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Im Herbst fühlen sich manche niedergeschlagen. Aber, wo liegt die Grenze zwischen Herbstblues und Depression? Psychologieprofessor Arnold Brinkmann von der Katholischen Universität Eichstätt im Interview.

Was ist der Unterschied zwischen einem Novemberblues und einer echten Depression?

Der Unterschied ist gravierend. Eine deprimierte Stimmung kann jeden mal treffen. Doch bei einem Herbstblues verschwindet dieses Gefühl nach einiger Zeit wieder. Also es wäre untypisch, dass das länger als mehrere Tage andauert. Depressionen sind schwerwiegender von den Symptomen und sind vor allen Dingen dauerhafter.

Was sind erste Anzeichen für eine depressive Verstimmung?

Am Beginn einer depressiven Entwicklungen ist häufig ein starker Interessenverlust zu beobachten. Die Dinge, die bisher Spaß oder Freude gemacht haben, machen keine Freude mehr. Charakteristisch ist auch eine starke Antriebslosigkeit, dass man sich zu immer weniger Dingen aufraffen kann oder immer mehr Mühe aufwenden muss, um ganz normale Dinge zu erledigen.

Dauerhafte Schwierigkeiten bei der Bewältigung von Alltagsaufgaben können erste Anzeichen einer Depression sein. (Foto: Colourbox, Erwin Wodicka)
Dauerhafte Schwierigkeiten bei der Bewältigung von Alltagsaufgaben können erste Anzeichen einer Depression sein. Erwin Wodicka

Ab wann wird eine depressive Verstimmung zur Depression?

Wenn es für so eine deutliche Niedergeschlagenheit und deutliche Verstimmung keine nachvollziehbare Ursache gibt, sei es durch einen Trauerfall oder sowas in der Richtung. Wenn das länger als zwei Wochen anhält, dann sollte man sich darum kümmern und das möglicherweise auch abklären lassen.

Welchen Einfluss hat diese eher graue Jahreszeit auf unsere Stimmung?

Als verursachender Faktor ist das, glaube ich, überschätzt. Dass das Einfluss auf den Verlauf einer Depression nimmt, denke ich, ist nicht von der Hand zu weisen. Denn das, was nicht erkrankte Menschen in ihrer Stimmung trifft, trifft natürlich auch Menschen, die gerade an einer Depression leiden.

Bei diesem grauen Wetter sich aufzuraffen, Positives zu sehen, fällt natürlich schwerer und von Depressionen Betroffenen und natürlich noch einmal mehr. Aber dass Depressionen sich nur entwickeln würden wegen dieser saisonalen Umstände, das ist ausgesprochen selten.

Menschen mit Depressionen benötigen professionelle Hilfe. (Foto: Colourbox, Colourbox)
Menschen mit Depressionen benötigen professionelle Hilfe. Colourbox

Warum wurden Depressionen lange nicht so richtig als Krankheit ernst genommen?

Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, das haben die Depression mit vielen anderen psychischen Störungen gemeinsam. Lange war man der Meinung, das sei mehr so eine Willensgeschichte und das seien Menschen, die willensschwach sind, die sich hängen lassen. Und man müsste sich nur genug anstrengen, dann würde das schon wieder.

Das Bewusstsein, dass es sich bei Depressionen um eine wirklich schwerwiegende Erkrankung handelt hat sich erst in den letzten Jahren weiter durchgesetzt, zum Beispiel auch durch den Suizid von Robert Enke. Hier hat im Anschluss eine recht erfreuliche Diskussion stattgefunden, wodurch diese Tabuisierung sowohl der Depression wie auch der Suizidalität durchaus ins öffentliche Bewusstsein gerückt sind.

Gedenkminute für den ehemaligen Nationaltorhüter Robert Enke. (Foto: Imago, Jan Huebner/Mohr via www.imago-images.de)
Gedenkminute für den ehemaligen Nationaltorhüter Robert Enke. Imago Jan Huebner/Mohr via www.imago-images.de

War der Suizid des Torwarts Robert Enke vor zehn Jahren ein Wendepunkt in der Wahrnehmung von Depressionen?

Ich denke, dass seine Frau sehr viel dafür getan hat. Die Witwe von Robert Enke ist in der Folgezeit sehr aktiv gewesen und ich glaube, das hat viel bewirkt.

Ist Suizidprävention auch im Alter ein Thema?

Eine Depressionen ist eine psychische Störung, die im Alter in der Regel nicht verschwindet, sondern die im Alter andauern kann. Und da spielt dann natürlich zum Beispiel auch eine Rolle, wenn es zu Heimeinweisungen kommt - erst recht wenn diese vielleicht nicht mit dem Einverständnis des Betroffenen oder der Betroffenen stattfindet oder als Kränkung erlebt wird. Da kann es dann sehr leicht sein, dass verschiedene Dinge zusammenkommen, die dann dazu führen, dass bei den Betroffenen nicht nur Suizidgedanken da sind, sondern das möglicherweise auch in die Tat umgesetzt wird.

Wenn sich ältere Menschen "abgeschoben" fühlen, kann das Depressionen begünstigen. (Foto: Colourbox, Colourbox)
Wenn sich ältere Menschen "abgeschoben" fühlen, kann das Depressionen begünstigen. Colourbox

Welche Angebote zur Behandlung von Depressionen beziehungsweise zur Suizidprävention gibt es?

Für diejenigen, die akut betroffen sind. Zum Beispiel von Suizidgedanken die ihnen zu schaffen machen, gibt es bundesweit die Telefonseelsorge, die rund um die Uhr kostenlos erreichbar und überall gut zugänglich ist. Dort sitzen Menschen am Telefon, die sich auch mit Suizidalität auskennen. Wenn man merkt, man ist wirklich über längere Zeit niedergeschlagen, schlecht gelaunt, hat keinen Antrieb mehr. Dann sollte man professionelle Unterstützung suchen.

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