Kurzweiliger, aber konservativer Beziehungsfilm

„Maestro“ von und mit Bradley Cooper: Ein Porträt über den Menschen Leonard Bernstein

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Rüdiger Suchsland

In Personalunion hat Bradley Cooper, neben Regie und Drehbuch auch die Hauptrolle in seiner zweiten Regiearbeit übernommen. Er spielt sie gut, wenn auch sehr stark über Mimikry, bestimmte Merkmale und Äußerlichkeiten – von außen nach innen. Aber was ist das Thema von „Maestro“? Es ist nicht das Porträt eines genialen Künstlers und Komponisten, sondern das Porträt eines Ehemanns, der nebenbei noch irgendetwas mit Musik zu tun gehabt hat. Und es ist ein Film über eine schwierige, letztlich aber glückliche und respektvolle Beziehung.

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Der Film startet mit dem Durchbruch Bernsteins

Gleich zu Beginn, in der zweiten Szene des in Form von Rückblicken erzählten Films, erhält der junge, noch unbekannte Dirigent Leonard Bernstein einen Anruf: Der erst 25-jährige bekommt die Nachricht, dass er in wenigen Stunden für den erkrankten Bruno Walter einspringen soll. Ohne Proben erlebt er sein Debüt als Dirigent der New Yorker Philharmoniker – es wird ein Triumph und der Beginn von Bernsteins Weltkarriere. 

Maestro (Foto: Jason McDonald/Netflix)
Der Film deckt rund 30 Jahre im Leben des Ausnahmekomponisten Leonard Bernstein ab.

Der Film zeigt diesen Moment in Schwarzweiß: Erst ist der Raum dunkel, dann öffnet Bernstein den Vorhang wie den einer Bühne, wir erkennen einen anonymen Männerkörper im Bett – womit auch das Leitthema von Bernsteins Sexualität gleich gesetzt ist –, dann nimmt auch die Kamera Tempo auf, begleitet den Mann freudig und selbstbewusst im Laufschritt beim Ankleiden und schwenkt mit ihm und seinen aufgerissenen Armen quasi fliegend in einer nahtlosen, ununterbrochenen Sequenz fast direkt aufs Dirigenten-Pult. 

Ein Hauch von Pose

Ein andermal zeigt der Film eine Tanzprobe: Das Matrosen-Ballett aus Bernsteins erstem Musical "On the Town". Plötzlich ist Bernstein selbst inmitten der Tänzer als einer von ihnen. Das ist Darstellung und Kommentar zugleich: Es zeigt Bernstein als Teil einer sexuell aufgeladenen Männergruppe mit homophilen Untertönen, und seine Verlobte Felicia als die, die angeflirtet wird, und zugleich vom eigentlichen Geschehen ausgeschlossen auf die Beobachterposition zurückgeworfen ist.

Maestro (Foto: Jason McDonald/Netflix)
Der Film rückt Bernsteins (Bradley Cooper) komplexe Beziehung zu seiner Ehefrau Felicia Cohn Montealegre (Carey Mulligan) in den Fokus.

Stilistisch sind diese Handvoll offen „überhöhender“ Momente des nur durch die Kamera hergestellten Übergangs zwischen Welten die besten Szenen des Films. Zugleich durchzieht sie ein Hauch von Pose. Sie wollen dem Publikum etwas zu kühl kalkuliert durch Überwältigung signalisieren, dass sich hier Bedeutungsvolles und ästhetisch Gewagtes vollzieht. 

Stilistisch stockkonversvativ

Ansonsten ist „Maestro“ zwar ein guter Film, zugleich aber auch ein konventioneller, der einfach sehr gradlinig die Pflichtaufgaben eines typischen Hollywood-Biopic abarbeitet. „Maestro“ ist alles, was Hollywood heute ist und kann: Meistens in einer großen handwerklichen Könnerschaft und Virtuosität, dabei ganz en passent auch eine Selbstfeier der liberalen USA. 

Maestro (Foto: Jason McDonald/Netflix)
Für seine Rolle in „Maestro“ trägt Schauspieler Bradley Cooper eine Nasenattrappe – für die er scharf kritisiert wurde.

Zugleich aber stilistisch stockkonservativ und intellektuell unterfordernd. Politisch überkorrekt und manchmal ein bisschen schamhaft, ja ängstlich seine eigene Courage negierend und vor den Abgründen des eigenen Themas zurückschreckend.  

Kein Biopic eines genialen Künstlers

Denn was ist das Thema? Es ist nicht, wie von einem Biopic über Leonard Bernstein (1918-1990) zu erwarten wäre, das Portrait eines genialen Künstlers und Komponisten, politischen Aktivisten und Musik-Pädagogen. Sondern es ist das Porträt eines Ehemanns, der nebenbei offenbar noch irgendetwas mit Musik zu tun gehabt hat. 

Maestro (Foto: Jason McDonald/Netflix)
1946 lernt sich das junge Paar kennen, fünf Jahre später folgt die Hochzeit. Aus der Ehe gehen drei gemeinsame Kinder hervor.

Wer nicht weiß, wer Bernstein war, kann es aus diesem Film kaum erfahren. Stattdessen lässt sich der Film sehr viel Zeit damit, die aufkeimende Liebe und die Verlobungsphase des Paares zu zeigen – in der das Thema der Männerliebe völlig abwesend bleibt.

Maestro (Foto: Jason McDonald/Netflix)
Obwohl beide zahlreiche außereheliche Affären haben, bleiben Bernstein und Montealegre rund 25 Jahre lang miteinander verheiratet.

Patriarchalischer Blick

Ganz zum Schluss des Films wird über das Bild Felicias noch einmal den Filmtitel eingeblendet: Eine zweischneidige Entscheidung, denn sie bestätigt den Eindruck, Felicia sei die eigentliche heimliche Hauptfigur des Films. Wenn dem aber so ist, warum zeigt sie Regisseur Bradley Cooper nicht als die Schauspielerin und Künstlerin, die sie auch war, sondern nur als Ehefrau und Mutter. Ein zutiefst patriarchalischer Blick. 

Maestro (Foto: Jason McDonald/Netflix)
Die heimliche Hauptfigur des Films ist Bernsteins chilenische Frau, die Schauspielerin Felicia Cohn Montealegre.

Zugleich muss noch einmal betont werden: „Maestro“ ist ein kurzweiliger, unterhaltsamer, gut gemachter Film, über eine schwierige, letztlich aber glückliche und respektvolle Beziehung. Besonders hervorzuheben sind die Bildgestaltung von Matthew Libatique und die darstellerische Leistung von Carey Mulligan in der Rolle der Felicia Cohn Montealegre. Mulligan ist perfekt, jederzeit ehrlich und authentisch, wo man manch anderes manieriert finden kann.

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