Der diesjährige Ehrenpreis des Deutschen Dokumentarfilmpreises geht an Werner Herzog

Retrospektive Werner Herzog

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Der 79-jährige Regisseur, Schauspieler und Produzent schuf mit seinen über 60 Spiel- und Dokumentarfilmen ein unvergleichbares Gesamtwerk. Seine Filme gelten als dicht erzählte Meisterwerke, die die Grenze zwischen Fiktion und Dokumentation verschwimmen lassen. Als Regisseur erschafft er so stilbildende dokumentarische Werke, die sich häufig der Urgewalt der Natur, der Anziehungskraft ferner Orte oder den Tiefen des Menschseins widmen.

Werner Herzog (Foto: SWR, ©2012 Gerald v. Foris)

Ein Blick auf den Machu Picchu in den Anden Perus. Der Gipfel und die überwältigende Größe des Berges bleiben verborgen. Es ist kein Postkartenmotiv, auch keine Hollywood-Szene, deren einziges Interesse an der Landschaft dazu dient, deren Anblick als schöne Einstellung zu nutzen. Stattdessen ruht der Blick auf einem Bergpfad und folgt dem mühsamen Weg Dutzender Menschen über die unebenen Steigungen des Machu Picchu. Der Abgrund ist durch den grauen Dunst eines dichten Nebels verdeckt, während die Farben der voranschreitenden Menschen leuchten. Diese Szene aus dem Dokumentarfilm Mein liebster Feind kann exemplarisch für Werner Herzogs Einstellung gegenüber der Natur betrachtet werden. Er bildet diese in all ihrer Schönheit und all ihrem Schrecken ab, lässt sie zum Teil des menschlichen Pathos werden, indem sie selbst menschliche Züge erhält.

Herzogs Faszination für die Natur und ihre höhere Bedeutung für den Menschen zieht sich durch seine gesamte Filmlaufbahn. Der Ursprung dafür liegt in seiner Kindheit. Geboren am 5. September 1942 in München, floh die Familie mit dem kleinen Werner vor den Kriegsbomben in das Dorf Sachrang im Chiemgau. Die Natur dort, die Berge an der bayerisch-österreichischen Grenze gruben sich tief in seine Seele. In seinen frühen Lebensjahren lebte die Familie ohne fließendes Wasser und ohne Strom. Werner Herzog war bereits zwölf Jahre alt, als er zum ersten Mal in seinem Leben einen Film sah. Augenblicklich war er von dem Medium fasziniert.

Die Essenz, die Werner Herzogs Werke so besonders macht, lässt sich in diesen frühen Jahren seines Lebens ausmachen. Schon mit 14 Jahren, als er zum katholischen Glauben übertrat, war er interessiert an den großen Fragen nach Gott, nach dem Ursprung des Lebens wie auch der Vergänglichkeit. Es sind diese Fragen, die sich wie ein roter Faden durch seine Werke ziehen und seine Filme so faszinierend und unvergesslich machen. Die Suche nach einem höheren Sein, die Macht der Natur, der wir als einzelner Mensch unterlegen gegenüberstehen.

Werner Herzog (Foto: SWR, © Lena Herzog)

Seinen Drang danach die Welt um sich herum zu verstehen, nutzte er früh als Antrieb. Herzog arbeitete nach der Schule und finanzierte sich damit seinen ersten Kurzfilm Herakles im Alter von 19 Jahren. Dieser körperliche Einsatz und die filmökonomische Bescheidenheit sollten auch seine spätere Karriere prägen. »Wer eine großartige Idee für einen Film hat, aber keinen Weg findet, diesen Film zu finanzieren, der würde am Ende wahrscheinlich auch einen miserablen Film drehen«, so Herzog 2016 in einem Interview mit dem Tagesspiegel.

Einer seiner ersten Dokumentarfilme Land des Schweigens und der Dunkelheit begleitet die taubblinde Fini Straubinger dabei, wie sie andere taubblinde Menschen besucht. Bereits hier zeigt sich Herzogs unendliches Bestreben, seine Umwelt und Mitmenschen zu verstehen. Es entstehen intime Einblicke und tiefgreifende Momente – man spürt die Einsamkeit taubblinder Menschen, die nur durch die Berührung anderer durchbrochen wird. Dabei transportieren die Bilder das zutiefst menschliche Bedürfnis nach Verbundenheit.

Wie bereits in Land des Schweigens und der Dunkelheit bildet Werner Herzog in all seinen Werken die Welt nicht einfach nur ab. Die Kamera malt Bilder, die bei den Zuschauenden bleiben, sich ins Bewusstsein einprägen. Herzog stößt so bis in die Tiefen der menschlichen Existenz und Schöpfung vor. Er findet dort Poesie, wo andere nur Fakten sehen. Dabei erschafft er in seinen Werken immer wieder Momente der Grenzüberschreitung zwischen Spiel- und Dokumentarfilm. So ähneln die Entstehungsprozesse seiner Spielfilme durch Improvisation allzu oft dem eines Dokumentarfilms, während einzelne dokumentarische Werke reine Inszenierung sind. Seine Filme gewinnen dadurch an einer tieferen Wahrheit.

Für seine Werke erhielt der heute in Los Angeles lebende Regisseur unzählige Preise und wurde 2012 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Seit 2016 vergibt er selbst den Werner Herzog Filmpreis an Filmschaffende, die »Mut, Entschlossenheit und Visionen« in sich vereinen, wie es auf der Website des Preises steht. Ausgezeichnet wird nur, wer sich wie Herzog selbst für den Film verausgabt und keine Scheu gegenüber fremden Erfahrungen zeigt. Denn auch seine Drehs zeichnen sich durch eine körperliche Einsatzbereitschaft aus, die kaum jemand anderem zu eigen ist. Herzog begibt sich in Gefahrenzonen oder dokumentiert auch mal, wie er seinen eigenen Schuh isst. Schließlich erachte er es als seine Aufgabe, adäquate Bilder zu erschaffen, die die Welt sonst vermisste, wie Herzog in Wim Wenders Dokumentarfilm Tokyo-Ga erklärt.

Herzogs Filme bedienen sich aller künstlerischen Mittel auf höchstem Niveau. So dient Musik niemals, um bestimmte Reaktionen bei den Zuschauerinnen und Zuschauern zu evozieren, sondern dazu, bereits bekannten Bildern einen weiteren Sinn, eine neue Leuchtkraft zu verleihen. Der Dokumentarfilm The White Diamond richtet sich häufig nach der Musik, welche im Vorhinein entstanden ist. Herzog begleitet den Ingenieur Graham Dorrington bei dem Versuch, mit seinem selbstkonstruierten Luftschiff über den Urwald Guyanas an der südamerikanischen Atlantikküste zu fliegen. Die Kamerabewegungen und der Schnitt ahmen das Gefühl des Fliegens nach, inspiriert vom schwerelosen und völlig neuartigen Klang der Musik des niederländischen Komponisten Ernst Reijseger. So überrascht es dann auch nicht, dass es den Filmkünstler Herzog bei seinem einzigartigen Gespür für musikalische Inszenierung an die Oper zieht. 1985 inszenierte er mit Ferruccio Busonis Doktor Faust zum ersten Mal ein großes Musikstück. Viele weitere Operninszenierungen folgten. Zu den Bekanntesten zählt dabei Wagners Lohengrin für die Bayreuther Festspiele 1987. Er schuf atmosphärische Bühnenbilder, deren detailreiche Bildgewalt der Wirkung seiner Filme in nichts nachsteht.

Für die Retrospektive wurden die drei Dokumentarfilme Land des Schweigens und der Dunkelheit, Mein liebster Feind und The White Diamond ausgewählt. Sie repräsentieren verschiedene Epochen des Filmschaffens Herzogs und ganz unterschiedliche Themen. Doch sie eint: Werner Herzog erforscht alle seine Filmsubjekte aufs Gründlichste und behandelt sie gleichzeitig mit einer Sorgfalt, die der Fragilität unserer Welt Raum gibt. Seine Filme haben Welten und Bilder erschaffen, die jeder versteht, unabhängig von der Generation. So bekommt der bald 80-jährige Post ebenso von jungen wie von älteren Menschen, die von seinen Filmen begeistert sind und Näheres zu deren Entstehung wissen wollen. Herzog erzählte und erzählt Geschichten, die tief bewegen. Ihm gelingt es, fremde Orte in Bilder zu verwandeln, die durch ihre ikonografische Wirkung im Inneren der Zuschauenden weiterleben.

Er selbst träume nie, so Herzog 2018 in einem Interview mit der Welt am Sonntag. Der Welt hat er mit seinem Werk dennoch neue Traumwelten vermacht.

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