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Bis zum Ende der Pandemie haben wir noch etwas Weg vor uns. Aber wie sieht der genau aus? Wie lange dauert es noch bis wir wieder ein normales Leben führen können? Geht Corona jemals wieder ganz weg?

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Ist Herdenimmunität überhaupt möglich?

Zu Beginn der Krise schien allen schnell klar, wie die Pandemie in den Griff zu bekommen ist: durch die Herdenimmunität. Erreichen wir sie, ist ein normales Leben wieder möglich.

Das geht entweder durch Durchseuchung, also dass sich nach und nach alle oder zumindest sehr viele mit dem Virus infizieren und im Anschluss immun sind. Dieser Weg würde allerdings eine nicht verantwortbare Gefahr für sehr viele Menschen darstellen und das Gesundheitssystem massiv überlasten. Deswegen wurde versucht, möglichst Infektionen zu vermeiden und durch Impfungen zur Herdenimmunität zu kommen.

Seit Ende 2020 läuft die Impfkampagne – Wann aber erreichen wir die Herdenimmunität? Diese Antwort ist gar nicht so einfach. Vereinfacht lässt sie sich mit folgender Formel berechnen: 

R0 ist die sogenannte Basisreproduktionszahl. Sie gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter oder eine Infizierte im Durchschnitt ansteckt und zwar ohne Maßnahmen, wie die AHA-Regeln. Für das ursprüngliche Coronavirus wird laut Robert-Koch-Institut (RKI) für die Basisreproduktionszahl ungefähr 2,8 bis 3,8 angenommen. Das würde bedeuten, dass die Herdenimmunität bei ungefähr 65 bis 75 Prozent immunisierte Menschen, also Geimpfte und Genesene zusammen, erreicht ist.

Varianten könnten Herdenimmunität verhindern

Schwieriger wird es, wenn auch noch die Virus-Varianten in Betracht gezogen werden. Laut RKI ist in Deutschland mittlerweile die Variante B.1.1.7 oder Alpha, die zuerst in England entdeckt wurde, für fast alle Infektionen verantwortlich. Sie ist ansteckender als das ursprüngliche Virus und die Herdenimmunität wird erst später bei ungefähr 85 Prozent immunisierte Menschen erreicht. 

Außerdem schützen die Impfstoffe und auch eine durchgemachte Infektion nicht zu 100 Prozent vor einer (Re-)Infektion. Einige eigentlich immunisierte Menschen können sich mit dem Virus infizieren und es auch weitergeben. Die Schwelle für die Herdenimmunität steigt so auf mehr als 85 Prozent. 

Doch nicht alle können und wollen sich impfen lassen, was das Erreichen einer hohen Impfquote erschwert und das Konzept der Herdenimmunität ins Wanken bringt.

Neue Virus-Varianten können einen Einfluss auf die Herdenimmunität haben. Impfstoffe schützen möglicherweise weniger zuverlässig. (Foto: Imago, imago images/Steinach)
Neue Virus-Varianten können einen Einfluss auf die Herdenimmunität haben. Impfstoffe schützen möglicherweise weniger zuverlässig. Imago imago images/Steinach

Wetter könnte uns unterstützen

Aber nicht nur die Impfungen schützen uns vor dem Virus. Neben den AHA-Regeln, die weiterhin gelten, hat auch das wärmere Wetter zumindest einen begrenzten Einfluss auf die Verbreitung des Virus. Zum einen, weil wir uns im Sommer häufiger draußen aufhalten, wo die Ansteckungsgefahr durch Aerosole geringer ist und zum anderen scheint auch die UV-Strahlung die Verbreitung einzudämmen. Laut einer Studie ist in Städten mit hoher UV-Strahlung der R-Wert um bis zu 0,65 geringer als in Städten mit niedriger UV-Strahlung.

Für die erfolgreiche Eindämmung von SARS-CoV-2 ist es aber auch wichtig, dass überall auf der Welt viele Menschen immunisiert werden. Dort, wo sich das Virus immer noch verbreiten kann, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich neue, ansteckendere Varianten bilden. Und wenn dort zwar eine Impfkampagne läuft, die aber nur sehr langsam vorankommt, dann steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich Varianten entwickeln, die den Impfschutz aushebeln können: Man nennt das dann Immunescape oder Fluchtmutation.  

Fluchtmutationen könnten dazu führen, dass die Coronaviren der Immunantwort des Körpers entgehen. (Foto: Imago, imago images/Future Image)
Fluchtmutationen könnten dazu führen, dass die Coronaviren der Immunantwort des Körpers entgehen. Imago imago images/Future Image

Globale Situation

Während bei uns mittlerweile fast die Hälfte der Bevölkerung immerhin mindestens eine Impfung erhalten hat (Stand: 10.6.2021), sind es in Indien weniger als 15 Prozent und in vielen afrikanischen Ländern sogar weniger als 1 Prozent. Das könnte laut Jan-Felix Drexler, Virologe an der Charité in Berlin, auch wieder für uns zum Problem werden: 

Wenn wir zulassen oder dazu beitragen – aufgrund des Hortens von Impfstoffen nur für uns – dass in solchen Ländern ein unkontrolliertes Infektionsgeschehen sich verlängert, mit der Entstehung eventueller Varianten, die dann für uns wieder ne Bedrohung sein könnten, dann war ganz viel umsonst und das dürfen wir nicht geschehen lassen. Also, wir müssen tatsächlich einer Pandemie als globales Geschehen auch global entgegentreten.

Ein Anwohner wird in Afrika gegen Covid-19 geimpft (Archivbild). (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/XinHua | Joseph Mizere (Archivbild))
Impfstoffe für uns zu horten ist sicher keine gute Idee. Corona ist ein globales Problem. picture alliance/dpa/XinHua | Joseph Mizere (Archivbild)

Wie sieht es aber in der ferneren Zukunft aus, wenn so viele Menschen geimpft sind, wie sich impfen lassen können und wollen? Auch wenn dann keine vollständige Herdenimmunität erreicht ist, werden wir einen deutlichen Effekt durch die Impfkampagne spüren. Die Situation wird sich entspannen. Eine vierte Infektionswelle im Herbst ist nicht ausgeschlossen, aber sie dürfte deutlich kleiner ausfallen als zum Beispiel die zweite und dritte Welle. Dann wird auch das Gesundheitssystem nicht mehr so stark belastet sein und weitgehende Öffnungen können möglich werden. 

Endet Corona überhaupt jemals?

Aber das wird noch nicht das Ende von Corona sein. Einerseits, weil es dann immer noch Menschen gibt, die weder geimpft noch genesen sind und andererseits, weil die Immunität mit der Zeit nachlässt. Vermutlich wird sie sehr lange – vielleicht sogar ein Leben lang – vor einem schweren Verlauf schützen, aber mögliche (Re-)Infektionen werden immer wahrscheinlicher, je länger die Impfung oder die Infektion her ist. Bei einer solchen Reinfektion ist das Risiko für einen schweren Verlauf aber gering. Gleichzeitig wird die Immunität erneuert.

Kinder, die nach der Pandemie geboren werden, können entweder geimpft werden oder sie infizieren sich mit dem Virus – das Risiko für einen schweren Verlauf ist dann noch sehr gering – und bauen so eine Immunität auf, die sie später vor einem schweren Verlauf schützt.

Es ist nicht sicher, dass Corona endemisch wird, aber auch nicht unwahrscheinlich. Die Frage, wann Corona endet, wäre damit zwar mit einem unbefriedigenden "nie" zu beantworten, aber SARS-CoV-2 würde sich dann den anderen endemischen Coronaviren als einfaches Erkältungsvirus anschließen. 

Stand der Zahlen und Daten im Video: 7.6.2021

Unsere wichtigsten Quellen:

Aktuelle Infektionszahlen und Todesfälle durch SARS-CoV-2 weltweit: https://coronavirus.jhu.edu/map.html

Aktuelle Impfquoten weltweit: https://www.corona-in-zahlen.de/

Was bedeutet Herdenimmunität, wie funktioniert sie und wann ist sie erreicht? https://www.zusammengegencorona.de/impfen/logistik-und-recht/impfquote/

Im Video sagen wir, dass ursprünglich von einer Immunitätsquote von 65-75% für die erreichte Herdenimmunität ausgegangen wurde, bzw. sie bei B.1.1.7/Alpha bei 80-85% liegt. Auf die Zahlen kommen wir durch die Berechnung mit der Formel: Herdenimmunität = 1 - (1/R0) mit R0 = 2,8 bis 3,8 für das ursprüngliche Virus und einen um ca. 1,35-fach erhöhte Basisreproduktionszahl R0 bei B.1.1.7/Alpha https://www.quarks.de/gesundheit/medizin/warum-ein-impfstoff-die-pandemie-auch-2021-nicht-beendet/
https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Steckbrief.html
https://www.thelancet.com/journals/lanpub/article/PIIS2468-2667(21)00055-4/fulltext

Eine Simulation der HU Berlin zur Herdenimmunität: http://rocs.hu-berlin.de/D3/herd/musketierprinzip/

Verbreitung der VOCs (besorgniserregende Coronavirus-Varianten): https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/DESH/Berichte-VOC-tab.html

Schutz vor Infektion durch den Impfstoff von Biontech in Israel ca. 92%: https://www.nejm.org/doi/10.1056/NEJMoa2101765

Rückgang der Neuinfektionszahlen in Israel nach Impfungen: https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2021.02.08.21251325v2

Studie zum Einfluss der UV-Strahlung auf das Infektionsgeschehen: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2352771421000112?via%3Dihub

Pressemitteilung zum aktuellen Stand von COVAX: https://www.who.int/news/item/27-05-2021-covax-joint-statement-call-to-action-to-equip-covax-to-deliver-2-billion-doses-in-2021

Studie zu Kreuzimmunität durch OC43-Antikörper: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1386653221001141?via%3Dihub

Studie zu langanhaltender Immunität nach Infektion: https://www.nature.com/articles/s41586-021-03647-4

Übergang von Pandemie zu Endemie: https://science.sciencemag.org/content/371/6530/741

Interview mit Prof. Jan Felix Drexler, Virologe an der Charité Berlin über die Impfstoffentwicklung- und -zusammensetzung .

Einschätzung zu Immunescape der mutierten Varianten von Prof. Richard Neher der Universität Basel und Dr. Andreas Bergthaler vom Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

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