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Der Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer soll nach Weihnachten in Deutschland verteilt werden. Jetzt beobachtete Mutationen des Virus scheinen den Impfschutz nicht zu gefährden.

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"Comirnaty" heißt der jetzt in der EU zugelassene Corona-Impfstoff von Biontech. Bisher war dieser unter dem etwas sperrigeren Name "BNT162b2" bekannt. Aber nicht nur den Namen gab die Chefetage von Biontech jetzt in einer Pressekonferenz bekannt.

Wie viel Impfstoff gibt es von Biontech für uns in Deutschland?

Die Bundesregierung spricht von einer ersten Lieferung von 400.000 Dosen, also genug um 200.000 Menschen zu impfen. In der Pressekonferenz hieß es, dass Biontech der EU dieses Jahr noch 12,5 Millionen Dosen liefern kann. Nach Bevölkerungsanteil würden davon etwa 2,3 Millionen Dosen auf Deutschland entfallen.

Wie viel es dann ab Januar gibt, müssen wir einfach abwarten. Biontech sagt zwar, dass sie Produktion schnell hochfahren wollen, aber sie mussten ja letztens erst, zusammen mit ihrem Partner Pfizer, ihr Produktionsziel für 2020 anpassen.

Die Verteilung des Impfstoffes von BiontechPfizer ist eine logistische Herausforderung. (Symbolfoto) (Foto: Imago, imago images/Eibner)
Die Verteilung des Impfstoffes von Biontech/Pfizer ist eine logistische Herausforderung. Imago imago images/Eibner

Pipettenspitzen werden auch für die Impfstoffproduktion benötigt

Hendrick Borucki, Sprecher des Laborverbunds Bioscientia, einem Anbieter von PCR-Tests in Deutschland sagte, dass Bioscientia jetzt praktisch in “Konkurrenz” mit Impfstoffherstellern steht, was zum Beispiel Pipettenspitzen angeht. Das heißt, es gilt jetzt auch zu beobachten, wie die Zulieferer der Impfstoffhersteller und der Testanbieter hinterherkommen. Und bis wir das wissen, müssen wir ganz einfach abwarten.

In Großbritannien gibt es eine neue Virus-Variante, die wesentlich ansteckender sein könnte als bisher. Wirkt der Impfstoff auch gegen dieses neue Virus?

Biontch-Chef Ugur Sahin sagt dazu vorsichtig: ja. Biontech testet regelmäßig, ob ihr Impfstoff gegen verschieden Virusvarianten wirkt und das tut er eigentlich durch die Bank sehr gut. Anfang Januar können sie mehr zu dieser neuen Variante sagen, da sind sie gerade dran und vorsichtig optimistisch.

Denn: Der Impfstoff setzt nicht nur an einer Stelle auf dem Spike-Protein an, das ja von der Mutation betroffen ist, sondern an mehreren. Und es ist unwahrscheinlich, dass sich das Protein so stark verändert hat, dass der Impfstoff nirgends mehr funktioniert.

Prof. Ugur Sahin, Chef der Firma Biontech SE, geht davon aus, dass uns das Coronavirus trotz Impfungen noch eine Weile begleiten wird. (Foto: Imago, imago images/photothek)
Prof. Ugur Sahin, Chef der Firma Biontech SE, geht davon aus, dass uns das Coronavirus trotz Impfungen noch eine Weile begleiten wird. Imago imago images/photothek

Wie schnell könnte gegen das neue Virus ein neuer Impfstoff entwickelt werden?

Das ist ja das Schöne an dieser neuen mRNA-Impfstoff-Technologie: Theoretisch muss man einfach den RNA-Strang in dem Impfstoff, gegen den des neuen Virus austauschen und schon müsste der Impfstoff wieder funktionieren. Ugur Sahin sagt, das wäre in ungefähr sechs Wochen möglich, allerdings weist er auch darauf hin, dass aktuell niemand weiß, was die Zulassungsbehörden dazu sagen würden.

Würde das bedeuten, dass der ganze Prozess mit klinischen Studien von vorne losgehen müsste oder würden die Behörden den neuen Impfstoff so akzeptieren wie er ist? Weiß man einfach nicht und hoffentlich müssen wir uns da zumindest vorerst auch keine Gedanken machen.

Wann wird ein normales Leben wieder möglich sein?

Das kommt auf verschiedene Faktoren an: Wie schnell können die Hersteller produzieren – nicht nur Biontech, sondern auch Hersteller anderer Impfstoffe, die hoffentlich bald zugelassen werden? Und vor allem auch wie viele Menschen sich impfen lassen wollen – wieder mit vorsichtigem Blick auf die Mutation in England, denn ein ansteckenderes Virus könnte bedeuten, dass sich mehr Menschen impfen lassen müssten, bevor es eine Herdenimmunität gibt.

Ugur Sahin sagte in der Pressekonferenz, dass wir ab Sommer wieder an Normalität denken können. Natürlich kann bis dahin immer viel passieren und wahrscheinlich wird sich diese Einschätzung bis dahin noch ändern und präzisieren.

Abstand halten und Mund- Nasenschutz-Maske tragen - diese Maßnahmen werden uns wohl noch eine ganze Weile im Alltag begleiten. (Foto: Imago, imago images/Kirchner-Media)
Abstand halten und Mund- Nasenschutz-Maske tragen - diese Maßnahmen werden uns wohl noch eine ganze Weile im Alltag begleiten. Imago imago images/Kirchner-Media

Wir müssen unsere Vorstellung von Normalität anpassen

Sahin sprach aber auch davon, dass wir unsere Definition von Normalität anpassen müssen. Er glaubt, dass das Virus endemisch wird – das heißt, dass es bleibt, dass es Teil unserer Welt wird, so wie zum Beispiel das Grippevirus.

Dann könnte es immer wieder einzelne Ausbrüche und auch Wellen geben. Wenn aber viele Menschen geimpft sind und sich vielleicht auch, wie jetzt schon bei der Grippe, immer wieder gegen neue Varianten impfen lassen, dann könnten auf jeden Fall breitflächige Lockdowns, wie wir sie jetzt haben, verhindert werden.

Menschen ab 80 sowie Personal und Bewohner von Pflegeheimen gehören zu den ersten, die geimpft werden. Dort werden mobile Teams eingesetzt, um Pflegebedürftige vor Ort zu versorgen.

Menschen über 80 in Pflegeinrichtungen gehören zu den ersten Personen, die gegen das neue Coronavirus geimpft werden sollen. (Foto: SWR, SWR)
Menschen über 80 in Pflegeinrichtungen gehören zu den ersten Personen, die gegen das neue Coronavirus geimpft werden sollen. SWR

Ältere Menschen und medizinisches Personal werden als Erste geimpft

Neben den Älteren ab 80 Jahren soll medizinisches Personal mit hohem Ansteckungsrisiko geimpft werden. Dazu gehören Beschäftigte stationärer und ambulanter Pflegedienste und medizinischer Einrichtungen, wie Notaufnahmen und Intensivstationen.

Allein diese Gruppe mit der höchsten Priorität umfasst laut Bundesgesundheitsministerium mehr als 8,6 Millionen Bürgerinnen und Bürger.

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Zweite Gruppe: Hausärzte und Menschen mit chronischen Erkrankungen

Die zweite Gruppe, mit hoher Priorität, besteht aus fast 13 Millionen Menschen. Sie sollen geimpft werden, sobald ausreichend Impfdosen verfügbar sind. Dazu zählen zum Beispiel Hausärzte,
sowie über 70-Jährige, Patienten mit bestimmten chronischen Erkrankungen und deren Betreuer.

In der dritten Gruppe befinden sich nochmal mehr als 15 Millionen Menschen: Ältere ab 60 und Angehörige bestimmter Berufe, zum Beispiel Lehrer, Polizisten und Feuerwehrleute.

So wird der Biontech-Impfstoff in Deutschland verteilt. (Foto: SWR, SWR)
So wird der Biontech-Impfstoff in Deutschland verteilt. SWR

Informationskampagne soll zum Impfen aufrufen

Bundesweit soll es eine Informationskampagne geben, um möglichst viele Menschen zu erreichen und sie zum Impfen bewegen. Wie genau ein Termin vereinbart werden kann unterscheidet in den einzelnen Ländern, aber überall soll dies per Telefon und Online möglich sein.

Manche Bundesländer planen Impfberechtigte nach und nach per Brief einzuladen. Für die zunächst verfügbaren Impfstoffe gilt: Zwei Dosen sind nötig, damit der Impfstoff seine Schutzwirkung entfalten kann.

Deswegen werden auch zwei Termine nötig sein, im Abstand von 21 oder 28 Tagen, je nach Impfstoff. Mögliche Nebenwirkungen und Langzeitfolgen durch den Impfstoff sollen mit einer Smartphone-App nachverfolgt werden.

Medizin Corona-Impfung: Nebenwirkungen künftig per eigener App meldbar

Das Bundesgesundheitsministerium hat dem SWR bestätigt, dass Menschen, die gegen Corona geimpft sind, Nebenwirkungen künftig auch per Smartphone-App melden können.  mehr...

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