den archivarischen Charakter der Ausstellung einlässt, kann tief in das Universum Marcel Duchamps eintauchen. Es besteht aus einer Vielzahl von Vorarbeiten, in denen sich Musiknoten, Zeichnungen, Fotos, theoretische Erwägungen, Gedichtzeilen abwechseln, oft auf einem Blatt.

Man kann sich auch unter eine „Sound-Dusche“ stellen und sich mit Duchamp-Aphorismen berieseln lassen – etwa der surreal-kapitalkritischen Idee einer Gesellschaft, in der man die Luft bezahlen muss, die man atmet.

Die Mona Lisa mit Bart und die Duchamp-Schachteln

Die Ausstellung ist einerseits theorielastig, andererseits bietet sie viel Ironisch-Sinnliches – wie die Mona-Lisa, die Duchamp mit einem Bart versah. Man kann die Mona Lisa aber auch ohne Bart betrachten – und wird feststellen, dass einem da irgendetwas fehlt…

Zudem gibt es die berühmten Schachteln, in die Duchamp wie in einen Musterkoffer seine Werke en miniature hineinpackte. In einer Sonder-Edition darf man hier selber wühlen.

Eine der schönsten Staatsgalerie-Ausstellungen seit langem

Filme zeigen den Personenkult um Duchamp, die Staatsgalerie selbst verteilt 100 Postkarten mit einem Duchamp-Frage-Antwort-Spiel. Die anspruchsvollste Ausstellung der Staatsgalerie seit langem – und eine der schönsten.

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