Karl Lauterbach warnte vor einer "Killervariante" des Coronavirus im Herbst. Dafür erntete er viel Kritik. (Foto: IMAGO, IMAGO/Political-Moments)

Berechtigte Sorge oder Panikmache?

Lauterbach warnt vor "Killervariante" des Coronavirus

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David Beck
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Ralf Kölbel
Ralf Kölbel, Online-Redakteur bei SWR Wissen aktuell sowie Redakteur bei SWR2 Wissen. (Foto: SWR, Christian Koch)

In einem Interview am Ostersonntag warnte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach vor einer möglichen Killervariante des Coronavirus im Herbst. Ist das realistisch? Eine Einschätzung von David Beck aus der SWR Wissenschaftsredaktion.

Die neue Killervariante könnte, so Lauterbach, so ansteckend wie Omikron und so tödlich wie Delta sein. Eine Aussage, für die Lauterbach sofort scharfe Kritik aus allen Ecken erntete: Dafür gebe es keine Hinweise, es sei alarmistisch, Panikmache. Aber das Virus entwickelt sich ja weiter – ist also vielleicht was dran an der Warnung?

Virus wird sich weiterentwickeln

Es ist ein schmaler Grat zwischen Warnung und Panikmache. Die Formulierung “Killervariante” ist ziemlich sicher schon drüber. Aber in seiner Kernaussage hat Karl Lauterbach recht: Es könnte sie geben, die "Killervariante".

Das Virus wird nicht aufhören sich weiterzuentwickeln, das hat es uns bereits oft genug bewiesen und wir müssen vorbereitet sein auf das, was noch kommen kann. Naivität hilft uns nicht weiter. Es ist aber auch sehr wichtig zu sagen, dass absolut niemand weiß, was noch kommt.

Coronaviren sind durchaus mutationsfreudig. Wie ansteckend oder gefährlich neue Virusvarianten sein werden, lässt sich jedoch kaum vorhersagen. (Foto: IMAGO, IMAGO/Bihlmayerfotografie)
Coronaviren sind durchaus mutationsfreudig. Wie ansteckend gefährlich neue Virusvarianten sein werden, lässt sich jedoch kaum vorhersagen.

Gute Grundimmunität in der Bevölkerung

Wir haben aber mittlerweile eine gute Grundimmunität in der Bevölkerung. Eine Impfquote, die zwar höher sein könnte, aber auch bedeutend niedriger, und der mittlerweile hohe Anteil Genesener schützen das Gesundheitssystem vor Überlastung. Und vermutlich werden sie das auch bei den noch kommenden Varianten tun.

Eine hohe Impfquote und ein hoher Anteil Genesener schützen das Gesundheitssystem vor Überlastung. (Foto: IMAGO, imago)
Eine hohe Impfquote und ein hoher Anteil Genesener schützen das Gesundheitssystem vor Überlastung.

Auch Omikron kann gefährlich sein

Dass ein solcher Schutz durch die Immunität besteht, sehen wir bereits bei Omikron. Was bei uns als relativ milde Variante wahrgenommen wird, hat in Hongkong – wo die Grundimmunität vor der Omikron-Welle relativ gering war – für die höchste Todesrate während der gesamten Pandemie weltweit gesorgt. Omikron ist also alles andere als ungefährlich, aber unsere Immunität schützt uns davor.

Dass Omikron nicht unbedingt harmlos ist, zeigte sich zuletzt in Hongkong. (Foto: IMAGO, IMAGO / NurPhoto/ Marc Fernandes)
Dass Omikron nicht unbedingt harmlos ist, zeigte sich zuletzt in Hongkong.

Grundimmunität schützt vor künftigen Varianten

Bisher hat es keine Variante geschafft, diesen Schutz vor schweren Verläufen und Todesfällen zu umgehen. Das scheint zu bedeuten, dass das nicht einfach für das Virus ist. Wir können also schon davon ausgehen, dass uns die Grundimmunität auch vor zukünftigen Varianten noch schützen wird.

Möglicherweise wird dieser Schutz geringer ausfallen, aber es ist relativ unwahrscheinlich, dass eine neue Variante so viel ansteckender ist, dass sie Omikron völlig verdrängt und gleichzeitig den Immunschutz komplett umgehen kann.

Eine Grundimmunisierung schützt wahrscheinlich auch vor künftigen Virusvarianten.  (Foto: IMAGO, IMAGO/Political-Moments)
Eine Grundimmunisierung schützt wahrscheinlich auch vor künftigen Virusvarianten.

Nicht zu viel rhetorisches Pulver verschießen

Wissenschaftlich gesehen ist Lauterbachs Wortwahl also eher überzogen. Politisch – und er ist nun mal Politiker – hat er aber wahrscheinlich erreicht, was er erreichen wollte: Es wird wieder über die Gefahren geredet, die vom Coronavirus noch ausgehen.

Allerdings sollte er auch aufpassen nicht sein rhetorisches Pulver zu verschießen. In der Fabel “Der Hirtenjunge und der Wolf” ruft der Junge beim Schafehüten aus Langeweile "Wolf! Wolf!”. Als die Leute aus dem Dorf ihm zu Hilfe eilen, erkennen sie die Lüge. Nachdem er mehrfach falschen Alarm gegeben hat, wird seine Herde und in manchen Fassungen auch er selbst tatsächlich von einem Wolf gefressen, weil seine Hilferufe mittlerweile auf taube Ohren stoßen.

Um seine Herde vor der Killervariante und sich selbst vor den Wählerinnen und Wählern zu schützen, sollte Karl Lauterbach sich also davor hüten, zu häufig “Wolf!” zu rufen.