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Im Internet kursieren derzeit zahlreiche Videos, in denen sich angeblich – unter dem Mikroskop sichtbar – sogenannte "Morgellonen" in Test-Wattestäbchen oder medizinischen Masken bewegen sollen. Was steckt dahinter?

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Morgellonen – So sollen kleine Tierchen heißen, die zurzeit im Internet eine bemerkenswerte Berühmtheit erlangen. Überall tauchen Videos auf, wie diese Morgellonen scheinbar über Masken oder Teststäbchen wandern, die ja eigentlich steril verpackt sein sollen. Verschwörungsmythos oder Skandal? Was ist dran an den Morgellonen?

Morgellonen geistern durch die Medien

Neu ist der Begriff Morgellonen oder Morgellons wahrlich nicht: Geprägt wurde er von dem englischen Arzt Sir Thomas Browne – vor ungefähr 400 Jahren. Relativ neu ist nur, wie sich so ein Phänomen über den gesamten Globus verbreiten kann. Nämlich über das Internet und Massenmedien.

Sir Thomas Browne hat den Begriff der "Morgellone" oder "morgellons" vor rund 400 Jahren geprägt. (Foto: dpa Bildfunk, dpa picture alliance / Design Pics)
Sir Thomas Browne hat den Begriff der "Morgellone" oder "morgellons" vor rund 400 Jahren geprägt. dpa picture alliance / Design Pics

Vor ungefähr 20 Jahren etablierte sich der Begriff so für kleine angebliche Lebewesen, die unter der Haut leben und sich rauskratzen oder -drücken lassen. Zurzeit erleben die Morgellonen, wieder durch das Internet ausgelöst, eine Art Renaissance als Tierchen, die scheinbar auf Masken und Teststäbchen leben.

In der Medizin und Wissenschaft werden Morgellonen häufig als Wahnvorstellung abgetan, doch das stimmt nicht ganz. Denn oft, wenn jemand angeblich ein Morgellon gefunden haben will, kann man kleine Gebilde, mit einer Lupe oder unter dem Mikroskop, sehen und manchmal bewegen sie sich sogar. Wie kann das sein, wenn sie nicht leben?

Im Internet kursieren zahlreiche Videos mit angeblich sich bewegenden winzigen Fädchen in Schutzmasken oder Test-Wattestäbchen. Was steckt da dahinter?  (Foto: SWR, SWR Wissen)
Im Internet kursieren zahlreiche Videos mit angeblich sich bewegenden winzigen Fädchen in Schutzmasken oder Test-Wattestäbchen. Was steckt da dahinter? SWR Wissen

Auch Textilfasern, Pflanzenteile oder Staub bilden kleine, wurmartige Gebilde

Das ist ganz einfach: Zunächst bestehen sie, je nachdem wo sie vorkommen, aus Textilfasern, kleinen Pflanzenteilen, Dreck und Staub jeglicher Art oder abgestorbenen Hautschuppen. Letztere vor allem dann, wenn man sie aus der Haut drückt oder reibt. Dann vermischt sich die tote Haut mit allem möglichem, was da noch so zu finden ist und bildet kleine wurmartige Gebilde.

Was in letzter Zeit häufig auf Masken und Teststäbchen zu beobachten ist, sind Textilfasern, entweder von der Maske oder dem Stäbchen selbst oder als Überbleibsel aus der Produktion – vielleicht weil sie von einer anderen Maske noch in der Maschine hing.

Immer mehr Hobbyforscher*innen begeben sich auf die Suche nach den geheimnisvollen fadenähnlichen Morgellons. Wahrscheinlich sind es elektrostatische Aufladungen, die die winzigen Textilfäden in Bewegung bringen. (Foto: SWR, SWR Wissen)
Immer mehr Hobbyforscher*innen begeben sich auf die Suche nach den geheimnisvollen fadenähnlichen Morgellons. Wahrscheinlich sind es elektrostatische Aufladungen, die die winzigen Textilfäden in Bewegung bringen. SWR Wissen

Elektrostatische Effekte als mögliche Erklärung für Bewegung der Fasern

Dass die angeblichen Morgellonen sich bewegen, kann verschiedene Gründe haben. Sie trocknen aus oder nehmen Feuchtigkeit auf und dehnen sich dadurch aus oder ziehen sich zusammen, ganz einfach durch Bewegung der Luft oder durch elektrostatische Kräfte. Vor allem die können es so aussehen lassen, als würde zum Beispiel eine Textilfaser leben.

In manchen der gerade viral zirkulierenden Videos wandern solche Fasern zum Teil über eine frisch aus der Packung genommene Maske. Aber letztendlich ist es der gleiche Effekt, wie ein Luftballon, den wir an den Haaren reiben und an die Decke kleben. Auch der Ballon bewegt sich dann ein bisschen hin und her, weil sich die elektrischen Ladungen verteilen und ausgleichen und dann auch noch natürlich leichte Luftbewegungen und die Schwerkraft auf ihn wirken.

Angeblich sollen in Test-Stäbchen oder Schutzmasken sogenannte "Morgellonen" versteckt sein.  (Foto: Imago, imago images/Hans Lucas)
Angeblich sollen in Test-Stäbchen oder Schutzmasken sogenannte "Morgellonen" versteckt sein. Imago imago images/Hans Lucas

Frisch verpackte Masken können elektrisch geladen sein

Und es verwundert auch nicht, dass zum Beispiel Masken, wenn sie frisch verpackt sind, elektrisch geladen sind. Während ihrer Produktion werden Textilrollen aufgerollt und zerschnitten, zusammen gestanzt oder genäht und die Masken laufen durch meterweise Rollen, bevor sie verpackt werden. Dadurch entsteht viel Reibung, durch die dann unterschiedliche elektrische Ladungen entstehen können. Eben wie der Ballon, den wir an unseren Haaren reiben.

Natürlich ist es nicht undenkbar, dass Masken trotzdem zu Hautirritationen führen – ausgelöst durch Allergien oder Unverträglichkeiten. Oder ein Ausschlag wird durch etwas ganz anderes ausgelöst und das können sogar auch Lebewesen sein, zum Beispiel Borrelien, die kann man dann aber nicht mit dem bloßen Auge oder unter der Lupe sehen. Insekten oder Milben, die dafür groß genug wären, würden unter der Haut auch gar nicht überleben, denn wie wir brauchen sie Luft zum Atmen. Wer also einen Ausschlag hat, der länger anhält, sollte zum Hautarzt gehen. Der kann dann untersuchen, was der Auslöser ist. Morgellonen aber, sind es nicht. Und höchst wahrscheinlich sind es auch keine Nano-Roboter, die uns über Masken und Wattestäbchen heimlich implantiert werden.

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