STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG

Die bundesweite Corona-Notbremse wurde jetzt auch vom Bundesrat abgesegnet. Damit greifen bei hohem Inzidenzwert auch nächtliche Ausgangssperren. Bringt das was zur Bekämpfung der Pandemie?

Audio herunterladen (1,4 MB | MP3)

Eine Studie der Uni Gießen sagt: Ausgangsbeschränkungen sind nicht wirklich sinnvoll, um die Ausbreitung von Corona zu stoppen. Wie kommen die darauf?

Sie haben untersucht, wie sich nächtliche Ausgangssperren in mehreren Kreisen und Kommunen in Hessen auf die Inzidenzzahlen ausgewirkt haben. Und zwar über den Zeitraum von Mitte November 2020 bis Ende Februar 2021. Dabei haben sie Städte mit Ausgangssperre mit jenen ohne Ausgangssperre verglichen. Sie sagen, sie finden keine Evidenz, dass die Ausgangsperre etwas zur Abnahme der Infektionszahlen gebracht hätte. Deshalb seien Ausgangssperren kein effektives Mittel.

Oft wurde gemeinsam mit Ausgangssperren auch der Bewegungsradius eingeschränkt und Sport in Innenräumen verboten. Da die unterschiedlichen Effekte dieser Maßnahmen nicht auseinandergehalten werden konnten, wurde auch das ganze Bündel untersucht. Doch selbst alle drei Maßnahmen zusammen hätten keinen signifikanten Effekt gezeigt.

Allerdings ist diese Studie noch nicht von anderen Wissenschaftlerinnen geprüft worden.

In manchen Gegenden ist zu nächtlicher Stunde ohnehin kaum jemand unterwegs. Da werden Ausgangssperren wohl auch keinen größeren Nutzen bringen. (Foto: Imago, imago images/Michael Gstettenbauer)
In manchen Gegenden ist zu nächtlicher Stunde ohnehin kaum jemand unterwegs. Da werden Ausgangssperren wohl auch keinen größeren Nutzen bringen. Imago imago images/Michael Gstettenbauer

Aber es gibt ja auch Studien, die sagen genau das Gegenteil. Also wie sinnvoll sind denn Ausgangsbeschränkungen jetzt unterm Strich?

Im Prinzip ist eine Ausgangssperre dazu da, unsere Kontakte in geschlossenen Räumen mit anderen einzuschränken – und das tut sie auch. Aber man muss ehrlicherweise sagen, sie tut es vermutlich nicht in besonders hohem Maß. Die Wissenschaft ist sich da nicht ganz einig. Eine Mobilitätsstudie vom Robert-Koch-Institut und der Humboldt-Universität Berlin kommt zu dem Schluss, dass sowieso eher wenig Menschen zwischen 22 Uhr abends und 5 Uhr morgens unterwegs sind. Gerade 7,4 Prozent der deutschlandweiten Mobilität entfällt auf diese Zeit.

Und eine weitere Studie aus Oxford hat erst kürzlich festgestellt, dass der Effekt nächtlicher Ausgangssperren die Ansteckungsgefahr durch das Virus um rund 13 Prozent senken könne. Der R-Wert könnte dadurch um 10 bis 20 Prozent gesenkt werden kann. Nach dieser Studie wäre das mehr, als sich mit der Schließung aller Bildungseinrichtungen erreichen ließe. Hier liegt die Reduktion des R-Werts den Forschern zufolge bei zehn Prozent oder weniger.

Die Forscher räumen aber ein, dass sich diese eine Maßnahme nicht leicht von den anderen gleichzeitig verhängten abgrenzen lässt. Und sie sagen auch, dass der Effekt nur halb so hoch ist, wie wenn man generell private Treffen auf zwei Personen beschränkt. Auch diese Studie ist noch nicht begutachtet worden.

Das neue Infektionsschutzgesetz beinhaltet auch nächtliche Ausgangssperren, wenn die 7-Tage-Inzidenz über 100 steigt. (Foto: Imago, imago images/Christian Ohde)
Das neue Infektionsschutzgesetz beinhaltet auch nächtliche Ausgangssperren, wenn die 7-Tage-Inzidenz über 100 steigt. Imago imago images/Christian Ohde

Ausgangssperre als Mosaikstein der Pandemiebekämpfung

Allerdings hat sich in anderen Ländern gezeigt, dass die Zahl der Neuinfektionen nach Einführung von Ausgangssperren deutlich gesunken ist. Da haben wir aber das Problem, dass es zeitgleich auch andere strenge Kontaktbeschränkungen gab, Schulen geschlossen wurden und es zum Teil sogar tagsüber Ausgangsverbote gab. Welchen Anteil jetzt die nächtliche Ausgangssperre am Rückgang der Infektionszahlen hat, kann man aus dem Maßnahmenbündel nicht einfach herausrechnen.

Die Ausgangssperre ist als weiterer Versuch der Kontaktbeschränkung ein Mosaikstein in der Pandemiebekämpfung. Nicht der größte oder wichtigste. Und sie nutzt auch nur, wenn sich die Menschen daran halten und nicht einfach Treffen und Besuche einfach zeitlich vorverlegen.

Begründet wird die "Notbremse" auch mit der Überlastung der Intensivstationen.  (Foto: Imago, imago images/Michael Gstettenbauer)
Begründet wird die "Notbremse" auch mit der Überlastung der Intensivstationen. Imago imago images/Michael Gstettenbauer
STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG