Pandemie-Bekämpfung

Das hilft gegen die Corona-Lethargie

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Am Beginn einer dritten Infektionswelle schwindet bei vielen Deutschen die Motivation, weiter Masken zu tragen und Abstand zu halten. Wie gehen wir damit um?

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Jede(r) Einzelne von uns ahnt es und der Sozialpsychologe Prof. Ulrich Wagner spricht es aus: Die Corona-Situation mitsamt ihrer Regeln wird anstrengend für uns. Zu allem Überfluss steigen trotz der Einschränkungen „die Zahlen“: Neuinfektionen, 7-Tage-Inzidenz, die Anzahl der Wellen – welche genau, darauf kommt es kaum an, um dieses tückische Gefühl zu schüren: Das bringt irgendwie alles nichts. Für die Überzeugung, dass egal, was wir tun, es nichts ändern würde, gibt es ein Fachwort: Der Psychologe Wagner von der Universität Marburg sagt, wir reagieren mit „gelernter Hilflosigkeit“.

In dieser gelernten Hilflosigkeit wird es müßig, Regeln einzuhalten. „Einige Menschen gleiten vor dem Hintergrund einer solchen Gefühlslage tatsächlich ab in Depressionen und lassen dann so alles laufen“, sagt Wagner. Andere würden extra das Gegenteil machen, der Psychologe spricht von Reaktanz.

Gruppe junger Menschen im Treptower Park, Februar 2021,  Bei einigen Menschen lässt die Disziplin bei der Einhaltung der Corona-Regeln nach. (Foto: imago images, imago images/Jürgen Held)
Vor allem in der jungen Bevölkerung macht sich nach Monaten der Entbehrung eine gewisse Pandemie-Müdigkeit breit. Da werden Hygiene-Maßnahmen und Abstandsregeln mitunter auch nicht mehr so ernst genommen. imago images/Jürgen Held

Die Bereitschaft, zu verzichten, sinkt

Die Menschen treffen sich in größeren Gruppen als erlaubt, umarmen sich, gehen lax mit Masken und Handdesinfektion um. Es gibt eine Studie, aus der hervorgeht, dass dieses kontraproduktive Verhalten zunimmt: Die Cosmo-Studie an der Universität Erfurt untersucht die Wahrnehmung der Corona-Pandemie in der Bevölkerung. Im Vergleich zum ersten Lockdown gibt es in den Worten von Psychologieprofessorin Cornelia Betsch „einen deutlichen Unterschied“: Zurzeit würden weniger Menschen freiwillig auf bestimmtes Verhalten verzichten als im ersten Lockdown.

Generell beeinflusst die Beziehungskultur eines Landes das Infektionsgeschehen. Wo die Menschen besonders offen sind für neue Freundschaften und viele Kontakte pflegen, verbreiten sich Viren schneller.

Einkaufsstraße und Fußgängerzone Zeil in der Innenstadt Frankfurt  (Foto: imago images, imago images/Ralph Peters)
Nach der Lockerung der Schutzmaßnahmen und Wiedereröffnung der Geschäfte sieht die Einkaufsstraße und Fußgängerzone Zeil in der Innenstadt Frankfurt wieder so wie vor der Coronakrise aus: Es herrscht großer Andrang von Personen, die oftmals nicht den gebotenen Mindestabstand zueinander einhalten. imago images/Ralph Peters

Von den Regeln überzeugt sein

Verstöße zu bestrafen, kann da nur teilweise zur Motivation der Menschen beitragen. „Das ist extrinsische Motivation: Wir verhalten uns auf eine bestimmte Art und Weise, weil wir befürchten, sonst sanktioniert zu werden“, erklärt Ulrich Wagner. „Eigentlich funktionieren Gesellschaften nur dann, wenn wir alle von den Regeln, die wir haben, tatsächlich überzeugt sind, also intrinsisch motiviert sind.“

Die Corona-Regeln lassen sich nicht dadurch einhalten, dass immer die Polizei hinter uns her läuft. Diese Form intrinsischer Motivation geht zurück, und das hat ganz viel mit politischem Handeln und politischer Kommunikation zu tun.

Teilnehmer einer Anti-Corona-Demonstration (Symbolbild) (Foto: imago images, imago images/ZUMA Wire)
Der Missmut in der Bevölkerung angesichts der andauernden Corona-Beschränkungen wächst. imago images/ZUMA Wire

Politische Kommunikation ist Stellschraube bei der Motivation

Die Pandemiemüdigkeit nimmt zu. Es seien Misserfolge wie bei der Corona-App und „merkwürdige“ Debatten wie um den AstraZeneca-Impfstoff, die die Politik und ihre Kommunikation wenig überzeugend machen würden. Dabei würde es laut Wagner helfen, wenn wir von der Kompetenz derjenigen überzeugt seien, die uns die Regeln vermitteln – und nicht den Eindruck hätten, sie wollten ihre Wahlchancen verbessern. „Ich unterstelle jetzt der Politik nicht, dass sie alle diesen negativen Motiven folgen. Aber so kommt die Kommunikation der Politik aus Berlin und aus den Bundesländern leider im Moment in der Bevölkerung an.“

Kommunikation spielt eine wichtige Rolle bei der Vermittlung bestimmter Anti-Corona-Maßnahmen. Da sehen einige Menschen gewisse Defizite in der Politik. (Foto: imago images, imago images/photothek)
Kommunikation spielt eine wichtige Rolle bei der Vermittlung bestimmter Anti-Corona-Maßnahmen. Da sehen einige Menschen gewisse Defizite in der Politik. imago images/photothek

Gefühl, in der eigenen Stadt etwas bewirken zu können

Die von mehreren Seiten vorgetragene Idee, Lockerungen mit einem Wettstreit zwischen Städten zu verbinden, findet Wagner gut. Weniger wegen des Wettstreits als vielmehr wegen der lokalen Komponente, dass also die Einschränkungen an lokalen Inzidenzwerten festgemacht wären: „Dann habe ich nämlich als Bürger der Gemeinde den Eindruck, durch mein Verhalten kann ich tatsächlich das, was in meiner Umgebung geschieht, beeinflussen.“ Das würde uns stärken und uns den Eindruck geben, wieder mehr Kontrolle über die Situation zu haben. Mehr Kontrolle, weniger gelernte Hilflosigkeit.

Tübingen gilt bislang mit ihrer konsequenten Teststrategie als eine der Vorzeigestädte bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie. (Foto: imago images, imago images/Eibner)
Tübingen gilt bislang mit ihrer konsequenten Teststrategie als eine der Vorzeigestädte bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie. imago images/Eibner

Ulrich Wagner kennt das Argument des „Shopping-Tourismus“; dass Menschen aus einem Bezirk mit geschlossenen Geschäften einfach in einem Bezirk einkauften, wo die Geschäfte wieder geöffnet sind. Aber spätestens bei Schulöffnungen gelte das nicht mehr:

Niemand wird sein Kind ummelden in einen anderen Bezirk, nur weil dort die Inzidenzraten niedriger sind.

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